Mary kam vor vier Jahren aus Kenia nach Deutschland, um Asyl zu beantragen. Zurück ließ sie ihre Zwillinge, die inzwischen zwölf sind. Sie ist geduldet und fürchtet, jederzeit abgeschoben werden zu können. Kraft gibt ihr in dieser unsicheren Situation ihr Engagement für Women in Exile, einer Peer-to-Peer-Initiative, bei der Geflüchtete andere unterstützen. In Unterkünften haben Frauen mit Problemen wie sexualisierter Gewalt, fehlender Privatsphäre und mangelnder Hygiene zu kämpfen.

Kein Termin, kein Geld

Einmal im Monat muss Mary zur Ausländerbehörde, um ihre Duldungsbescheinigung zu verlängern. Jedes Mal hat sie Angst. Geduldet zu sein heißt, dass die Abschiebung temporär ausgesetzt ist – für einen Zeitraum, den noch niemand kennt. Für die 40-Jährige bedeutet das, in einem Zustand ständiger Unsicherheit zu leben. „Vielleicht ist das nächste, was andere Leute von mir hören werden, dass ich in Kenia bin“, sagt Mary, die eigentlich anders heißt. Ihren echten Namen möchte sie nicht öffentlich nennen, solange ihr Asylverfahren noch in der Schwebe ist. Bis dahin verfolge sie die Angst, abgeschoben werden zu können. „Das ist ein Gefühl, mit dem ich leben muss.“

Als sie das letzte Mal die Räume der Behörde in der kleinen brandenburgischen Stadt betrat, beobachtete sie, wie eine Frau in Tränen ausbrach. „Sie sagte, dass sie Medikamente kaufen müsse.“ Allerdings bekam sie ihre Sozialleistungen nicht ausgezahlt, weil sie ihren Aufenthalt nicht rechtzeitig verlängert hatte. „Aber es ist ein Albtraum, online einen Termin zu vereinbaren. Es heißt dauernd, dass alles ausgebucht ist.“ Ein Dilemma. Denn ohne Verlängerung gibt es kein Geld.

Immer wieder haben sie mich zur kenianischen Botschaft geschickt, aber die stellen keine Dokumente aus. Zur Strafe wurde mir das Geld gekürzt.

Mary hat kein Verständnis für diese Situation. „Es ist nicht unsere Schuld, dass es keine Termine gibt. Ich weiß nicht, was die glauben, wovon wir leben.“ Sie selbst bekomme 200 Euro im Monat. Davon muss sie Essen kaufen, Kleidung, Fahrkarten – alles, was sie zum Leben braucht. Eigentlich würde sie das Doppelte bekommen. Aber ihre Leistungen seien gekürzt worden, weil sie keinen Pass vorweisen könne. „Immer wieder haben sie mich zur kenianischen Botschaft geschickt, aber die stellen keine Dokumente aus. Zur Strafe wurde mir das Geld gekürzt.“

Vor vier Jahren ist Mary nach Deutschland gekommen. „Es gibt in Kenia Dinge, die nicht erlaubt sind“, sagt Mary – ohne ins Detail zu gehen. Sie sei damals in Gefahr gewesen. Eine Deutsche habe ihr erzählt, dass sie in Deutschland sicher sein würde. So entschied Mary, herzukommen. Doch die Sicherheit, die sie sich dringend wünscht, hat sie bisher nicht gefunden.

Women in Exile: Geflüchtete stärken sich gegenseitig

Mary nippt an einem Becher mit Kakao. Sie sitzt in einem Café an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln, nahe des Berliner Büros von Women in Exile. Seit drei Jahren engagiert sie sich für die 2002 von geflüchteten Frauen gegründete Initiative, die ihren Hauptsitz in Potsdam hat. Women in Exile verfolgt dabei einen Peer-to-Peer-Ansatz: Geflüchtete Frauen, die schon länger in Deutschland leben, unterstützen andere. Sie organisieren Workshops und Treffen, bei denen sie mehr über Rechte erfahren und sich gegenseitig stärken können. 

Regelmäßig besuchen Mitglieder von Women in Exile Unterkünfte für Asylbewerber*innen, machen sich ein Bild von der Unterbringung und den hygienischen Verhältnisse, berichten dort lebenden Frauen von ihren Angeboten. So kam auch Mary, die in einer Unterkunft im Landkreis Dahme-Spreewald wohnt, zu Women in Exile.

Familienzusammenführung abgelehnt

Vor einigen Monaten hätte ich nicht so hier sitzen und so sprechen können, wie ich es gerade tue.

In Kenia hat Mary eine Schule für Kommunikation besucht und danach in einer Apotheke als Verkäuferin gearbeitet. Später hat sie Kuchen gebacken und auf der Straße verkauft. „Dort muss man irgendwie überleben. Man probiert eine Menge aus. Wenn das eine nicht funktioniert, macht man etwas anderes.“ Gerne würde sie das auch in Deutschland tun: lernen, arbeiten, sich selbst finanzieren. „Dann könnten wir ganz normal unsere Rechnungen zahlen. Aber stattdessen sind wir an einem Ort eingesperrt, dürfen nicht produktiv sein und können nichts tun“, sagt sie. Denn ohne besondere Erlaubnis dürfen Geduldete in Deutschland nicht arbeiten. Auch ihren Landkreis dürfte Mary ohne Genehmigung nicht verlassen. Trotzdem fährt sie regelmäßig nach Berlin, um an den Treffen von Women in Exile teilzunehmen. Sie brauche etwas zu tun, sagt sie. Ihr Engagement gebe ihr Kraft. „Vor einigen Monaten hätte ich nicht so hier sitzen und so sprechen können, wie ich es gerade tue.“

Was es für sie bedeuten würde, zurück nach Kenia zu gehen? „Ich weiß, dass ich dort nicht sicher bin. Keine Ahnung, was die Leute tun werden, die mir das Leben schwergemacht haben und mich bestrafen wollten.“ Was genau passiert ist, erzählt Mary nicht. Aber es führte dazu, dass sie für eine ungewisse Zukunft flüchtete und ihre beiden Töchter in Kenia zurückließ. Die Zwillinge waren damals neun Jahre alt. Zu jung, um zu verstehen, was vor sich ging. „Die Situation ist sehr schwierig“, sagt Mary. Irgendwann, wenn sie älter sind, wolle sie den beiden alles erklären. Häufig telefoniert Mary mit ihren Töchtern, die bei der Großmutter leben. Dann stellen die beiden Fragen: „Wann kommst du zurück? Wann können wir zu dir?“ Eine Antwort auf diese Fragen hat Mary nicht. Ihre Anträge auf Familienzusammenführung wurden abgelehnt.

Geschlechtsspezifische Verfolgung selten anerkannt

Frauen suchen aus verschiedenen Gründen Asyl in Deutschland. Neben Kriegen, Vertreibungen und Umweltkatastrophen gibt es auch geschlechtsspezifische wie patriarchale Unterdrückung. „Viele Frauen kommen, weil in einigen afrikanischen Ländern homosexuelle Beziehungen verboten sind“, sagt Mary. Selbst, wenn Beziehungen zwischen Frauen offiziell legal seien, sei es mitunter schwer – oder sogar lebensgefährlich. „Gesellschaftlich wirst du deshalb noch nicht unbedingt akzeptiert. Es kann passieren, dass man deshalb ermordet wird.“

Ein anderer Grund sind weibliche Beschneidungen und Genitalverstümmlungen, die beispielsweise in Somalia, Guinea und Djibouti, aber auch in anderen Ländern praktiziert werden. „Das hat schlimme Auswirkungen auf den Körper und die Psyche“, sagt Mary.

2023 haben in Deutschland laut Pro Asyl knapp 94.000 Frauen und Mädchen um Asyl gebeten. Mehr als 22.000 von ihnen kamen aus Syrien, rund 20.000 aus der Türkei und mehr als 9.000 aus Afghanistan. „Sie flüchten aus Herkunftsländern, in denen oft seit langer Zeit Gewalt und Willkür herrschen, und aus Staaten, die sie nicht vor frauenverachtenden Übergriffen und Attacken schützen“, teilte die Organisation in einer Mitteilung zum Internationalen Frauentag mit. Darin forderte sie Bund und Länder auf, geflüchtete Frauen besser zu schützen.

Sammelunterkünfte ohne Gewaltschutzkonzepte

Denn Frauen, die im Heimatland und auf der Flucht bereits sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren, sind auch am vermeintlichen Ziel der Reise nicht unbedingt sicher. In Gemeinschaftsunterkünften würden Frauen nicht ausreichend vor Gewalt geschützt – und die Asyl-Anerkennungspraxis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge erkenne geschlechtsspezifische Verfolgung in den Herkunftsländern zu wenig an, kritisiert Pro Asyl.

Sogar die Badezimmer waren gemischt. Die Männer hatten Zugang zu unseren Zimmern, wir konnten nicht abschließen. Das war sehr beängstigend.

In den Unterkünften träfen Frauen, die Gewalterfahrung gemacht haben, auf Männer, die sie als Bedrohung empfinden könnten. In vielen Sammelunterkünften fehlten Gewaltschutzkonzepte. „Noch immer ist es keine Seltenheit, dass Toiletten, Duschen oder Schlafräume in Flüchtlingsunterkünften nicht abschließbar sind. Frauen, die bereits an Körper und Seele schwere Verletzungen erlitten haben, werden so zusätzlich geängstigt und strukturell der Gefahr weiterer Gewalt ausgesetzt“, kritisiert Pro Asyl.

Das entspricht auch Marys Erfahrungen. Ihre erste Station in Deutschland war die Erstaufnahmeeinrichtung im Brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Nur die Schlafräume seien für Frauen und Männer getrennt gewesen. „Sogar die Badezimmer waren gemischt. Die Männer hatten Zugang zu unseren Zimmern, wir konnten nicht abschließen. Das war für uns sehr beängstigend“, erzählt Mary. Auch die hygienische Situation sei damals – mitten in der Coronapandemie – schlecht gewesen. „Man hat uns dermaßen vernachlässigt hat, dass wir irgendwann keine Hygieneprodukte mehr hatten und Stoffstücke aus unserer Kleidung schneiden mussten, um sie als Binden zu verwenden.“

Sechs bis acht Frauen aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, Religionen, Kulturen und politischen Ansichten zusammen in einem Zimmer. „Aufenthaltsräume gab es keine, deswegen sind wir meistens draußen rumgelaufen, um miteinander zu reden“, erzählt Mary. Während der Pandemie habe sie sich gefühlt wie in einem Gefängnis.

Mary in einem Berliner Café (Foto: Inga Dreyer)

Viele geflüchtete Frauen seien in einem schlechten psychischen Zustand, einige auch suizidgefährdet. Die gesundheitliche und psychosoziale Versorgung aber reiche nicht aus. Erst kürzlich wurde der Zeitraum, in dem Asylsuchende einen eingeschränkten Zugang zum regulären Gesundheitssystem haben, von 18 auf 36 Monate verlängert. Behandelt werden unter anderem akute Schmerzzustände. Auch die Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt sowie Impfungen sollen gewährleistet sein. Ein großes Problem aber seien sprachliche Hürden, berichtet Mary.

Manche Leute sagen auf der Straße zu uns: Geh zurück in dein Land.

Inzwischen lebt sie in einer Unterkunft im Landkreis Dahme-Spreewald. „Es ist ein altes Gebäude irgendwo mitten im Wald. Vor allem für Frauen und Kinder ist das ein schlechter Ort, weil er so vernachlässigt ist.“ Manchmal bringe tagelang niemand den Müll aus der Küche, obwohl es dafür zuständiges Personal gebe. „Der Gestank ist fürchterlich.“ Der Bus, den fast ausschließlich Geflüchtete nutzen, fahre nur selten und biete wenig Platz für Kinderwagen. Manchmal können deshalb nicht alle mitfahren und müssen warten, bis der nächste Bus kommt. Eine unangenehme Situation, sagt Mary. „Wenn du den Bus verpasst, hast du Angst, weil du dich nicht sicher fühlst. Manche Leute sagen auf der Straße zu uns: Geh zurück in dein Land.“

Ginge es nach Women in Exile, würden geflüchtete Frauen nicht mehr an solchen abgelegenen Orten untergebracht. Es gäbe für sie überhaupt keine Unterkünfte mehr. Denn die Initiative fordert die „Abschaffung aller Lager für Frauen und Kinder“. Stattdessen solle angemessener Wohnraum vermittelt werden, sagt Mary. Ob die Demonstrationen von Women in Exile, die politische und Medienarbeit etwas bringen wird, weiß Mary nicht. Aber sie macht weiter – und arbeitet dafür, dass sich ihre eigene und die Situation anderer geflüchteter Frauen verbessern wird. „Ich kenne mein Schicksal nicht. Aber ich hoffe auf ein besseres Morgen.“

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Inga Dreyer

Inga Dreyer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt über Kultur, Politik und soziale Themen.

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