Ereignisse und Erlebnisse, Begegnungen und Schlagzeilen: Wir haben Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, aus der Aidsprävention und Aidshilfebewegung gefragt, was ihnen vom Jahr 2011 in Erinnerung bleiben und was uns weiter beschäftigen wird.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP)

Daniel Bahr, Bundesminister für Gesundheit:

„Wir blicken zurück auf ein erfolgreiches Jahr: Die HIV-Neuinfektionszahlen in Deutschland sind rückläufig, und im europäischen Vergleich haben wir weiterhin eine der niedrigsten Neuinfektionsraten. Die Entwicklung zeigt: Prävention wirkt. Wir sind erfolgreich, weil Staat und Bürger seit langem Hand in Hand zusammenarbeiten. Wichtig bleibt, dass wir die Menschen weiterhin gut über die Infektion, Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten informieren. Denn wer gut informiert ist, kann Risiken realistisch einschätzen und neigt nicht dazu, andere wegen irrationaler Ängste zu diskriminieren. HIV und Aids können weltweit nur dann besiegt werden, wenn wir informieren, wenn die Menschenrechte beachtet werden und betroffene Menschen nicht ausgegrenzt werden. Hierfür tragen wir alle eine gemeinsame Verantwortung.

Zübeyde, Marcel, Ernst und Thomas haben andere ermutigt, in die Öffentlichkeit zu gehen

Stigmatisierungen und die Angst vor Diskriminierungen beeinflussen das eigene Gesundheitsverhalten. Menschen, die Diskriminierungen erlebt haben oder Angst vor Ausgrenzung haben, zögern, ihren Partner oder ihre Partnerin, die Familie, den Freundeskreis, Kolleginnen und Kollegen und selbst ihren Arzt ins Vertrauen zu ziehen. Viele leben daher isoliert und einsam. Andere lassen sich aus Angst vor den Folgen eines positiven Ergebnisses nicht testen.

Das persönliche Gespräch mit den Menschen, die in unserer aktuellen Kampagne zum Welt-Aids-Tag mutig ihre Gesichter gezeigt haben, bleibt mir in besonderer Erinnerung. Zübeyde, Marcel, Ernst und Thomas haben andere ermutigt, in die Öffentlichkeit zu gehen und über das Leben mit HIV und Aids zu berichten. Mit dieser Kampagne wird ein wichtiger Beitrag geleistet, um noch bestehende Diskriminierungen und Stigmatisierungen weiter abzubauen. Es bleibt noch viel zu tun und jeder einzelne kann dazu seinen Beitrag leisten.“

 

Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

Porträtfoto Dirk Niebel
Bundesminister Dirk Niebel (FDP)

„Besonders in Erinnerung bleibt mir der kürzlich von UNAIDS in Berlin vorgestellte aktuelle Welt-Aids-Bericht, seine Zahlen machen Mut und geben Hoffnung: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen geht zurück. Im Vergleich zum Höhepunkt der Epidemie 1997 ist eine Verringerung der jährlichen Neuinfektionen um 21 Prozent zu verzeichnen. In den 22 Ländern des subsaharischen Afrikas konnte auch der Zugang zu antiretroviraler Behandlung innerhalb eines Jahres um 20 Prozent verbessert werden. Diese positiven Trends attestieren die Wirksamkeit des internationalen entwicklungspolitischen Engagements im Kampf gegen HIV/Aids.

Das Jahr 2011 war zugleich geprägt von einem großen Erfolg in der Zusammenarbeit mit dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose (GFATM). Das BMZ hatte die für den GFATM vorgesehenen Mittel in Höhe von 200 Millionen Euro für 2011 nach massiven Vorwürfen der Mittelfehlverwendung zunächst zurückgehalten und auf die Einsetzung einer unabhängigen Prüfkommission bestanden. Mitglied der Prüfkommission war auch der ehemalige Vizepräsident des Bundesrechnungshofs, Norbert Hauser.

Die Kommission hatte erhebliche Mittelfehlverwendungen bestätigt, woraufhin wir uns für umfassende Reformen des GFATM zum Wohle der Kranken eingesetzt haben. Unsere Zielrichtung war dabei immer klar: wir müssen sicherstellen, dass deutsche Steuergelder bei den Bedürftigen ankommen. Es darf nicht sein, dass Risikoeinschätzung bei der Vergabe und vor allem bei der Überwachung der Mittel eine untergeordnete Rolle spielt. Es darf nicht sein, dass bei der Beschaffung und Verteilung von Medikamenten keine Standards definiert werden, an denen die Länder gemessen werden.

Der Globale Fonds muss im nächsten Jahr beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Umsetzung der Reformschritte

Und es darf nicht sein, dass Staaten, die dazu finanziell in der Lage wären, ihre Verantwortung an die internationale Gemeinschaft abgeben, anstatt ihre Kranken durch ein effizientes Gesundheitssystem selber zu versorgen. Am Ende dieses Jahres kann ich sagen, dass wir einen großen Schritt weitergekommen sind: Der Globale Fonds hat eine Strategie und einen Transformationsplan beschlossen, die Grundlage für sein neues, nachhaltigeres Geschäftsmodell sind. Es wurde ein Risikomodell erarbeitet, das eine differenziertere Zusammenarbeit mit den Partnerländern erlaubt – was die Art der Zusammenarbeit betrifft, nicht den Umfang der Mittel. Es werden Maßnahmen erarbeitet, die die Beschaffung und Verteilung von Medikamenten und anderen Gesundheitsprodukten korruptionsresistenter und effizienter gestalten. Und es wurden neue Zugangskriterien definiert, die sicherstellen, dass die bedürftigsten Länder mit der höchsten Krankheitslast wieder den Großteil der Mittel erhalten. Die Reformen stimmen zuversichtlich, und auf dieser Grundlage habe ich die für 2011 zugesagten 200 Millionen gerne freigegeben.

Zum Abschluss ein kurzer Ausblick auf das Jahr 2012: Es wird das Jahr der Umsetzung der Reformen im GFATM – der Globale Fonds muss im nächsten Jahr beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Umsetzung der Reformschritte. Der Globale Fonds muss sich weiter konzentrieren, in seiner Arbeit noch zielgerichteter Prioritäten setzen und die Instrumente weiter verfeinern. Ich stehe zu diesem Reformprozess und werde ihn auch weiterhin konstruktiv und eng begleiten: Zum Wohle der betroffenen Menschen in unseren Partnerländern.“

 

Sylvia Urban, Mitglied des Bundesvorstands der Deutschen AIDS-Hilfe:

Porträt Sylvia Urban
DAH-Vorstandsfrau Sylvia Urban

„Ich sehe mit sehr gemischten Gefühlen auf das Jahr zurück und will nur zwei Aspekte herausgreifen: Einerseits haben wir nicht nur in Deutschland, sondern 30 Jahre nach dem Beginn der Epidemie erstmals auch weltweit sinkende Neininfektionszahlen. Das zeigt nicht nur, dass Prävention wirkt, sondern auch, dass mehr Menschen Zugang zur antiretroviralen Therapie haben. Denn wie wir aus der Studie HTPN 052 jetzt auch wissenschaftlich belegt wissen, sinkt das Risiko, sich bei frühzeitig behandelten HIV-Positiven anzustecken, drastisch.

30 Jahre nach dem Beginn der Epidemie haben wir sinkende Neininfektionszahlen

Und damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Eines der wesentlichen Instrumente, mehr Menschen den Zugang zu Prävention und Therapie zu verschaffen, ist der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Er befindet sich zurzeit in schwerer Finanznot, weil die Geberländer ihre Zusagen nicht einhalten.
Für mich ist es einfach nur unsäglich, dass die Bundesregierung zur Euro- und Bankenrettung mit Milliardensummen jongliert, die sich kein Mensch mehr vorstellen kann, aber zögert, die bereits zugesagt 400 Millionen für die nächsten zwei Jahre zu garantieren, ganz zu schweigen von einer Aufstockung des Budgets. Damit nimmt sie in Kauf, dass Menschen lebensnotwendige Hilfe verwehrt bleibt. Wir werden gemeinsam mit unseren Bündnispartnern nicht nachlassen, die Politik in die Verantwortung zu nehmen.“

 

Dirk Meyer, Leiter des Aids-Referats der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

Porträtfoto Dirk Meyer
Dirk Meyer, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

„Mir werden von 2011 in ganz besonderer Weise die Menschen der aktuellen Welt-Aids-Tag-Kampagne im Gedächtnis bleiben, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen mit der DAH, der Deutschen AIDS-Stiftung und dem Bundesministerium für Gesundheit durchgeführt hat. Nicht allein, dass die Kampagne so fantastisch gelaufen ist. Ich war beeindruckt von diesen elf Menschen, die sich als Welt-Aids-Tags-Botschafter so mutig in der Öffentlichkeit positioniert haben. Das hätte ich in dieser Form nicht erwartet, und nicht weniger erfreut war ich über die hohe Akzeptanz und Resonanz.

Die rückläufigen HIV-Neuinfektionen in Deutschland waren sicherlich nicht nur für mich ein großer positiver Aha-Effekt

In diesem Zusammenhang ist mir allerdings auch noch einmal deutlich geworden, wie verbreitet Diskriminierungserfahrungen für Menschen mit HIV im Alltag sind, und das 30 Jahre, nachdem Aids als Phänomen erstmals beschrieben wurde. Das hat Auswirkungen im Arbeitsleben genauso wie in der medizinischen Versorgung. Von einer Normalisierung – im positiven Sinne – kann angesichts dieser Situation noch lange nicht gesprochen werden.

Was ich sicherlich auch nicht vergessen werde: dass das Robert Koch-Institut durch seine neuen, zurückberechneten Zahlen verkünden konnte, dass die HIV-Neuinfektionen in Deutschland seit 2007 rückläufig sind. Das war, sicherlich nicht nur für mich, ein großer positiver Aha-Effekt. Damit wurde das Gefühl, dass Prävention wirkt, nun auch in der Epidemiologie mit klaren Fakten abgebildet. All jene, die sich in den letzten Jahren im Bereich Prävention engagiert haben, haben nun die Sicherheit, dass ihr Gefühl sie nicht getrogen und die Arbeit über die Jahre sich ausgezahlt hat. Für mich ist dies ein wirklich tolles Highlight.

Mein dritter Punkt schließlich ist ein ganz persönlicher. Ich habe mich nach über 25 Jahren Aidshilfearbeit beruflich verändert und gewissermaßen die Seiten gewechselt. Seit April bin ich nun als Referent bzw. Referatsleiter im Aids-Referat der BZgA tätig. Dies war für mich ein tiefgreifender, aber auch wohlüberlegter Schritt, den ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge vollzogen habe. Denn natürlich habe ich meine Arbeit in der Aidshilfe, zuletzt als Geschäftsführer der Aids-Hilfe NRW, sehr gerne gemacht und tolle Kolleginnen und Kollegen gehabt. In gleichem Maße aber reizt mich natürlich auch die neue Herausforderung. Auch damit wird das Jahr 2011 für mich stets in besonderem Maße verbunden sein.“

 

Jacqueline Hofer, ehrenamtliche Mitarbeiterin der JVA-Gruppe der Münchner Aids-Hilfe:

Porträtfoto Jacqueline Hofer
Jacqueline Hofer, Ehrenamtlerin der Münchner AIDS-Hilfe

„Zu den Aufgaben der JVA-Gruppe der Münchner Aids-Hilfe, bei der ich ehrenamtlich mitwirke, gehört vor allem die Präventionsarbeit im Jugendarrest (ein Video dazu gibt’s auf Youtube, d. Red.). In diesem Jahr hatten wir allerdings zwei besondere Anfragen, die für uns als Gruppe, aber auch persönlich eine große Herausforderungen waren. Zum einen lud uns die Haftanstalt Stadelheim auf ihre Therapiestation für Sexualstraftäter ein. Nun sind die Fakten, die es in Aufklärungs- und Beratungsgesprächen zu vermitteln gilt, überall gleich – ganz egal, mit welchen Menschengruppen man es zu tun hat. Hier aber stießen wir an unsere Grenzen. Wir haben lange darüber diskutieren müssen, wer sich in der Lage sieht, diese Aufgabe zu übernehmen, und wir wurden konfrontiert damit, welche eigenen Ängste und welche Befangenheit plötzlich zu Tage traten. Wir haben uns als Gruppe dadurch noch einmal ganz anders und intensiv kennengelernt.

Zum anderen hatten wir auch eine Anfrage einer offenen Behindertengruppe, und auch dies war eine ungewöhnliche Erfahrung. Wir waren vorher unnötigerweise völlig nervös. Das Ganze ist dann aber super angekommen und hat ihnen viel gebracht. Das hat uns wahnsinnig gefreut und gestärkt. Dieses Erlebnis und das damit verbundene tolle Gefühl nehme ich auf jeden Fall mit ins neue Jahr.“

 

Georg Behrens, Vorsitzender der Deutschen AIDS-Gesellschaft:

Porträt Georg  Behrens
Georg Behrens, Deutsche AIDS-Gesellschaft

„Zu den besonderen Momenten in Bezug auf HIV/Aids in 2011 zählte für mich der Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress und die Straßenbahnaktion der Braunschweiger AIDS-Hilfe ‚Aids braucht positive Gesichter‘, die dort mit dem Medienpreis der AIDS-Stiftung ausgezeichnet wurde. Die Aktion wurde zum Anlass für ein ähnliches Projekt während des DÖAK 2011 in Hannover.
Die Straßenbahn mit den Bildern selbstbewusster Männern und Frauen, die Gesicht zeigen und für einen „gesunden Umgang“ mit HIV werben, war ein starkes Zeichen. Gefreut hat mich auch, dass der sensible Beitrag der Doku-Reihe „37 Grad“ im ZDF mit dem Thema „Ich bleibe immer positiv“ mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Studienergebnisse zeigten erstmals den positiven Effekt der HIV-Therapie auf die Übertragung des Virus

Die Teilnehmer der IAS Conference in Rom belohnten im Juli eine aufwendige internationale Studie mit stehenden Ovationen. Die Ergebnisse zeigten erstmals den positiven Effekt der HIV-Therapie auf die Übertragung des Virus. Ein Moment, der die Autoren und Zuhörer gleichsam fesselte und der half, den Slogan „Treatment is Prevention“ in die Welt zu tragen.

Wissenschaftlich gab es in 2011 viele Fortschritte, die uns helfen, die Immunantwort gegen HIV besser zu verstehen und für eine Impfung nutzbar zu machen. Das Thema Heilung wird mittlerweile von verschiedenen Richtungen angegangen, ohne dass natürlich ein schneller Erfolg absehbar ist. Hier entwickeln sich viele innovative Ideen. Ich erwarte jedoch, dass eine Heilung – wann auch immer – nur für einen Teil der Menschen mit HIV möglich sein wird. Das Jahr 2011 hat für mich erneut gezeigt, dass die Fortschritte in der HIV-Medizin schneller vorangehen als der Abbau von gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber Menschen mit HIV.“

 

Michael Stock, Filmregisseur („Postcard to Daddy“):

Porträt Michael Stock mit Rose im Mund
Michael Stock, Filmemacher

„Durch die nun schon über ein Jahrzehnt andauernde Therapie ist HIV in meinem Leben glücklicherweise etwas mehr in den Hintergrund getreten. Zuletzt hatte ich hingegen mit meiner Krebserkrankung zu kämpfen, die vielleicht in Zusammenhang mit der Langzeittherapie steht. Den Krebs habe ich Dank unserer privilegierten medizinischen Versorgung überstehen können.

Das zurückliegende Jahr habe ich, auch im Sinne der Selbstheilung, vor allem dafür genutzt, mich gedanklich von meinen eigenen Problemen weg hin zu den Problemen der Welt zu bewegen. Dadurch kam ich auf das Thema der gerechteren Verteilung der Weltressourcen. Speziell interessiert mich die Verteilung von Medikamenten, insbesondere der Generika von HIV-Medikamenten. Die letzten Monate habe ich mich nun gemeinsam mit meinem Partner Carsten Cierocki intensiv mit dieser Problematik beschäftigt. Im kommenden Jahr werden wir nun nach Ostafrika reisen, um dort einen Dokumentarfilm über die Situation der Menschen mit HIV in den Drittweltländern zu drehen.

 

Claudia Schieren, Bundesvorstand JES:

Porträt Claudia Schieren
Claudia Schieren, JES-Bundesvorstand

„Als Vertreterin der Drogengebraucher-Community JES in Deutschland bleibt mir am ehesten die weltweite Aktion zum Welt-Aids-Tag in Erinnerung, bei der sich viele Vertreter und Vertreterinnen von User-Netzwerken aufgemacht haben, die menschenunwürdige Drogen und HIV-Politik in Russland zu kritisieren (ein Video zu dieser Aktion gibt’s auf Youtube, d. Red.).

Drogenkonsumenten in Russland konsumieren unter  katastrophalen Umständen und sterben an den Folgen des Konsums und an HIV/Aids. Auch JES hat, unterstützt von der Deutschen AIDS-Hilfe und anderen Institutionen, vor der russischen Botschaft in Berlin auf diese Umstände aufmerksam gemacht.

Die Diarmorphin-Behandlung wäre ein guter Schritt

Weiterhin erinnere ich mich an die Menschen auch in Deutschland, die mit HIV infiziert sind oder an Aids erkrankt sind und die immer noch auf eine adäquate Behandlungsmöglichkeit warten. Mittlerweile haben zwar viele HIV-infizierte Drogengebraucher eine HIV-Behandlung, können aber leider noch nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ihre Abhängigkeit behandeln zu lassen. Die Diarmorphin-Behandlung wäre ein guter Schritt, den wir als JES-Netzwerk begrüßen würden und für den wir mit einem Vertreter im GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss der Krankenkassen) sitzen und uns dort auch weiterhin für die Belange Drogen gebrauchender, HIV- und Hepatitis-infizierter und an Aids erkrankter Menschen einsetzen.

Trotz der mittlerweile guten Behandelbarkeit von HIV und Aids sterben nach wie vor viele Menschen an der Krankheit und an ihren Folgen. Auch im direkten Umfeld von JES verlieren wir fast jährlich Menschen, die uns lieb geworden sind. Somit muss man leider sagen, dass HIV und Aids ein ständiger Begleiter bleiben wird, auch in unserem Netzwerk.“

 

Ernst Grandl, Architekt und Botschafter der diesjährigen Welt-Aids-Tags-Kampagne:

Porträt Ernst Grandl
Ernst Grandl, Botschafter des Welt-Aids-Tages 2011

„Mir war wichtig, in der Botschafterkampagne zum Welt-Aids-Tag mitzumachen, weil das diesjährige Motto „Positiv zusammen leben“ und eben auch HIV überleben genau mein Thema war. Ich hatte mich zunächst ganz auf die Naturheilkunde verlassen und wollte buchstäblich bis zuletzt nichts von einer Medikation wissen. Die Schulmedizin hat mir schließlich ein zweites Leben geschenkt.

Ich hatte schon etwas Grusel davor gehabt, welche Reaktionen ich auf die Plakate und Filmspots mit mir bekommen würden, schließlich war dies auch so etwas wie mein nationales Coming-out. Meine Schwiegereltern haben ganz positiv reagiert. Diese Menschen sind weit über 70, haben ihre eigenen Krankheitserfahrungen und sehen, dass ich fit durchs Leben hüpfe. Die konnten das gut als eines der Lebensschicksale einordnen, die einen treffen können – und so möchte ich es auch gerne gesehen wissen.

Das Erleben der immer stärker werdenden Offenheit wird mir von diesem Jahr ganz besonders in Erinnerung bleiben

Durch meine Botschaftertätigkeit bekam ich aber auch ganz überraschend wieder Kontakt zu einem Kommilitonen aus meiner Studienzeit. Der schrieb mir in einer Mail: „Erst habe ich dich auf einem großen Plakat gesehen, dann an jeder Bushaltestelle und am Abend auch noch als Postkarte in der Kneipe, und überall hattest du dieses Grinsen, das mir sagte: Warum hast du dich jahrelang nicht gemeldet?“ Ein anderer Bekannter hat durch meine Offenheit den Mut gefunden, bei einem gemeinsamen Essen selbst zu erzählen, dass er bereits seit über 20 Jahren mit dem Virus lebt. Diese vielen Begegnungen, die Gespräche, die sich daraus ergeben haben, das Erleben der immer stärker werdenden Offenheit – all das wird mir sicher von diesem Jahr ganz besonders in Erinnerung bleiben.

Dieses besondere Jahr hat in mir aber auch die Idee wachsen lassen, dass ich mich nicht nur als Botschafter des Welt-Aids-Tages 2011 einbringen möchte, sondern vielleicht auch durch ein eher mittelfristiges Projekt, das ich mit meinem Architektenberuf verbinden kann. Ich denke da beispielsweise an eine Seniorenanlage für Positive, die im fortgeschrittenen Alter besondere Unterstützung benötigen.“

 

Porträt Christa Grandmont
Christa Grandmont (Foto: Mark Strombach)

Christa „Chrissy“ Grandmont, Protagonistin des Dokumentarfilms „Mein positives Leben“:

„Für mich wird dieses Jahr natürlich im besonderen Maße mit Mark Strombachs Film ‚Mein positives Leben‘ verbunden bleiben (einen Trailer zum Film gibt’s hier, d. Red.). Endlich mal wurden auch Langzeitüberlebende wahrgenommen und ihnen zugehört. Mich haben viele Leute aufgrund des Filmes angesprochen: ‚Wie kann man denn 30 Jahre mit dem Virus leben? Und wie lebst du eigentlich damit?‘ Ja, wie lebe ich damit? Positiv! Ich hab nicht ‚Hier!‘ geschrien, als ich den Virus bekam, und ich kann ihn nicht einfach wegschicken. Ich habe einen Wahnsinnsrespekt vor ihm, denn er kennt keine Ausgrenzungen, so wie wir sie sogar unter uns Positiven machen. Der Virus trifft Männer und Frauen, Alte und Junge, den interessiert weder Religion, Hautfarbe noch ob ich Hartz-IV-Empfängerin, schwul oder Mercedes-Fahrer bin.

Ich kann’s nicht ändern, dass ich den Virus habe, und mir geht es so weit ja auch gut.
Na klar, ich habe schlechtere und bessere Phasen. Aber es ist nicht der Virus, der mich umhaut. Medikamente sind ok, wir sind froh, dass wir sie haben. Aber manchmal, wenn ich mir den Beipackzettel anschaue, überkommt es mich doch. Und das geht nicht nur mir so. Das sind keine bunten Smarties, sondern pure Chemie. Ich muss den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, aber natürlich ist der nicht zu vertreiben, auch wenn das andere offensichtlich für möglich halten.

Mensch Chrissy, haste gut weggesteckt!

Ich habe fünf Schlaganfälle dieses Jahr hinter mir, aber dann bin ich dem nachgegangen, und was finde ich im Internet? Dass 60 Prozent aller HIV-Positiven über 50 von Diabetes und Bluthochdruck betroffen sind. Sagt mein Arzt: „Das kann ja gar nicht sein.“ Sag ich zu ihm: „Hammse Strom zuhaus? Gehn’s se mal ins Internet, kieken sie, wat da steht.“

Ich darf zufrieden sein, ich bin gut aus der Nummer herausgekommen: Ich habe keinen Sprachverlust erlitten, ich sabber nicht herum, ich mach so weiter wie zuvor. Jedes Jahr ist für mich ein gutes Jahr. Ich habe keine Zeit, um mich hinzulegen. Ich will weitermachen. Im Januar trete ich mit dem Straßenchor in der Berliner Philharmonie auf, da singen wir die ‚Carmina Burana‘.

Woher ich diese Kraft nehme? Na, aus meinem Leben. Nicht schlappmachen, nicht hängen lassen, sag ich mir immer. Jetzt, am Ende dieses Jahres, denke ich: „Mensch Chrissy, haste gut weggesteckt!“ 65 will ich auf jeden Fall noch werden, und dann wird aber mal so richtig gefeiert. Da will ich die Chippendales auf meiner Party strippen sehen!“

(zusammengestellt von Axel Schock)

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„Die Frauen sind hoch motiviert, sich einzubringen“

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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