„Es braucht ein bisschen Mut für außergewöhnliche Lösungswege“
Ende Mai 2026 hat in Köln die DILLE27 eröffnet. Es ist der weltweit erste Drogenkonsumraum in Trägerschaft einer Selbsthilfeorganisation, des Kölner Vereins VISION e.V.
Der offizielle Name – DILLE27 – gibt Außenstehenden zunächst Rätsel auf. Er ist aber schlicht die Kurzform der Adresse Dillenburger Straße 27 in Kalk, einem Kölner Bezirk, der als Brennpunkt von Kriminalität, Drogenhandel und -konsum immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat. Bereits seit 2008 konnte der Verein für innovative Drogen(selbst)hilfe VISION e.V. in unmittelbarer Nähe auf einem großen Freigelände in der Neuerburgstraße einen Containerbau errichten, in dem neben Büros eine Anlauf- und Kontaktstelle untergebracht ist. Nun können in der DILLE27 mitgebrachte Drogen in einem geschützten und hygienischen Umfeld konsumiert werden. Dazu wurden insgesamt neun Plätze für inhalativen und intravenösen Konsum eingerichtet. Wir haben mit VISION-Geschäftsführerin Claudia Schieren und der DILLE27-Leiterin Jona Pfaff gesprochen.
Drei Dutzend Drogenkonsumräume und Drogenkonsummobile gibt es mittlerweile in Deutschland, verteilt auf 19 Städte. Was unterscheidet die DILLE27 von anderen Konsumräumen, die es sonst in der Republik gibt?
Jona Pfaff: VISION hat 35 Jahre Erfahrung in der Selbsthilfe gesammelt. Diese ganz besondere Expertise konnten wir bereits bei der Planung und dann auch bei der Einrichtung des Drogenkonsumraums einbringen.
Eine große Besonderheit ist etwa unser Tagesruheraum mit zwei Ruhebetten und Sitzsäcken, wo die Menschen nach dem Konsum dann auch noch einmal ein bisschen Ruhe finden. Es ist ein kleiner, geschützter Raum, der etwas abgedunkelt ist und in dem sich Leute, die ewig lange unterwegs sind und tagelang nicht ruhig geschlafen haben, einfach mal zurückziehen können. Vergleichbares gibt es in anderen Drogenkonsumräumen nicht. Wir haben von den Nutzer*innen bereits sehr viel Lob für die Gestaltung bekommen. Unser recht großer Wartebereich hat hohe Decken, alles ist sehr offen und lichtdurchflutet.
Während die meisten anderen Konsumräume klassisch weiß gestrichen oder gekachelt sind, haben wir uns für Farbe entschieden und einige Elemente mit Graffiti gestalten lassen, die thematisch passen. Auch die Konsumplätze haben wir nicht nach Ziffern gestaltet. Bei uns hat jeder Platz ein passendes Schließfach und beides hat einen einheitlichen Namen. Das haben wir mit viel Phantasie, Liebe und Leidenschaft entworfen – Beschriftungen wie „Feel Welcome“ oder im Inhalativ-Raum „silver pub“, das steht sinngemäß für „Blech rauchen“. Wir haben die Räume auch dahingehend gestaltet, dass sie den praktischen Bedürfnissen beim Konsum bestmöglich entsprechen.
Worin zeigt sich das zum Beispiel?
Jona Pfaff: In den vier Tischen, an denen intravenös konsumiert werden kann, befinden sich Abwurflöcher, in denen nach dem Konsumvorgang die Spritzen direkt entsorgt werden. Es gibt eine abgetrennte Kabinenecke mit einem Vorhang, hinter dem die Leute beim intravenösen Konsum im Leistenbereich oder beim Analkonsum ohne Nadel sichtgeschützt die Hose herunterlassen können.
Es gibt zudem einen „Roller Seat“. Das ist gleich der erste Platz im intravenösen Konsumbereich, der bevorzugt für Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen reserviert ist. Für den schnellen Konsum wurde ein Crack-Express-Platz eingerichtet, damit auch diese Konsument*innen verstärkt zu uns kommen. An diesem Platz liegt die Nutzungsdauer bei fünf Minuten, bei den anderen Plätzen bei maximal 30 Minuten.
Der Standort der DILLE27 ist gezielt gewählt.
Jona Pfaff: Unser Kontaktladen liegt in direkter Nähe, quasi gegenüber, sodass die Leute nicht sofort nach dem Konsum wieder auf die Straße geschickt werden, sondern die Möglichkeit haben, sich im angrenzenden Kontaktladen aufzuhalten und sämtliche Grundbedürfnisse zu erfüllen. Dort stehen Sanitäranlagen und eine Dusche zur Verfügung, es gibt eine Kleiderkammer und jeden Tag frisches Mittagessen.
Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr als Selbsthilfeverein einen eigenen Konsumraum betreibt? Das ist ein absolutes Novum.
Claudia Schieren: Das ist richtig. Die Idee ist aber keineswegs neu und tatsächlich aus der Selbsthilfe heraus entstanden. Bernd Lemke, der 1990 den Kölner Junkie Bund gründete, die Vorläuferorganisation von VISION e.V., schwebte damals schon eine eigene, von Selbsthilfe betriebene Einrichtung vor, in der Menschen Drogen konsumieren dürfen. Damals war die Zeit dafür aber noch nicht bereit und bis zur Verwirklichung hat es tatsächlich 36 Jahre gedauert.
Claudia SchierenDas riesige Erfahrungswissen [von Drogenkonsument*innen] muss genutzt werden. In dieser Hinsicht sind die gesetzlichen Voraussetzungen zum Betrieb von Drogenkonsumräumen zu hochschwellig.
Forciert wurde die Umsetzung über viele Jahre vom früheren Vision-Geschäftsführer Marco Jesse, der dazu kontinuierlich mit der Stadt in Kontakt stand und immer wieder den Bedarf angemeldet hat. 2017 hat der Stadtrat dann tatsächlich beschlossen, dass rechtsrheinisch ein Konsumraum geschaffen werden sollte.
Als ich 2020 die Geschäftsführung übernahm, wurde das Ganze konkreter. Als Standort wurde Köln-Kalk bestimmt und zufälligerweise wurden direkt gegenüber unserem Kontaktladen passende Räume dafür gefunden. Damit stand auch inoffiziell praktisch fest, dass VISION, auch als Drogenberatungsstelle anerkannt, den Konsumraum betreiben würde. Für einen anderen Träger ohne weitere Infrastruktur vor Ort, über die wir bereits verfügten, wäre das kaum möglich gewesen.
Anfangs wurde von uns noch ein großer finanzieller Eigenanteil für die Einrichtung erwartet, den wir aber nicht hätten aufbringen können. Als es deshalb öffentlich und von verschiedenen politischen Parteien Druck gab, hat die Stadt neu entschieden und der Konsumraum ist nun in vollem Umfang öffentlich finanziert.
Wie viele Menschen sind derzeit bei DILLE27 in Teil- bzw. Vollzeit im Einsatz?
Claudia Schieren: Das Team besteht derzeit aus zwölf Personen und wird sukzessive weiter aufgebaut. Im Gegensatz zu unserem Angebot im Kontaktladen, wo das Team ausschließlich aus Menschen mit Konsumerfahrung besteht und durch Ehrenamtliche und Sozialstündler*innen unterstützt wird, arbeiten im Konsumraum fast ausschließlich Fachkräfte und keine Konsument*innen.
Auch hier Menschen mit Konsumerfahrung partizipieren zu lassen, wäre eine immense Aufwertung der Angebote in den Konsumräumen. Dieses riesige Erfahrungswissen muss genutzt werden. In dieser Hinsicht sind die gesetzlichen Voraussetzungen zum Betrieb von Drogenkonsumräumen zu hochschwellig. Um dies umzusetzen, müssen die Bedingungen und gesetzlichen Vorgaben überarbeitet werden.
Aus allen Richtungen ruft es nach Partizipation, Entstigmatisierung und Wertschätzung Drogen gebrauchender Menschen: Das wäre ein Anfang.
Welche Aufgabenbereiche decken die Mitarbeiter*innen der DILLE27 aktuell ab?
Derzeit arbeiten im Drogenkonsumraum Pflegefach- und Hilfskräfte sowie Sozialarbeitende; darunter auch eine Kollegin, die für die Umfeldpflege zuständig ist und sich um Vernetzung, Kooperationstreffen und Arbeitskreise kümmert. Sie fungiert zudem als Ansprechperson für die Nachbarschaft und achtet darauf, dass es um den Drogenkonsumraum herum nicht zu Störungen kommt. Sobald das in NRW geplante Modellvorhaben zum Drug-Checking startet, wollen wir unser Angebot auch damit erweitern.
Wie haben die Anwohnenden reagiert, als der Standort des Konsumraums bekannt gegeben wurde? Gab es Widerstand oder wurde er vielleicht sogar begrüßt?
Claudia Schieren: Wir hatten tatsächlich Glück. Sehr viele Anwohner*innen gibt es eigentlich nicht, aber in direkter Nachbarschaft befindet sich eine Grundschule. Mit der haben wir sehr früh Kontakt aufgenommen und Informationsabende veranstaltet, um alles genau zu erklären. Denn natürlich machen sich Eltern Sorgen, dass ihre Kinder vielleicht mitbekommen, was hier passiert, und das nicht einordnen können. Im Großen und Ganzen ist der Konsumraum hier sehr willkommen, auch, weil damit die Hoffnung verbunden ist, dass dadurch weniger Konsum auf den Straßen passiert.
Der Konsumraum hat seine Türen seit Ende Mai geöffnet. Wie wird das Angebot bislang angenommen?
Jona Pfaff: Wir merken, wie die Nutzungszahlen von Woche zu Woche steigen. Beim ersten Besuch müssen sich die Menschen anmelden, das geschieht noch in Papierform. Danach sind sie im digitalen System und wir können so auch direkt ersehen, dass die Zahl der Nutzer*innen kontinuierlich steigt.
Anfangs hatten wir nur von 12 bis 18 Uhr geöffnet, inzwischen können wir bereits um 10 Uhr morgens öffnen. Innerhalb des ersten halben Jahres werden wir die Öffnungszeiten auf 14 Stunden erweitern, und zwar an allen sieben Tagen der Woche. Das ist nicht nur ein Wunsch, sondern eine feste Zielvorgabe im Rahmen unserer Kooperationsvereinbarung mit den Behörden. Deshalb suchen wir auch weiterhin nach Fachkräften.
Jona, nach der Vorbereitungszeit und den ersten Wochen als Leiterin der DILLE27: Hast du deine Entscheidung schon bereut?
Jona Pfaff: Coole Frage. Ich gestehe, dass ich mir das sehr gründlich überlegt habe. Es ist schon ein Brett und eine ziemlich verantwortungsvolle Arbeit. Ich hatte vorher jedoch bereits zweieinhalb Jahre bei Vision als Streetworkerin gearbeitet. Daher kannte ich nahezu alle Prozesse, wusste von der ganzen Entstehungsgeschichte und ahnte auch, was auf mich zukommen würde. Und ich fand es einfach eine großartige Chance, gemeinsam mit Claudia das Team aufzubauen und die Haltung des Kontaktladens in den Konsumraum hinüberzutragen.
Wie haltet ihr es mit dem Mikrohandel? Dieses sogenannte Zürcher Modell wird ja gerade in vielen Städten diskutiert, auch in Köln.
Claudia Schieren: Wir haben sehr feste Hausregeln für alle Besucher*innen unserer Einrichtungen, das gilt sowohl für den Konsumraum wie für unseren Kontaktladen: Keine Gewalt, weder verbal noch körperlich, keine Beleidigungen, keine Waffen, kein Konsum – außer im Konsumraum. Und keine Weitergabe von Substanzen. Diese Regeln gelten auf dem gesamten Gelände, auch für das schwarze Zelt, das wir im Außenbereich als Aufenthaltsraum anbieten. Wir kontrollieren all unsere Bereiche nicht konstant, das widerspräche unserem Konzept, unserer Haltung und Arbeitsweise. Wenn sich Probleme oder Auffälligkeiten anbahnen, sind wir zur Stelle und handeln. Solange alles friedlich ist, haben wir allerdings keinen Grund, dort regelmäßig zu kontrollieren. (Claudia lächelt verschmitzt.) Wir tolerieren keine illegalen Handlungen auf unserem Gelände. Wenn wir solche sehen würden, würden wir selbstverständlich einschreiten.
Beim Zürcher Modell ist der Mikrohandel, also die Weitergabe von Substanzen in kleinen Mengen, innerhalb einer Drogenhilfeeinrichtung erlaubt. Wie siehst du dieses Konzept?
Claudia Schieren: Es lässt sich nicht vollständig verhindern, dass Drogen verkauft werden und Konsument*innen untereinander Drogen weitergeben. Denn irgendwo muss die Substanz herkommen, die im Konsumraum legal konsumiert werden darf. Blicken wir auf Hamburg, das liegt übrigens in Deutschland, da wird in einem begrenzten Radius seit Jahren illegaler Mikrohandel betrieben und toleriert. Es wird nur nicht so benannt und erhält vielleicht deshalb auch nicht so viel Aufmerksamkeit. Es ist längst an der Zeit, dass der Gesetzgeber hier einen Weg findet, um diesen irrsinnigen Widerspruch aufzulösen. Wie dringend das ist, zeigt die Tatsache, dass sich inzwischen sehr viele Städte damit beschäftigen. Die gesetzlichen Regelungen im Betäubungsmittelgesetz sind in Deutschland und in der Schweiz sehr ähnlich. Die Schweizer erfinden ja nachweislich als Erste gute Dinge. Daran kann man sich orientieren. Es braucht nur erstmal ein bisschen Mut für außergewöhnliche Entscheidungen und Lösungswege.
Vielen Dank für das Gespräch!
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