Migration und HIV-Prävention

„Gesundheit ist ein Menschenrecht, unabhängig vom Aufenthaltsstatus“

Von Nadin Wildt
Blaue Schrift auf schwarzen Hintergrund: Wir heiße dich willkommen. Für Vielfalt und Bleiberecht! Hashtag Aidshilfe Bleibt Stabil. Deutsche Aidshilfe
DAH/superpixel

Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt wir als Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen gegen den wachsenden Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit. Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte treffen diese Entwicklungen auf verschiedene Weise besonders hart: vom Abbau des Asylrechts über fehlende Gesundheitsversorgung bis zu ständiger Diskriminierung im Alltag. Dr. Laila Prager, DAH-Referentin für Migration und Flucht, beantwortet fünf Fragen zu Migration und HIV-Prävention.

Porträt vor einem Bücherregal
© Laila Prager
Foto: Laila Prager

Kannst du kurz die aktuelle Situation im Asylrecht zusammenfassen?

Wir erleben derzeit eine deutliche Verschärfung des europäischen und deutschen Asylrechts. Auf EU-Ebene zielt die am 12. Juni in Kraft getretene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) stärker auf Abschottung, schnellere Verfahren und Rückführungen sowie erweiterte Abschiebehaft, auch für Familien. Schutzsuchende werden zunehmend als sicherheitspolitische Herausforderung behandelt – weniger als Menschen mit Rechten und gesundheitlichen Bedarfen.

Auch in Deutschland beobachten wir eine politische und gesellschaftliche Verschiebung. Leistungskürzungen, Bezahlkarten, Sachleistungen und verschärfte Abschiebepraxis prägen den Diskurs. Gleichzeitig sehen wir immer restriktivere Unterbringungs- und Versorgungsstrukturen. Die Folgen sind überfüllte Sammelunterkünfte, lange Aufenthalte in Erstaufnahmen und eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung. Für viele Menschen entsteht dadurch ein „Gesundheitslotto“: Ihre Chancen auf Unterstützung hängen oft davon ab, in welchem Bundesland oder welcher Kommune sie leben und welche Hilfsnetzwerke sie erreichen können.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die HIV-Prävention aus?

HIV-Prävention braucht Sicherheit und Vertrauen in Institutionen und einen gerechten Zugang für alle zur Gesundheitsversorgung. Wenn das nicht gegeben ist, dann nimmt man späte Diagnosen und fehlende Prävention in Kauf. Wenn Geflüchtete über lange Zeit in Sammelunterkünften leben, von Abschiebung bedroht sind und Diskriminierung erfahren, wird Prävention deutlich schwieriger. Fehlende Privatsphäre, existentielle Ängste und Fehlinformationen können bei sexuell aktiven oder drogengebrauchen Menschen dann verheerende Konsequenzen haben.

HIV-Prävention funktioniert nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Vertrauen, Schutz und Teilhabe.

Laila Prager

Besonders betroffen sind Personen, die neben Flucht und Migration auch Rassismus, Homo- oder Transfeindlichkeit erleben. Wer hierdurch bereits Traumata im Herkunftsort, auf der Flucht und in Deutschland als Aufnahmeland erlebt hat, kämpft durch die Isolation dann oft mit Problemen der mentalen Gesundheit. Menschen, denen es so geht, haben wenig innere Ressourcen sich um die HIV und STI-Prävention zu kümmern.

Queere Geflüchtete brauchen Schutzräume statt zusätzliche Ausgrenzung.

Laila Prager

Daher benötigen etwa queere Geflüchtete Schutzräume und niedrigschwellige Angebote, die ihre Lebensrealitäten ernst nehmen und sie ohne Tabus und Scham beraten. Genauso sollten Menschen, denen man oft eine Sexualnegativität attestiert, wie Muslim*innen, dieselben Möglichkeiten geboten werden.

Wie gelingt es uns in der Aidshilfearbeit, die Betroffenen zu erreichen?

Der wichtigste Schlüssel ist Community-Arbeit. Menschen lassen sich am besten erreichen, wenn Beratung von Personen mit ähnlichen Sprach-, Kultur- oder Migrationserfahrungen mitgestaltet wird oder ein explizit antirassistischer, kultursensibler Ansatz gewählt wird. Deshalb setzen wir bei der Erarbeitung unserer Projekte – ähnlich wie viele Aidshilfen vor Ort – auf Peer-Ansätze, mehrsprachige Angebote und Kooperationen mit migrantischen und queeren Communitys.

Community-Arbeit ist kein Extra – sie ist die Grundlage erfolgreicher Prävention.

Laila Prager

Gute HIV- und STI-Prävention beginnt oft nicht mit einem Gespräch über HIV, sondern mit Vertrauen, Zuhören und Unterstützung im Alltag. Dazu gehört auch Verständnis für die täglichen Hürden, Barrieren und Mikroaggressionen sowie Ängste, die Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete in der heutigen Zeit erfahren. Um allen Mitarbeiter*innen und Berater*innen der Aidshilfen die Unsicherheiten in der Arbeit mit Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete zu nehmen, entwickeln wir vom Referat Migration Vertiefungsseminare, die antirassistische und kultursensible Beratungen in den Blick nehmen.

Mit welchen anderen Projekten reagieren wir auf den steigenden Bedarf?

Wir bauen communitybasierte Prävention gezielt aus und entwickeln neue Wege, Menschen dort zu erreichen, wo klassische Gesundheitsangebote oft nicht ankommen. Dazu gehören Präventionsveranstaltungen mit afrikanischem Pastor*innen in verschiedenen Städte, durch das Aufklärungstheater zum Abbau von HIV-Stigmatisierung in Krankenhäuser, Cafés, Kirchen und Moscheen sowie durch Multiplikatorinnen-Schulungen für junge Migrant*innen, die kreative Methoden wie Tanz oder Graffiti nutzen.

Zakariya Yildiz | DAH
Logo des MAGEF-Netzwerks

Ein aktueller Schwerpunkt unserer Arbeit ist MAGEF, das neugegründete bundesweite Muslimische Gesundheitsförderungs-Netzwerk. Das erste offizielle Event dieses Netzwerks findet am 1. Juli in Hamburg statt: ein gemeinsam mit der Hamburger Aidshilfe und afrikanischen Moscheegemeinden  der Stadt organisierter Präventionstag in der Moschee Shukr. Als Schwerpunkte setzen wir neben HIV, STI und sexueller Gesundheit auch mentale Gesundheit und Resilienz bei Rassismus. Es wird ein Event von der Community für die Community sein, inklusive Gebet, Snacks, Aufklärungstheater und Beratungsangeboten.

Antimuslimischer Rassismus macht krank. Solidarität schützt Gesundheit.

Laila Prager

Das Event findet nicht zufällig am 1. Juli statt. Es handelt sich bei dem Datum um den offiziellen Tag gegen antimuslimischen Rassismus, zudem aktuell auch bundesweite Aktionswochen laufen. Da wollen wir als MAGEF ein besonders klares Signal setzen: „Gesundheit, Teilhabe und der Kampf gegen Rassismus gehören zusammen. Gesundheit ist unteilbar und Religion darf keine Hürde sein!“

Welche Forderungen gibt es aus deinem Bereich an die Politik und Gesellschaft?

Gesundheit ist ein Menschenrecht und darf nicht vom Aufenthaltsstatus abhängen. Wir fordern einen diskriminierungsfreien Zugang zu Gesundheitsversorgung, frühzeitige HIV-Tests und -Behandlungen sowie menschenwürdige Unterbringungsbedingungen für alle Schutzsuchenden. Gleichzeitig braucht es mehr Unterstützung für migrantische Selbstorganisationen, Sprachmittlung und communitybasierte Prävention.

In Zeiten von zunehmendem Rassismus, auch antimuslimischem Rassismus, rechter Stimmungsmache und gesellschaftlicher Polarisierung ist es wichtiger denn je, für Solidarität, Vielfalt und gleiche Rechte einzustehen. Wer Diskriminierung bekämpft, stärkt auch die Gesundheitsversorgung.

Für Menschen auf der Flucht, in Aufnahmezentren, auf der Straße, in Haft und mit prekären Lebensumständen. Für Gesundheit ohne Grenzen!

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