Mit rappenden Genitalien gegen den Backlash
Vor 15 Jahren hat die Aidshilfe Unna ein Aufklärungsstück für Jugendliche angeregt. „LiebeLove and the Sexperts“ ist zu einem Dauerbrenner geworden, an dem sich auch zeigt, wie sich das Klima für Sexualaufklärung verändert hat.
Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil und der begleitenden Artikelserie setzen wir als Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen gegen den wachsenden Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit.
Es gibt Dinge, die Kinder und Jugendliche in jeder neuen Generation durchleben und durchleiden. Dabei stellen sich Fragen, die allzu oft unbeantwortet bleiben. Da helfen dann weder das Biologie-Lehrbuch noch die im Netz leicht verfügbaren Pornos weiter: Wie etwa sagt ich einer Person, dass ich sie liebe? Und wie läuft das eigentlich beim ersten Mal?
Theaterstücke können da ein wunderbarer Eisbrecher und zudem ein unterhaltsamer Weg sein, um Informationen beispielsweise über Verhütung, Schwangerschaft oder Safer Sex zu vermitteln. Jahrzehntelang hat das Aufklärungsstück des Berliner Theaters Rote Grütze „Was heißt hier Liebe?“ diese wichtige Aufgabe erfüllt und Hunderttausende Jugendliche wie Erwachsene begeistert. Doch dieses 1976 uraufgeführte und an über einhundert Theatern gespielte Stück war zunehmend in die Jahre gekommen. Und nichts Neues war in Sicht.
Manuel Izdebski, Aidshilfe UnnaBitte bloß keinen erhobenen Zeigefinger und keine Gefahrenabwehr-Pädagogik.
Manuel Izdebski, Sexualpädagoge und Geschäftsführer der Aidshilfe Unna, sah hier einen wichtigen Bedarf und stieß vor inzwischen anderthalb Jahrzehnten ein solches Stück bei der freien Gruppe theaterspiel an. Das mobile Theater aus Witten tourte damals mit Suzanne van Lohuizens Zwei-Personen-Stück „Dossier Ronald Akermann“ über das Sterben eines an Aids erkrankten Mannes durch die Lande, dessen Aufführungen zumeist von örtlichen Aidshilfen unterstützt wurden.
„Bitte bloß keinen erhobenen Zeigefinger und keine Gefahrenabwehr-Pädagogik“, hatte Manuel Izdebski als Wunsch für das Stück formuliert. Wild und überbordend sollte es nach Ansicht von Beate Albrecht werden. Als die Autorin und Schauspielerin nach langem Überlegen dann die Idee für ein Konzept gefunden hatte, ging sie auch tatsächlich in die Vollen. Nichts ist langweiliger für das Zielpublikum – Schüler*innen der 7. bis 9. Klassen – als auf der Bühne einen frontalen Aufklärungsunterricht zu erleben. Und so wird das frisch verliebte Paar auf der Bühne von Pepe Penis und Regina Vagina auf humorvolle Weise beraten. Dafür schlüpfen Darsteller*innen in entsprechende lebensgroße und quietschbunte Kostüme.
Bereits über 800-mal haben die flauschigen Geschlechtsorgane quer durch die Republik über Sex gerappt. Denn auch Songs gehören zur Show. Sie sorgen für gute Laune und machen es den Jugendlichen umso leichter, sich mit den oft schambesetzten Themen auseinanderzusetzen.
Bei der Entwicklung von „LiebeLove and the Sexperts“ standen Manuel Izdebski und Pro Familia Witten beratend zur Seite. Etwa alle zwei Jahre wird das Stück überarbeitet, erklärt Beate Albrecht. Doch es geht dabei meist nur um Nuancen, etwa wenn es um die sich doch schnell entwickelnde Jugendsprache geht.
Verändert haben sich aber die Reaktionen der jungen Zuschauer*innen: „Als wir in den 2010er Jahren ‚Dossier Ronald Akermann‘ spielten, war auffällig, dass wir in den anschließenden Publikumsgesprächen über HIV und Aids sprechen konnten, aber nicht über Homosexualität.“ Das habe sich in den Jahren danach deutlich geändert. Auch die Lehrer*innen waren offener und mutiger geworden – und haben die Produktion an ihre Schulen eingeladen. Denn auch wenn Sexualunterricht auf dem Lehrplan steht, bedeutet dies natürlich noch lange nicht, dass man das Thema auch mit einer Theaterproduktion weiter vertieft. Das nordrhein-westfälische Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales fördert deshalb alle Auftritte im eigenen Bundesland mit einem Zuschuss.
Beate Albrecht von theaterspiel„LiebeLove and the Sexperts“ sei das politische Stück im Repertoire geworden. „Ich hätte nie gedacht, dass es so kommen würde.“
Doch seit etwa zehn Jahren erlebt Beate Albrecht, dass sich die gesellschaftliche Stimmung verändert. Angefangen habe es bei einer Gastspieltour durch Südtirol. Ein Rechtsanwalt sei ihnen regelrecht nachgereist, um die Veranstalter*innen anzuzeigen und die Arbeit der dortigen Sexualpädagog*innen zu torpedieren. In Deutschland kommt der Widerstand von ganz unterschiedlicher Seite. Da gibt es immer wieder mal kleinere Tumulte bei Aufführungen, wenn muslimisch sozialisierte Jugendliche auf das Bühnengeschehen mit „Haram“-Rufen reagieren. Eltern wiederum versuchen zu verhindern, dass ihre Kinder sich das Stück überhaupt anschauen. In rechten Kreisen, die eine vermeintliche „Frühsexualisierung“ verhindern wollen, aber auch für manche muslimische und evangelikale Gruppen ist der offene Umgang mit Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen ein Dorn im Auge. In einigen Gegenden in NRW, wo es große evangelikale Gemeinden unter Russlanddeutschen gibt, mussten Aufführungen deshalb abgesagt werden.
Die Politik hat darauf allerdings reagiert. In verschiedenen Bezirksregierungen ist die Teilnahme von Schüler*innen an solchen sexualpädagogischen Veranstaltungen inzwischen verpflichtend. Wenn die Eltern dies verhindern, müssen beide Elternteile eine Strafe zahlen.
Was bei der Uraufführung vor fünfzehn Jahren einfach nur eine kunterbunte, lebensbejahende und aufklärende Show für junge Menschen war, ist heute unerwartet zu einem politischen Stück geworden. Beate Albrecht hat mit ihrer Truppe theaterspiel bereits Stücke über Widerstand im Nationalsozialismus und rechte Gewalt auf die Bühne gebracht. „LiebeLove and the Sexperts“ aber sei nun das politische Stück im Repertoire von theaterspiel geworden, sagt sie. „Ich hätte nie gedacht, dass es so kommen würde.“
Sie beobachtet, dass immer mehr Lehrer*innen inzwischen davon Abstand nehmen, eine Produktion wie „LiebeLove and the Sexperts“ an ihre Schulen zu holen, um dem erwartbaren Ärger mit Eltern aus dem Weg zu gehen – auch wenn sie es pädagogisch für sinnvoll und notwendig erachten. Sexualaufklärung werde dann eben aufs Allernotwendigste reduziert, also auf die biologischen Fakten. „Damit ist das Thema abgehakt, und das war’s.“
Das Stück liefert aber offenkundig deutlich mehr. „Die haben das gut gemacht“, sagt der 14-jährige René, der eine Vorführung an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen besuchte. „Ich fühle mich jetzt gut aufgeklärt.“ Auch der gleichaltrige Jean-Luca hat dazugelernt: „Man kriegt Informationen, die man vorher nicht wusste.“
Bei den Aufführungen ist eine halbstündige Nachbesprechung fester Bestandteil der Gastspiele. Das Ensemble, zu dem die Zuschauer*innen durch die Handlung bereits Sympathien aufgebaut haben, sammelt Reaktionen und Eindrücke. Besondere Fragen können direkt an Expert*innen gestellt werden; meist sind es Sexualpädagog*innen örtlicher Aidshilfen wie etwa Manuel Izdebski.
Jugendlicher nach einer Schulvorstellung in Magdeburg„Wir würden hier niemandem raten, sich zu outen. Niemandem“
Was die Jugendlichen bewegt und was das Theatererlebnis bei ihnen angestoßen hat, ist von Aufführung zu Aufführung unterschiedlich, und hängt auch davon ab, wie das junge Publikum zusammengesetzt ist. Beate Albrecht erlebt dabei zunehmend eine Zerrissenheit, weil die Haltungen etwa zu Homosexualität, wie sie in den Familien oder im sozialen Umfeld propagiert werden, dem eigenen inneren Kompass widersprechen, es aber immer schwieriger wird, das offen deutlich zu machen.
Während der Vorstellung feiern die Jugendlichen, wenn zwei Jungs als Liebespaar zueinanderfinden. Die Realität aber ist eine andere. „Wir würden hier niemandem raten, sich zu outen. Niemandem“, sagte ein Jugendlicher im Nachgespräch bei einer Schulvorstellung in Magdeburg.
Beate Albrecht, die über die letzten Jahre hinweg diesen schleichenden Backlash deutlich beobachten konnte, ist über die Phase des Entsetzens hinweg. Sie will stattdessen „mit Lust in die Zukunft“. Es wird zwar schwieriger, Menschen zu finden, die angesichts der politischen Veränderungen die notwendige Standhaftigkeit beweisen, um gegenzuhalten und beispielsweise auch sexualaufklärerische Projekte wie „LiebeLove and the Sexperts“ zu unterstützen. „Aber wir müssen jetzt aushalten, dass uns da ein bisschen Wind um die Ohren pfeift“, gibt sich Beate Albrecht kämpferisch.
Die Aidshilfe Unna ist über die fünfzehn Jahre hinweg eine treue Partnerin geblieben. Statt den eigenen Geburtstag mit einem Festakt zu feiern, hat die Aidshilfe anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums zwei Aufführungen für Schulklassen in Unna und Bergkamen ermöglicht.
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