Er hat den Begriff Chemsex geprägt und weltweit mit großer Leidenschaft über die Verbindung von Drogenkonsum und Sex in schwulen Szenen aufgeklärt. Björn Beck richtet seine sehr persönliche Erinnerung direkt an den Aktivisten David Stuart, der im Januar 2022 im Alter von 54 Jahren verstarb.

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids- und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

It seemed to me you lived your life like a candle in the wind

Ich glaube nicht an Zufälle. Es ist kein Zufall, dass wir uns mit einem bestimmten Thema intensiv befassen – schon gar nicht, wenn dieses Thema zu einer Art Lebensaufgabe wird.

Dann ist es auch kein Zufall, dass man Menschen begegnet, die sich diesem Thema mit einer ähnlichen Intensität, Haltung oder sogar Leidenschaft widmen. Nein, es war kein Zufall, dass wir uns begegnet sind.

Am 29. Juni 2015, gerade mal ein paar Tage auf meiner Stelle bei der Aidshilfe angekommen, nahm ich an einem Workshop „HIV & Drogen“ teil. Am Ende des Workshops zeigte uns der Referent einen Trailer zum Film ChemSex. Es blieb nicht bei dieser „kurzen Intervention“. Dieses Lehrstück zu motivierender Gesprächsführung hat mich unglaublich angespornt, hier etwas zu verändern und Hilfe anzubieten.

Auch heute beeindruckt mich deine ruhige, zugewandte Art noch, wenn ich den Film oder auch nur Ausschnitte sehe. Und genau so habe ich dich schließlich auch persönlich kennengelernt und immer wieder erlebt. Du warst immer ruhig, freundlich und einfühlsam. Selbst dann, wenn ich deutlich spüren konnte, dass es dir selbst nicht gut ging.

Du wurdest ein Star – und wir sind alle deine Fans

Auf der ganzen Welt warst du unterwegs und hast unzählige Menschen motiviert, deinem Beispiel zu folgen und sich dieses Themas anzunehmen. Du wurdest ein Star – und wir sind alle deine Fans. Es ist dir nicht nur gelungen, auf dein Thema aufmerksam zu machen, sondern Empathie für jene Menschen zu wecken, die sich nicht selten, enttäuscht von Beziehungen und der Liebe, in einen chemisch-toxischen Sex-Rausch flüchten.
Du hattest das alles selbst hinter dir.

Die Umstände und Auswirkungen machen Chemsex zu einem besonderen Phänomen

Heute ist der Begriff Chemsex eine weltweit genutzte Definition im Kontext von schwulem Online-Dating und sexualisiertem Konsum bestimmter Substanzen. In unzähligen Zeitungsartikeln, Vorträgen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird dieser Begriff benutzt, den du geformt und definiert hast: als Phänomen der schwulen Dating-Kultur, als sexualisierter Konsum von „chemischen Drogen“ wie Chrystal Meth, Mephedron, Ketamin und GHB/GBL. Und auch wenn die Gründe für den Konsum ganz ähnliche sein mögen wie bei anderen Formen des Substanzkonsums, sind es hier die Umstände und Auswirkungen, die Chemsex zu einem besonderen Phänomen machen. Du wurdest nicht müde, auf diese besonderen Umstände, das extremere Verhalten und die größeren Risiken hinzuweisen, die Chemsex von anderem Substanzkonsum auch im sexuellen Kontext unterscheiden.

Eine Ecstasy-Pille beim Ficken ist noch lange kein Chemsex! Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ganz praktisch ist die Differenzierung hier wichtig. Wenn alles gleich Chemsex ist, wird unproblematischer Gelegenheitskonsum zu etwas Bedrohlichem skandalisiert, der Begriff Chemsex wird beliebig, und die besonderen Risiken von „echtem“ Chemsex werden nivelliert. Ich werde nicht müde werden, darauf hinzuweisen, das verspreche ich dir, David.

Wer nicht gerettet werden will, den kannst du auch nicht retten

Als das Thema aus dem beruflichen Kontext in mein privates Umfeld schwappte, warf mich das sehr aus der Bahn. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich machtlos war und dass meine ganze Fachlichkeit mir nicht half. Eher im Gegenteil. Wer nicht gerettet werden will, den kannst du auch nicht retten. Das war vielleicht die schwerste und schmerzhafteste Erfahrung meines Lebens. Lange habe ich gekämpft und wollte nicht aufgeben. Wenn ich aber selbst nicht mit in diesen Strudel gezogen werden wollte, musste ich lernen loszulassen. Mit fachlichem Rat und deiner Freundschaft warst du in dieser Krise für mich da und hast mir geholfen, auf mich selbst aufzupassen. Ich bin dir unendlich dankbar für diese Unterstützung, ohne dich hätte ich das womöglich nicht geschafft.

Ich will noch immer nicht glauben, dass ich diese Zeilen schreiben muss. Gerade jetzt braucht diese Welt doch Menschen wie dich! Menschen, denen es gelingt, eine Bewegung in Gang zu setzen und sich einer vermeintlichen Aussichtslosigkeit entgegenzustellen. Menschen, die unerschütterliche Zuversicht ausstrahlen und anderen immer wieder Hoffnung und Kraft geben.

Sicher, du hast es genossen, auf der ganzen Welt unterwegs zu sein und bei deinen Vorträgen bewundert zu werden. Du wusstest genau, dass du uns schon allein mit deinen strahlend blauen Augen in deinen Bann ziehen konntest. Kombiniert mit deinem Lächeln, deinem Charme und deiner Eloquenz warst du eine Art Allzweckwaffe der Überzeugungskraft.

Ein Netzwerk des wertschätzenden Austauschs, des Voneinanderlernens und der gegenseitigen Stärkung

Du hast diese Überzeugungskraft genutzt, um unsere Welt ein Stückchen besser zu machen. Du hast Netzwerke geknüpft, Menschen miteinander vernetzt und dabei immer sanft, aber bestimmt auf einen wertschätzenden, freundschaftlichen Umgang miteinander gedrängt. Die Menschen in deinem internationalen Expert*innen-Netzwerk hast du ganz persönlich ausgesucht, weil du keine Konkurrenz untereinander und kein Wetteifern um Leistungen und Verdienste wolltest. Es war dein Ort eines wertschätzenden Austauschs, des Voneinanderlernens und der gegenseitigen Stärkung. Du warst überzeugt davon, dass man kluge Ideen nicht für sich behalten sollte, weil sie ihre Wirkung nur optimal entfalten können, wenn sie mit anderen geteilt, reflektiert, erweitert und in die Tat umgesetzt werden.

Das Netzwerktreffen in Wien im Spätsommer 2019 wird mir immer in besonderer Erinnerung bleiben. Ich hatte mich soweit wieder von dem Verlust eines Freundes an das Phänomen Chemsex gefangen. Auch du hattest einen Freund verloren, der an Krebs verstorben war. Die Zeit in Wien, die Begegnungen in diesem von dir ausgesuchten Kreis waren genau das, was wir brauchten, um wieder Zuversicht zu gewinnen und uns gegenseitig zu motivieren. Es ist dir wirklich gelungen, genau die richtigen Menschen zusammenzubringen und Kontakte zu knüpfen, die auch weiterhin bestehen.

Ende November 2019 haben wir uns hier in Frankfurt zum letzten Mal persönlich gesehen und uns auf das geplante Wiedersehen in Berlin gefreut. Per Videocall haben wir uns darüber unterhalten, wie sehr uns die Pandemie zu schaffen machte. Wir haben uns beide zurückgezogen und eingeigelt, und so war es auch auf unseren Social-Media-Profilen ziemlich still geworden. Hätte mir das früher auffallen müssen?

Der Blick war immer in die Zukunft gerichtet

Jetzt sitze ich hier mit Tränen in den Augen und kann es noch immer nicht fassen, dass du nicht mehr da bist. Zu sehr mit mir selbst und der Pandemie beschäftigt, habe ich die Ankündigung deines Buchs und die kleine Dokumentation über dein Leben nicht mitbekommen. Ich hatte keine Ahnung, was du mitgemacht hast, über deine Kindheit hast du nie gesprochen. Dein Blick war immer in die Zukunft gerichtet. Mit diesen Erinnerungen ist das wohl auch der beste Weg.

Wir hatten unsere eigene Diva, unseren Rockstar – dich

Es hat lange gedauert, dein Buch zu lesen. Jetzt fügen sich einzelne Schnipsel und Fetzen zu einem Bild zusammen. Wut ist, was viele Aktivist*innen antreibt. Jetzt wird mir klar, woher du diese unbändige Energie genommen hast. Es ist dir gelungen, so viel Schmerz und Wut in deinen Aktivismus zu kanalisieren, um anderen zu helfen und zumindest Teile des Leids zu ersparen, das dir nicht erspart blieb. Es gibt keine unnötigen oder sinnlosen Kapitel in unserem Leben. Wir müssen den Sinn nur erkennen. Heute bewundere ich noch mehr, dass es dir gelungen ist, den Kreislauf von Schmerz, Wut und Gewalt zu durchbrechen und stattdessen so viel positive Energie zu verbreiten.

„I am happy here“ sind deine letzten Worte in diesem Film. Aber es fällt mir schwer zu glauben, dass du wirklich glücklich warst. Da war nicht dieses Strahlen, das du hattest, wenn du mit Menschen zusammen warst, die gemeinsam mit dir arbeiteten und kämpften. Dieses Strahlen, das auch andere zum Strahlen brachte und eine unglaubliche Wärme ausstrahlte. In deinem Buch schreibst du, wir hatten keine Liz Taylor, Madonna oder Lady Diana an unserer Seite, die geholfen hätten, auf das Thema Chemsex aufmerksam zu machen. Wir hatten unsere eigene große Diva, unseren Rockstar – dich! Und auch wenn deine Kerze erloschen ist, hast du doch in uns unzählige Kerzen entzündet, die weiterbrennen.

© Chidi Nobi 2021

Anmerkung der Redaktion: Auf davidstuart.org sind zahlreiche Texte von David Stuart, Bilder und Videos zu finden.

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