Hot Rubber: Erfolgsgeschichte des schwulen Kondoms
Mit dem Vertrieb der Schweizer Marke „Hot Rubber“ trug die Deutsche Aidshilfe vor 40 Jahren entscheidend zur „Kondomisierung“ der schwulen Community bei. Im Herbst 1985 begann die Geschichte eines Präventionscoups.
Mit Parisern hatte der schwule Mann vor der Aidskrise nur wenig am Hut und kaum Erfahrung, denn Schwangerschaften mussten beim Sex nicht verhütet werden. Nun aber hatten Kondome einen ganz anderen Zweck: Sie schützen vor HIV. Für Safer Sex waren Präservative unverzichtbar. Doch wie dieses beim Geschlechtsverkehr eher als störend empfundene Utensil an den (schwulen) Mann bringen? Das Design der herkömmlichen Gummiwaren war klar auf eine heterosexuelle Zielgruppe zugeschnitten. Die Schachteln zeigten meist nackte Frauen, gerne auch in Verbindung mit einem Sonnenuntergang. Damit würde man die neue Zielgruppe nur schwerlich erreichen und für den Kondomgebrauch begeistern können. Das sah man auch in der Aids-Hilfe Schweiz – und wurde kreativ.
Friedrich Wilhelm Kronenberg, CDU, in einem BZgA-Bericht von 1987„Die Verwendung von Präservativen wird nicht als tragisches, bedauerliches, lustminderndes, aber eben notwendiges Übel, sondern als der letzte Schrei, voll im Trend liegend dargestellt.“
In Zusammenarbeit mit einem Hersteller wurde für eine bereits bewährte Marke ein neuer Name kreiert, „The Hot Rubber“, und ab November 1985 direkt von der Aidshilfe landesweit vertrieben. Auf den als unsexy geltenden Reservoirzipfel verzichtete man beim Hot Rubber ebenso wie auf Pin-ups auf der Verpackung. Das Design ist stattdessen in schlichtem Schwarz-Weiß gehalten, wobei die beiden „b“ im Schriftzug von The Hot Rubber unverkennbar Hoden samt erigiertem Penis darstellen. Begleitet wurde die Markteinführung von einer professionellen, offensiven PR-Kampagne. Die monatlich wechselnden Werbemotive, die als Plakate in Bars und Saunen hingen bzw. als Anzeigen in der schwulen Presse geschaltet wurden, zeigten attraktive nackte Männer und transportieren eindeutige Botschaften.
„Die Verwendung von Präservativen wird nicht als tragisches, bedauerliches, lustminderndes, aber eben notwendiges Übel, sondern als der letzte Schrei, voll im Trend liegend dargestellt“, wird 1987 der CDU-Politiker Friedrich Wilhelm Kronenberg in einem Bericht im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Schweizer Präventionsmaßnahmen konstatieren.
So ansprechend die Plakate auch waren, sie tatsächlich in den Bars und Saunen aufzuhängen war gar nicht so einfach, wie sich Roger Staub von der Aidshilfe Schweiz später erinnert: „Die Inhaber befürchten, dass Aids-Aufklärung die Besucher abhalten könnte, weil sie in ihrer Freizeit nicht mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert sein wollen.“ Es bedurfte großer Überzeugungsarbeit, um die Betreiber umzustimmen. Der Einsatz lohnte sich. Nach wenigen Monaten war der Absatz so hoch, dass für den Hot Rubber eine eigene Firma gegründet wurde.
Tatsächlich gelang es, dem Präservativ ein neues Image zu geben. Nichts erinnert an jene Hilfsmittel zur Schwangerschaftsverhütung, die verschämt in Drogerien erworben oder aus Automaten auf öffentlichen Toiletten gezogen wurden.
Die Plakatmotive wie auch die begleitend zur Markteinführung produzierten Aufklärungsbroschüren propagierten lustbetonte Sexualität, spielten mit Szene-Codes und nutzten auch mal schweizerische Nationalsymbole wie das Matterhorn, um die Zielgruppe zu Safer Sex zu bewegen.
Vertrieben werden die reißfesten Kondome jeweils als Zweierpack („Sicherheit für beide“) inklusive Portionspäckchen mit wasserlöslichem und fettfreiem Gleitgel, welches das Gummi nicht porös macht. Der Hot Rubber wie auch das Lubricant wurden mit minimaler Gewinnspanne verkauft und waren damit konkurrenzlos günstig. Der Verkaufserlös floss in die Kasse der Aidshilfe Schweiz.
Der Erfolg dieser Safer-Sex-Kampagne blieb auch in Deutschland nicht unbemerkt. Der noch junge Dachverband Deutsche AIDS-Hilfe kontaktierte die Hot Rubber Compagnie und übernahm im Herbst 1986 offiziell den Vertrieb in Deutschland. Doch zunächst bedurfte es noch der staatlichen Genehmigung, das Kondom nach Paragraf 20 des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten auf den Markt bringen zu dürfen – so viel deutsche Ordnung musste sein.
Für den Vertriebsaufbau kommt Karl Georg Kruse, Begründer der Münchner Aids-Hilfe, nach Berlin. Im März 1987 ist das Kondom schließlich bundesweit flächendeckend in schwulen Saunen, Bars, Sexshops und Kommunikationszentren erhältlich. Beworben wird es mit den bereits in der Schweiz erprobten unmissverständlichen Plakatmotiven – etwa dem Foto eines nackten Männerhinterns mit dem Slogan „Für jede Ladung“. Auch in Deutschland ist die Kampagne erfolgreich: Zeitweilig ist die Nachfrage so groß, dass es zu Lieferengpässen kommt. Dazu trägt ganz sicher auch die Bewertung „sehr gut“ durch die Stiftung Warentest bei, was das Vertrauen in die neue Marke stärkte.
Auch das neue Mitbewerberprodukt HT Spezial (mit dem der Hersteller Blausiegel in einer neutralen, aber ansprechenden Verpackung ebenfalls die neue mann-männliche Käuferschaft anpeilte) hatte dieses Prädikat erhalten. Der Hot Rubber unterschied sich jedoch durch drei Eigenschaften: Er war preisgünstiger (denn auch die DAH bringt das Kondom nur mit einem geringen Aufpreis auf den Markt), dünner (und damit „gefühlsechter“) und länger. Entscheidend für die Reißfestigkeit eines Kondoms ist nämlich nicht die Dicke, wie man denken würde, sondern das Berstvolumen. Der Hot Rubber hielt selbst größte Belastungen aus und war deshalb auch für Analverkehr besonders gut geeignet. Damit werben durfte man allerdings nicht. „Das Kondom war darauf ja nicht geprüft“, sagt Schilling. „Wie auch.“ Ein besonderes Testverfahren für den Einsatz bei dieser Sexualpraktik gab es nicht.
Der Hot Rubber fand in Deutschland dabei nicht nur bei schwulen Männern reißenden Absatz. Die Aidshilfe Konstanz etwa belieferte auch die örtlichen Bordelle.
Die Stiftung Warentest hatte am Hot Rubber dann aber doch etwas zu bemängeln, allerdings weniger an dem aus der Schweiz importierten Überzieher, sondern an der von der DAH verantworteten Verpackung. Das harsche Urteil der Tester: Der Text der Gebrauchsanweisung sei zu dröge und zu technisch. Der damalige Schwulenbeauftragte der DAH fühlte sich dadurch bestätigt, dessen Amt überhaupt erst nach dem Hot-Rubber-Deal eingerichtet wurde. Denn auch Rainer Schilling hatte sich eine direktere Ansprache und eine lebensnahere Anleitung gewünscht.
Der Hot Rubber fand in Deutschland dabei nicht nur bei schwulen Männern reißenden Absatz. Die Aidshilfe Konstanz etwa belieferte auch die örtlichen Bordelle; die Aidshilfe Frankfurt verteilte die Swiss-made-Kondome bei einem Aktionstag gegen staatliche Zwangs- und Kontrollmaßnahmen an Passant*innen aller Geschlechter.
Ob es tatsächlich gelang, wie es der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker einmal kritisch formulierte, Kondome zu „erotisieren“, ist durchaus fraglich. Nur ein Fünftel der vom Soziologen Michael Bochow für dessen 1993 veröffentlichten Studie „Die Reaktionen homosexueller Männer auf AIDS in Ost- und Westdeutschland“ befragten Männer gab an, dass sie das Kondom „problemlos“ in sexuelle Handlungen einbringen können. Knapp die Hälfte berichtete, dass die Kondomverwendung bei Analverkehr zu Erektionsschwierigkeiten führe und die Handlungen „zu technisch“ mache.
Die schwule Community hatte ihr Sexual- und Schutzverhalten ungleich schneller und konsequenter angepasst und verändert.
Dennoch war es durch die Einführung und Bewerbung des Hot Rubber als Teil der Präventionsmaßnahmen gelungen, die „Kondomisierung“ des schwulen Mannes entscheidend voranzutreiben. Innerhalb weniger Jahre wurde der Präservativgebrauch zum neuen Standard beim Sex zwischen Männern.
Während vor Aids ein Drittel der Schwulen kondomlosen rezeptiven Analverkehr außerhalb fester Partnerschaften hatte, waren es nach 1986 nur noch drei Prozent, ermittelte Martin Dannecker in seiner Studie „Homosexuelle Männer und AIDS“.
Zum Vergleich der Gesamtdynamik erhob auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ab 1988/1989 Daten in der Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte der dafür Ende der 1980er-Jahre Befragten gab an, generell keine Kondome zu nutzen. Die schwule Community hatte, auch bedingt durch die akute Existenzbedrohung, ihr Sexual- und Schutzverhalten ungleich schneller und konsequenter angepasst und verändert.
Damit war bereits wenige Jahre nach Markteinführung des Hot Rubber das Ziel erreicht und zudem auch eine zielgruppenspezifische Bewerbung von Präservativen nicht mehr notwendig. Vom BZgA-Slogan „Mach’s mit“ konnten und sollten sich ganz verschiedene Menschen angesprochen fühlen. Zwischenzeitlich hatten zudem auch deutsche Kondomhersteller Produkte auf den Markt gebracht, die auch für eine schwule Zielgruppe ansprechend waren. Mit der Wende kam mit den ehemaligen VEB Plastina Gummiwerke „Werner Lamberz“, dem Hersteller der in der DDR gängigen Mondo-Kondome, eine der größten Fabrikationsanlagen für Präservative hinzu. Die durch die HIV-Pandemie gewachsene Nachfrage nach Kondomen konnte aus deutscher Produktion bedient werden und Importe aus der Schweiz waren schon lange nicht mehr notwendig.
Ein für 2007 geplanter Relaunch der Marke Hot Rubber als „erstes Kondom aus fair gehandeltem Latex“ verlief schließlich im Sande. Der Markt war schlicht gesättigt.
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