Am 21. Dezember 1992 verstarb Jörg B. Sauer, einer der Mitbegründer der Bundesweiten Positiventreffen im Waldschlösschen. Aus Anlass seines 30. Todestags veröffentlichen wir hier den Nachruf seines Wegbegleiters Wolfgang Vorhagen, der 1993 im Magazin aktuell erschien.

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids- und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

Als Jörg B. Sauer (das B. stand wahlweise für „Butsche“ oder „Bärbel“) zum ersten Mal im Frühjahr 1986 im Waldschlösschen erschien, war dies gleichzeitig der Beginn eines Projektes, das bis heute inzwischen etlichen hundert HIV-infizierten Männern und Frauen die Möglichkeit gegeben hat, mit anderen Positiven zusammen den Alltag mit dem Virus und mit der Krankheit anzugehen, Impulse zu bekommen, mutig und kreativ mit dem Virus zu leben.

Bei den ersten Treffen im Waldschlösschen war Jörg selbst noch einer der Ängstlichen. Seine persönliche Entwicklung hat die bundesweiten Positiventreffen mitgeprägt, es war ein gemeinsames Wachsen. Über fünf Jahre gestaltete er die Treffen mit, war Ratgeber und Begleiter für die Teilnehmer und Referenten, war der harmonische und integrierende Pol der Treffen. Typisch für ihn waren die Ein – und Ausführungen in epischer Breite, ähnlich lang waren die nächtlichen Unterhaltungen, unterstützt von Schokoladengenüssen der gehobeneren Klasse und den Freuden des Rauchens, bezeichnend seine Offenheit und Neugier für die sehr unterschiedlichen Lebensweisen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Konfrontation mit seinen Ängsten

Im Sommer 1988 gründeten wir Positiv e.V. Je bekannter die Treffen wurden, je öffentlicher das Interesse an diesem Projekt, umso stärker wurde Jörg immer wieder mit seinen Ängsten vor eben dieser Öffentlichkeit konfrontiert, ebenso bei seinen Auftritten als offen Positiver in Mannheim, wo er die dortige Aidshilfe mitgründete und über Jahre als Ehrenamtler arbeitete, und 1988 in München auf dem 2. Europäischen Prositiventreffen.

Das Europäische Positiventreffen in München war für ihn aber auch auf andere Weise schicksalhaft. Auf der großen Demonstration, begleitet von Polizisten in Schutzhandschuhen, wegen der Ansteckungsgefahr, von Samba-Rhythmen und Tausenden Luftballons in Regenbogenfarben, traf er auf Eddi. Die große Liebe begann. Viereinhalb Jahre haben sie miteinander gehabt, 1990 zog Jörg in die Nähe von Manchester zu seinem Mann. Es dauerte einige Zeit, bis er sich mit der englischen Art zu leben arrangierte. Bereut hat er diesen Aufbruch allerdings nie.

Immer weniger können die Lücke schließen

Der plötzliche Ausbruch der Krankheit Anfang 1991 hat ihn, der sich über Jahre mit Aids auseinandersetzen konnte, trotzdem völlig unvermittelt getroffen. Damit verließ Jörg die Treffen im Waldschlösschen. Es blieb der enge Kontakt zu ihm. Jörg starb mit 37 Jahren zwei Tage vor Weihnachten zu Hause in England, gepflegt von Eddi. Es werden immer weniger, die die Lücke schließen können, die Jörg und andere bei uns hinterlassen. Wenn wir dem Tod etwas entgegensetzen können, dann ist es das Wahrnehmen und das Hinterlassen von Spuren, dann ist es die Erinnerung.

This is not goodbye but aufwiedersehen!

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