Mario Wirz war in den 80ern einer der ersten Schriftsteller, die aus der Ich-Perspektive über Aids geschrieben haben. Mit seinem guten Freund Christoph Klimke hat er jetzt ein neues Buch veröffentlicht. Die „Nachrichten von den Geliebten“ erinnern auch an den gemeinsamen Dichterfreund Detlev Meyer, der 1999 an den Folgen von Aids starb. Paul Schulz spricht mit Mario Wirz über diskordantes Schreiben, positives Leben und die Frage, wie Literatur beim Überleben hilft.

Der Dichter hat es gerne schön. Und redet besser und lieber, während er isst und trinkt. Also lädt Mario Wirz zum Gespräch ins „Neue Ufer“ in Berlin. Das passt hervorragend zum Buch, weil es teilweise dort spielt: Hier haben sie oft beisammen gesessen. „Nachrichten von den Geliebten“ ist das Dokument einer Freundschaft zwischen zwei Dichtern, die unter anderem unterscheidet, dass einer negativ und einer positiv ist, die aber vor allem über das schreiben, was sie verbindet: ihre Herkunft, die Liebe zu bestimmten Gegenden, Orten oder Menschen.

Mario, warum gibt es „Nachrichten von den Geliebten“?
Das muss ich historisch beantworten. Eigentlich wollten Detlev Meyer und Christoph Klimke zusammen ein Buch schreiben, vor vielen, vielen Jahren, das „Böses Blut“ heißen sollte. Ein lästerliches Buch, von lästerlichen Menschen über lästerliche Dinge. Aber wie so viele andere Pläne, landete auch dieser in der Rumpelkammer der Geschichte. Und nun ist aus ganz anderen Gründen ein ganz anderes Buch entstanden.

„Ich schaue auf meine Biografie, als wäre sie der durchgeknallte Plot eines Bestseller-Autors: viel zu viele meldodramatische Einfälle“

Wie ist es dazu gekommen?
Christoph hat mich zu dem Buch eingeladen, hatte auch schon den tollen Titel, und wir haben dann einfach mal angefangen. Ich fand diese Idee ganz wunderbar, unsere beiden Biografien, unsere sehr unterschiedlichen gegenwärtigen Leben und unsere Freundschaft in einem Buch einzufangen, und damit auch ein bisschen an den dritten guten Freund im Bunde, Detlev Meyer, zu erinnern, der ja nicht mehr mitschreiben kann.

Was unterscheidet euch beide beim Schreiben?
Wo ich etwas barocker orchestriere und ausschweifender bin, ist Christoph leichter, lakonisch und schreibt mit der schnellen Hand eine wunderbaren Reportage aus einem fremden Leben. Das ergänzt sich. Wem das eine nicht gefällt, der kann das andere lesen. Niemand muss alles lesen und man kann einfach blättern und entdecken. Das ist ja auch der Sinn einer solchen Sammlung von Texten. Jeder Leser wird irgendetwas finden, das er mag.

Ist es ein diskordantes Buch?
Ich verstehe die Frage, aber wir haben, glaube ich, beide beim Schreiben nicht daran gedacht, sondern einfach jeder aus seiner Perspektive geschrieben.

Schreibt Christoph als Negativer denn anders als du?
Christoph lebt ein viel schnelleres Leben als ich, ist ständig unterwegs und in der Lage, an drei Sachen gleichzeitig zu arbeiten: hier ein Buch, da ein Artikel, dort eine Aufführung. Ich bin in meiner Einsiedelei, lebe eher still und friedlich und arbeite maximal an einem Text. Das hat auch mit meiner Erkrankung zu tun, die im Buch natürlich vorkommt. Aber nicht, um mich ein weiteres Mal mit dem Thema zu beschäftigen und darüber zu brüten, sondern weil sie einfach Teil meines Alltags ist.

Bekannt geworden bist du mit den Büchern „Es ist spät, ich kann nicht atmen“ und „Biografie eines lebendigen Tages“ , in denen du dich intensiv mit deiner HIV-Infektion auseinandergesetzt hast. So bist du von Anfang als positiver Autor wahrgenommen worden. Überlegst du dir manchmal, was passiert wäre, wenn du mit anderen Texten reüssiert hättest?
Ich habe öfter mit der Phantasie gespielt, was wohl passiert wäre, wenn ich 1985 kein positives Testergebnis bekommen hätte. Aber ich kann es gar nicht mehr anders denken. Die Frage ist genauso realistisch wie die Frage, was ich tun würde, wenn mir jemand eine Million Euro schenken würde, oder wenn ich die überraschenderweise durch Verkäufe meiner Lyrikbände verdienen würde.

„Nach 25 Jahren mit HIV und zwei Krebsdiagnosen gerate ich immer wieder in Phasen einer geradezu verrückten Vitalität.“

HIV ist untrennbar mit dir und deiner Arbeit verbunden?
Meine Krankengeschichte ist meine Geschichte, ein großer Teil davon jedenfalls. Immer wieder schaue ich fast verwundert auf meine eigene Biografie, als wäre sie der durchgeknallte Plot eines Bestseller-Autors. Viel zu viel melodramatische Einfälle auf wenigen Seiten. Es ist ein geradezu schrilles Wunder, dass ich nach 25 Jahren mit HIV und zwei Krebsdiagnosen immer wieder in Phasen einer geradezu verrückten Vitalität gerate – so wie gerade jetzt. Dann stehe ich vor mir und denke „Hey, hallo Wirz, bist das wirklich du?“

Im Moment bist du braungebrannt, erblondet, schön und fröhlich.
Danke, wir können das Gespräch an dieser Stelle eigentlich beenden, du hast alles gesagt, was die Leute über mich wissen müssen (lacht). Kein Wunder, dass es mir so gut geht. An meiner Seite gibt es diese große, lange, schöne Liebe, die alle Katastrophen der letzten 20 Jahre überstanden hat. Ich habe mit Christoph Klimke und anderen verlässliche Freunde und lebe so, wie ich leben will. Und nach zehn Jahren Lyrik schreibe ich nun auch wieder Prosa, was Christophs Verdienst ist. Wie du siehst: Im Moment geht’s mir blond. Ich bin blond und unsterblich – wie Mae West (lacht).

Warum hattest du denn eigentlich mit der Prosa aufgehört?
Ich war frustriert. Mein letzter Erzählungsband „Umarmungen am Ende der Nacht“, hat tolle Kritiken bekommen und ist sogar übersetzt worden, hat sich aber eher bescheiden verkauft. Danach habe ich beschlossen, nur noch Lyrik zu schreiben. Da weiß ich vorher, dass ich keine großen Verkaufszahlen erwarten kann.

Kannst du mir erklären, warum man deine Romane zum Thema Aids heute noch lesen sollte, fast 20 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen?
Ich bin in der Beantwortung der Frage natürlich befangen. Aber ich bekenne mich nach wie vor zu den Büchern, genau wie sie sich ja zu mir bekennen. Gerade „Es ist spät, ich kann nicht atmen“ hat als Text nach wie vor eine Kraft, die sich auch sehr daraus speist, mit welcher Wut ich das Buch damals geschrieben habe. Es gab in vielen Kritiken in der schwulen Presse damals das Missverständnis, der Text sei larmoyant, oder dass ich das wäre. Es ist aber ein Text über den Schmerz und die Wut die einer empfindet, der glaubt, seine Zeit ist sehr begrenzt. Und die Angst davor und der Zorn darüber diktieren dem Text seinen Rhythmus und führen, meiner bescheidenen Meinung nach, zu einem Text von ungewöhnlicher Schönheit, der große Kraft hat.

„Hätte ich damals gewusst, dass ich 2009 hier mit dir Pflaumenkuchen essen würde, wäre das ein völlig anderes Buch geworden.“

Die Bedeutung von HIV hat sich seit damals total verändert. Du hast damals geglaubt, dass du bald sterben würdest.
Hätte ich gewusst, dass ich 2009 hier sitzen und mit dir Pflaumenkuchen essen würde, wäre das ein völlig anderes Buch geworden. So ist es ein dunkles Poem, aus dem man auch heute noch viel über Lebenswillen und den Kampf um die eigene Existenz erfahren kann. Mein schönster Leserbrief kam von einer Frau aus Heidelberg, die mir schrieb, sie hätte „Es ist spät …“ gelesen und danach endlich die Kraft und den Mut gefunden, sich scheiden zu lassen. Sie hatte eigentlich längst resigniert, aber nun hatte sie begriffen, dass es sich lohnt, um das eigene Leben zu kämpfen. Ein Text der so etwas kann, hat nach wie vor seine Berechtigung.

„Nachrichten von den Geliebten“, Querverlag, 16,90 Euro

Mehr Informationen über Mario Wirz: www.literaturport.de
Mario Wirz liest seine Gedichte: www.lyrikline.org

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1 Kommentar

  1. Mir hilft das schreiben und einiges was ich da geschrieben habe auch zum Thema HIV kommt bei den Lesern an, vielleicht wird denen dadurch etwas bewußt.

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