Frauke K., 51 Jahre alt, raucht seit mehreren Jahrzehnten Crack. Ein Protokoll über die Macht des Rauschs und Freund*innenschaften in der Hamburger Drogenszene.*

Von Katharina Schipkowski

Frauke K. sitzt entspannt in einem Sessel der Drogenhilfeeinrichtung Abrigado in Hamburg-Harburg. Bevor sie zum Interview in den Beratungsraum gekommen ist, hat sie im Konsumraum zwei Pfeifen geraucht. Eine braune Kugel, das war Heroin, und eine weiße, das war Crack.

Crack ist nicht neu, seit den 80er-Jahren ist es in der Drogenszene fest etabliert. Dennoch häufen sich derzeit die Berichte aus vielen deutschen Städten, dass die Zahl der Konsument*innen regelrecht explodiere. Ein Konsumraum in Düsseldorf etwa verzeichnete 2016 210 Konsument*innen – und in den ersten sieben Monaten des Jahres 2023 19.500. Der Bundesdrogenbeauftragte, Burkhard Blienert, sagte der ARD, man sehe in acht Bundesländern einen „teilweise massiven“ Anstieg des Konsums. In Hamburg ist Crack in der offenen Drogenszene hingegen schon lange sehr präsent.

Auf dem sterilen Stahltisch in dem gekachelten Raum von Abrigado liegen Konsum-Utensilien: Eine Rolle Alufolie, eine Tasse mit Natron. Drei Personen sitzen am Tisch, einer fummelt an seiner Pfeife herum, einer sucht etwas unter seinem Stuhl, einer hat sich eine Hamburger Morgenpost mitgebracht. Durch eine weitere Glaswand kann man in den Expressraum gucken: Der ist extra zum Rauchen und Naseziehen da, es gibt keine Sitzmöglichkeiten – Crackabhängige müssen sich nicht spritzen. Der Expressraum wird genutzt, wenn es schnell gehen muss. Crackkonsument*innen haben es meist eilig.

Das erste Mal Crack

„Als ich zum ersten Mal Crack geraucht hab’, habe ich meine Augen geschlossen und mir die Ohren zugehalten, um besser zu spüren. In meinem Kopf hat es ‚Wuuumms‘ gemacht, sehr laut. Dann habe ich mich ganz leicht gefühlt. Das war vor 35 Jahren. Damals war der Stoff noch besser. Heute mischen sie Speed drunter, das geht auf die Pumpe. Ich krieg’ zum Glück keine Paranoia, aber viele andere kriegen das. Die Leute werden teilweise aggressiv. Und der körperliche Verfall ist krass. Wir nennen das ‚Breakdancer‘, wenn die so zappelig sind.

In meinem Kopf hat es ‚Wuuumms‘ gemacht, sehr laut. Dann habe ich mich ganz leicht gefühlt.

Frauke

Ich rauche etwa ein Gramm am Tag, das sind täglich 40, 50 Euro. Das Geld schnorre ich mir zusammen. Ich hab’ mich auch schon mal prostituiert, wenn wirklich gar nichts ging. Ansonsten sammel’ ich Pfand. Wenn zu wenig zusammenkommt, hilft mir auch mal ein Dealer oder jemand anderes aus. Mit zwei, drei Leuten hier bin ich sehr eng befreundet. Wir treffen uns auch regelmäßig und kochen zusammen, gucken einen Film oder spielen Brettspiele.

Ich war 14, als ich Crack probierte. Ich hatte jemandem geholfen, ein Typ war von Zivilbullen verfolgt worden. Er gab mir seinen Stoff, ohne dass sie es sahen, und ich blieb einfach sitzen und machte keinen Mucks. Zum Dank hat er mich danach eingeladen. Wir sind zu ihm gegangen und haben mit ein paar Alt-Junks Crack geraucht. Damals gab es noch keine Pfeifen, oder sie waren nicht so verbreitet. Jedenfalls haben die aus einer Colaflasche mit ’nem Schlauch dran geraucht, wie so ’ne selbst gebastelte Bong. Ich war neugierig. Ich hatte damals schon Heroin gedrückt.

Meine Mutter war damals alleinerziehend. Ich war rebellisch drauf, war jede Nacht unterwegs und kam nur tagsüber nach Hause, wenn sie arbeiten war. Irgendwann kam ich nicht mehr rein, sie hatte das Türschloss ausgetauscht. Dann bin ich zu ’ner Freundin, oder ’ner sogenannten. Die war auf Heroin. So hat alles seinen Lauf genommen.

Wenn heute jemand zu mir kommt und Crack probieren will, reagiere ich ganz allergisch, selbst wenn er schon Hero nimmt. Genauso wenn jemand fragt, ob ich ihm helfen kann, einen Druck zu machen. Ich werde dann sauer und sage: ‚Frag mich nie wieder! Wenn du das willst, musst du es schon alleine machen.‘ Ich könnte mir auch selber nichts mehr spritzen, spritzen macht mir Angst. Rauchen ist viel einfacher und schneller. Seit 29 Jahren rauche ich nur noch.

Ich könnte mir auch selber nichts mehr spritzen, spritzen macht mir Angst.

Frauke

Ich habe derzeit weder Kontakt zu meinem Sohn noch zu dem Vater meines Sohnes. Mein Sohn ist jetzt 15. Als er 9 war, haben sie ihn mir von heute auf morgen weggenommen. Es war mein Fehler. Ich hätte mir früher Hilfe suchen sollen. Früher, als er klein war, konnte ich das Rauchen noch kontrollieren. Ich habe nur ein, zwei Mal die Woche geraucht. Damals konnte ich ihn in den Kindergarten bringen und beschaffen oder konsumieren gehen. Dann hat er aber blöde Sachen gemacht und ich konnte ihn nicht mehr dort lassen. Er hat emotionale Defizite, braucht eine spezielle Betreuung und es kann nicht jeder gut mit ihm umgehen.

Ich bekam zwar Hilfe vom Jugendamt, aber das Doppelleben war anstrengend: Ich wollte nicht, dass er sieht, dass ich Hero und Stein konsumiere. Und er hat eben diese emotionale Störung und ich war oft allein mit ihm, das war zu viel. Als er mir weggenommen wurde, bin ich völlig abgerutscht. Anfangs durfte ich ihn noch besuchen, da hat er jedes Mal gesagt ‚Mama, du musst mehr essen.‘ Das hat mir wehgetan. Heute ist er in guten Händen. Ich hätte gern wieder Kontakt zu ihm.

Nie ein drogenfreies Leben

Ob ich es bereue, jemals Crack angefasst zu haben? Nein. Ich möchte die ganze Drogenzeit nicht missen. Es waren viele schlechte Zeiten dabei, aber allgemein geht es mir relativ gut. Wobei, im Moment bin ich psychisch und nervlich angeknackst, bei jeder Kleinigkeit kommen mir die Tränen. Seit vier Monaten bin ich obdachlos. Ich schlafe mal bei ’ner Freundin, mal in ’nem leerstehenden Haus, hier und da.

Wenn die Sonne scheint, hole ich mir einen Stein, gehe auf die Wiese, höre Musik mit Kopfhörern und male Mandalas. Das gibt mir Ruhe.

Frauke

Als Frau ist es draußen alleine gefährlich. Eine Zeit lang war ich in ’ner Einrichtung, wo man morgens um 9 Uhr raus musste und abends um 19 Uhr wieder rein durfte. Das war aber stressig, da sind mehr so Alkoholiker. Die denken, wir klauen. Bei einer anderen Einrichtung bin ich rausgeflogen, weil das Amt nicht mehr gezahlt hat. Aktuell zahlt das Amt schon wieder nicht, ich klage aber dagegen.

Ins Abrigado komme ich jeden Tag. Wegen der Beratung und den Leuten, die hier arbeiten, das sind zum Teil meine engsten Bezugspersonen. Auch, weil es hier besseren Stoff gibt als am Hauptbahnhof. Vor ein paar Monaten war ich in einer drogenfreien Lebensgemeinschaft von ehemals Süchtigen. Da war ich acht Monate clean. Dann bin ich rückfällig geworden. Mir ist klar, dass ich nie ein drogenfreies Leben führen werde – nach 37 Jahren Konsum. Stein will ich so einmal im Monat rauchen, das will ich behalten. Ich genieße den Rausch. Wenn die Sonne scheint, hole ich mir einen Stein, gehe auf die Wiese, höre Musik mit Kopfhörern und male Mandalas. Das gibt mir Ruhe.“

*Dieser Artikel erschien zuerst am 1. Februar 2024 auf taz.de. Wir danken der Autorin Katharina Schipkowski sowie der Redaktion der taz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

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