Niemand wird mehr behaupten wollen, Homosexualität sei kein Thema in Aserbaidschan. Im Gegenteil: Das jüngste Beispiel aus dem Gastgeberland des diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) passierte just am 17. Mai, in westlichen Ländern als „Internationaler Tag gegen Homophobie“ begangen. In Baku wurde die Nachrichten-Webseite „ESCtoday“ von Homo-Hassern gehackt, die Arbeit aus 12 Jahren war in Sekunden gelöscht. Stattdessen wurde folgender Text auf der Seite platziert: „Es gibt keinen Platz für unmoralische Schwule in Aserbaidschan. Verlasst unser Land. Kein Platz in Aserbaidschan für Schwule, die aussehen wie Tiere.“

Angst vor „Tunten und Perversen“: Keine Schwulenparade zum ESC

Am Samstag verfolgen Millionen Menschen den Eurovision Song Contest im Fernsehen. Von den Menschenrechtsverletzungen, der Unterdrückung der Meinungsfreiheit und der Hetze gegen Homosexuelle werden sie wohl nichts mitbekommen. Elmar Kraushaar über die Entwicklungen und die Situation in Aserbaidschan kurz vor dem ESC.Dieser Hackerangriff ist der vorläufige Höhepunkt in einer Reihe schwulenfeindlicher Attacken, die sich alle auf den ESC beziehen. Dass das Festival traditionsgemäß eine schwule Fangemeinde aus ganz Europa anzieht, hat sich natürlich auch bis Aserbaidschan herumgesprochen und ist ebenso bekannt im südlichen Nachbarland, dem Iran. So hatte ein prominenter Schiitenprediger vor einigen Wochen beim Freitagsgebet in der nordiranischen Stadt Täbris, dem Zentrum der iranischen Aserbaidschaner, die Regierung in Baku davor gewarnt, eine angebliche Schwulenparade während des ESC zu erlauben. „Die geplante Party und Parade wird anti-islamische Kräfte und Perverse anziehen.“ Andere Länder würden es diesen Perversen und Tunten nicht erlauben, ihre Parade abzuhalten.

Die fanatischen Worte des Predigers führten zu Demonstrationen in Täbris und in Astara, hunderte Gläubige versammelten sich und skandierten: „Aserbaidschan ist ein Muslimstaat und kein Ort für Tunten!“ Diese Proteste riefen wiederum Iran-Gegner in Aserbaidschan auf den Plan, die einige Tage später sich vor der iranischen Botschaft in Baku versammelten und auf Spruchbändern ihrerseits vor „homosexuellen iranischen Mullahs“ warnten, für die kein Platz sei in Aserbaidschan. Mit Blick auf den ESC verkündeten die vorwiegend studentischen Demonstranten, ihre Heimat sei ein tolerantes, säkulares Land: „Wir demonstrieren unsere Einheit und Gleichheit mit allen Nationen, die am ESC teilnehmen.“

„Wir sind dafür noch nicht bereit“

Das Gerücht, dass der ESC zum Anlass genommen würde für eine Schwulenparade in Baku, tauchte bereits Ende 2011 in der Öffentlichkeit auf. Aserbaidschanische Regierungsmitglieder dementierten umgehend. Aber auch von schwuler Seite wurde sofort widersprochen. „Wir sind dafür noch nicht bereit“, sagte Kamran Rzajev von der Organisation „Gender and Development“, und Ruslan Balukhin von der Webseite „gay.az“ sprach von einer „furchtbaren Idee“: „Keiner von Bakus Lesben und Schwulen träumt auch nur von solchen Demonstrationen oder Paraden.“

In der Tat, die Lage für die schwul-lesbische Gemeinde in Aserbaidschan, ist keineswegs rosig. Auch wenn es seit Jahren keine juristische Handhabe mehr gibt gegen sie, haben es Homosexuelle in dem sowjetisch und gleichermaßen muslimisch geprägten Land schwer. Ihr Leben findet vor allem im Versteck statt, ganz privat und ohne offizielle Treffpunkte. „Mich erinnert es an Erzählungen aus Nachkriegsdeutschland“, sagt mir ein schwuler Geschäftsmann aus Berlin, der seit Jahren in Baku arbeitet. Im jüngsten ILGA-Bericht über die Menschenrechtslage von Schwulen und Lesben rangiert das Land am Kaspischen Meer auf einem der hintersten Plätze, kurz vor Russland und Moldawien. „Homosexualität wird schlimmer angesehen als Prostitution“, erklärt der Menschenrechtler Jadigjar Sadjkov. „Falls sich eine Familie entscheidet, ihren schwulen Sohn zu töten, wird das allgemein begrüßt.“

Aserbaidschan: Ein toleranter Platz?

Zwar gibt es in Baku inzwischen Einrichtungen wie den „Club Benua“, der Homosexuellen Hilfe anbietet, die sich in dieser Kultur mit starken religiösen Traditionen ausgegrenzt fühlen oder auch in ihren muslimischen Familien Gewalt ausgesetzt sind. „Doch die Gesellschaft spricht nicht über Homosexualität,“ sagt ein 19jähriger Schwuler im Interview mit der Wochenzeitung „Zeit“. “Sie respektiert uns nicht als Individuen, sondern beleidigt uns.“  Doch für den Ansturm der schwulen Fans aus ganz Europa zum ESC gibt sich selbst die Präsidialverwaltung offen und aufgeklärt: „Aserbaidschan ist ein toleranter Platz. Uns kümmert nicht, wer schwul ist und wer nicht“, sagt der Chef der Abteilung für gesellschaftspolitische Fragen, Ali Gassanow, einem Reporter der Nachrichtenagentur dpa. Und doch warnen andere die ESC-Gäste wieder davor, sich auf der Straße zu küssen oder ihre Homosexualität besonders zur Schau zu stellen.

Die autokratische Regierung Aserbaidschans nutzt den ESC, sich weltoffen und westlich zu präsentieren und hat Unmengen von Geld ausgegeben für die musikalische Propagandashow. Selbst in Sachen Homosexualität hat sie für die Tage des Festivals Kreide gefressen. Doch nichts spricht dafür, dass die gute Stimmung nach dem Abzug des ESC-Zirkus anhalten wird. Im Kampf gegen Oppositionelle und politische Gegner wird jedes Vorurteil und Ressentiment noch gebraucht. „Deshalb“, erklärt mir der Menschenrechtsaktivist Rasul Jafarov, „ist die Regierung überhaupt nicht daran interessiert, Lesben und Schwulen ihre Rechte zu gewähren.“

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