Der Brückenbauer zwischen Aktivismus und Zuwendungsrecht geht von Bord: Geschäftsführer Peter Stuhlmüller hat sich in den Ruhestand verabschiedet und blickt auf 35 Jahre in der DAH zurück – eine Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen.

Du hast dich während deines Studiums ehrenamtlich für die Würzburger Aidshilfe engagiert. Damals warst du noch heterosexuell. Was hat dich bewegt, zur Aidshilfe zu gehen?

Das Thema war neu und interessierte mich. Die Berichterstattung auch von Medien wie DER SPIEGEL überbot sich allerdings mit Horrornachrichten und Diffamierungen gegenüber homosexuellen Männern. Das fand ich grauenhaft. Wie ich fanden auch einige Kommiliton*innen den Weg zur Aidshilfe, um sich z. B. im Haftbereich zu engagieren. Mein Coming-out war später.

Als du 1988 zur DAH gekommen bist, war die Aidskrise in vollem Gang. Auch du hast Partner und Freunde verloren, an eine Behandlung war noch lange nicht zu denken. Wie hast du das damals ausgehalten?

Ich möchte hier erstmal in der Gegenwart bleiben. Letztes Jahr stellte ich mich als Zeitzeuge für ein Interview zur Verfügung. Völlig unerwartet hatte ich plötzlich eine sehr emotionale Achterbahnfahrt. Ich konnte mir das erst nicht erklären und kam dann darauf, dass es mit dem Alter und dem Aussehen des Interviewers zu tun hatte, das mich an jemanden von damals erinnerte. Der Interviewer war etwa 30, genau in dem Alter, in dem mein Partner, meine Freunde und ich damals waren. Da wurde mir nochmal deutlich, wie jung wir waren, wie überfordernd im Grunde die Situation war. Das hat mich vermutlich so erschüttert. Es ging buchstäblich um Leben und Tod. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Ein Freund von mir ist kürzlich beim Anblick von alten Aidshilfeplakaten im Schwulen Museum in Tränen ausgebrochen. Die jüngeren Anwesenden konnten das gar nicht einordnen. Das Trauma ist immer noch da, auch nach einer so langen Zeit.

Magst du von deiner ganz persönlichen Situation damals erzählen?

Ich habe über vier Jahre mit meinem aidskranken Mann zusammengelebt. Zuerst lebten wir ein einigermaßen normales Leben, wenn man das so sagen kann. Dann wurde er krank. Er musste nur wenig Zeit im Krankenhaus verbringen, aber als die Kräfte nachließen, konnte er das Haus nicht mehr verlassen und wurde zum Pflegefall. Zuerst habe ich das alleine gemacht, dann kam tagsüber ein Pflegedienst hinzu. Das war notwendig und eine Entlastung, aber wir wollten auch noch Privatsphäre haben. Deshalb haben wir die Rund-um-die Uhr-Pflege relativ spät, fast erst in der Endphase, in Anspruch genommen.

Gab es so etwas wie Alltag für dich?

Ich musste arbeiten, schon des Geldes wegen. Meine Arbeit machte mir Spaß, lenkte mich ab, und ich konnte in der Aidshilfe mit meiner Situation offen umgehen. Das war damals ein Privileg. Ich bin heute noch den Kolleg*innen dankbar, die mir in dieser Zeit zugehört haben, mit denen ich aber trotz alledem auch viel lachen konnte. Andererseits erkrankten und starben in der der Bundesgeschäftsstelle innerhalb von wenigen Jahren über ein Dutzend Kolleg*innen. Das war dann wieder belastend und führte einem die Situation vor Augen, die auch zuhause und im Freundeskreis jederzeit eintreten konnte. Ich war auf sehr viel Beerdigungen, und die Verstorbenen waren meistens in den 20ern oder 30ern. Mir war irgendwann wichtig, dass ich nicht auf der Strecke bleibe. Ich wollte kein Opfer sein. Das war mein Mantra. Ich musste auch für mich sorgen. Wenn ich zusammenklappte, hatte niemand was davon. Dazu gehörte auch dem Unvermeidlichen, also dem Tod meines Mannes, ins Auge zu blicken.

Ich wollte kein Opfer sein

Ich machte weiter Sport und ging – sofern es möglich war – auch aus. Damals kam gerade die Technomusik auf. Ich habe viel getanzt. Das tat der Seele gut und der Figur. Außerdem hatte ich dadurch auch Kontakt zu anderen Menschen. Da einige wussten, dass ich bei der Aidshilfe arbeite, wurde ich aber auch öfter auf das Thema angesprochen.

Wie hast du das ausgehalten?

Ich hatte Freunde, von denen aber dann auch einige starben. Musik war ein Anker, von ABBA bis Guns’n‘Roses, unsere Katzen… Ich habe mir mal überlegt, ob ich mit dem heutigen Wissen einen anderen Weg einschlagen würde. Nein, das würde ich definitiv nicht tun. Die Zeit war zweifellos hart und manchmal erbarmungslos, sie hatte aber viele schöne, liebevolle und intensive Momente. Die Zeit mit meinem Mann und einigen Freund*innen war (relativ) kurz, ich möchte aber keine Minute missen.

Du giltst als der Brückenbauer zwischen DAH und BZgA, also am Anfang zwischen HIV/Aids-Aktivist*innen und Aktivisten für schwule Emanzipation auf der einen Seite und einer nachgeordneten Behörde, die sich im Rahmen des Zuwendungsrechts bewegt, auf der anderen Seite. Wie hast du diesen Spagat gemeistert?

Ich bin gelernter Kaufmann, Kameralist, Sozialpädagoge, schwuler Mann und Angehöriger bzw. Freund von HIV-positiven und an Aids erkrankten Menschen. Das ermöglichte mir unterschiedliche Perspektiven. Meine Loyalität gehört der Aidshilfe, Menschen im politisch-administrativen System sind ihrem Dienstherrn zur Loyalität verpflichtet. Es gibt einerseits das Haushaltsrecht und Zuwendungsvorschriften und andererseits Ermessenspielräume und politisches Aushandeln, wo durchaus etwas bewegt werden kann. Aus meiner Sicht haben wir hier im Rahmen des Möglichen oft viel Unterstützung erfahren. Dafür bin ich dankbar.

Viele Konflikte haben sich im politischen Kontext abgespielt

Letztlich ist es auch eine Frage der Haltung. Man merkt, ob etwas nicht vorangeht, weil es im Rahmen von Verwaltungsvorschriften oder politischen Einschränkungen nicht möglich ist oder weil jemand das Anliegen nicht mitträgt oder gar hintertreibt. Meiner Erinnerung nach haben sich viele Konflikte oft im politischen Kontext abgespielt, gerade in den Anfangsjahren bei den Themen schwuler Sex, Drogengebrauch, Verantwortung oder Schwangerschaft von HIV-positiven Frauen. Es ist sehr viel erreicht worden, und die Aidshilfe hat einen großen Anteil daran. Zweifellos gibt es aber noch viel zu tun.

Privat beschäftigst du dich viel mit Musik, und du hast einmal die Geschichte von Aids und den gesellschaftlichen Umgang damit anhand von Songtexten von Elvis bis Eminem analysiert. Welcher Song beschreibt am ehesten deine 35 Jahre in der DAH?

Die Geschichte könnte weitergeschrieben werden. Letztes Jahr hatten Sam Smith und Kim Petras mit „Unholy” einen Welthit. Er landete sogar in den USA auf Platz 1. Das war schon deswegen eine Sensation, weil Sam Smith nicht-binär und Kim Petras eine Transfrau ist. Einige schwule oder queere Künstler haben ihre HIV-Infektion in ihren Liedern thematisiert, z. B. Oliver Sim von der Indieband The XXs oder John Grant.

Meine mit der Würzburger Zeit insgesamt 37 Jahre in der Aidshilfe beschreibt ABBA mit „I Still Have Faith in You”. Sie haben das Lied überraschenderweise nach 40 Jahren Pause veröffentlicht – vermutlich mir zuliebe, damit ich auf diese Frage ein passendes ABBA-Lied vorweisen kann. Waterloo wäre ja wenig geeignet. Das Lied lässt sich unterschiedlich deuten; laut dem Texter Bjorn Ulvaeus handelt sich um die Geschichte von ABBA und ihre lange Freundschaft, ihre Höhen und Tiefen. Für mich beschreibt es nun meine lange Geschichte mit der Aidshilfe und meine Verbundenheit mit ihr.

Welche Persönlichkeiten der Aidshilfe-Bewegung haben dir am meisten imponiert?

Da gibt es viele. Ich war oft berührt und stolz auf das, was Aidshilfe alles bewegt. Es sind die Menschen in den Aidshilfen, die mir immer wieder imponieren. Ich denke an die Aktivistinnen, die in den Anfangsjahren den Mut hatten, an die Öffentlichkeit zu gehen, z. B. Celia Bernecker-Welle. Sie war eine an Aids erkrankte drogengebrauchende Frau, die JES mit auf den Weg gebracht hat.

Es sind die Menschen in den Aidshilfen, die mir imponieren

Bernd Aretz war unermüdlich und ein streitbarer Aktivist über Jahrzehnte, ebenso wie die Aktivist*innen von AfroLebenplus, die in ihren Communities wirken. Zwei Namen nenne ich aus persönlichen Gründen: Ian Schäfer war einer der ersten Geschäftsführer der DAH. Er starb am 4.11.89 an Aids. Er war durchaus umstritten, aber ich hege Zweifel, ob ohne ihn die Aidshilfe in dieser Zeit des Aufbaus überlebt hätte. Diese kurze Zeit hat mich geprägt. Und Beate Jagla, die in einer sehr männerdominierten Phase im Vorstand der DAH war, hat mit ihrer ruhigen, bestimmten und durchsetzungsstarken Art ein Beispiel gegeben, wie man den Umgang miteinander verändern kann.

ABBA: „I Still Have Faith in You”, Polar Music 2021. Quelle: ABBA-YouTube-Kanal.

Kannst du jeweils drei Schlagworte nennen, die für die Höhen und Tiefen deiner Zeit in der Aidshilfe stehen?

Höhen waren für mich immer wieder die erfolgreiche Arbeit mit und für die Schlüsselgruppen, die medizinischen Entwicklungen, die HIV und Hepatitis behandelbar machten – eine ungeheure Entlastung –, und die Tatsache, dass ich am überwiegenden Teil der 40-jährigen Geschichte teilhaben durfte.

Immer wieder zerplatzte Hoffnungen

Zu den Tiefen gehören die Aidsjahre und das Sterben, die immer wieder zerplatzten Hoffnungen auf eine schnelle, wirkende Therapie; die Gefahr der Rollbacks und der Hass, den wir gerade erleben. Ich denke, so etwas gab es schon immer, aber die Social Media führen ihn in andere Dimensionen. Bei einigen Ereignissen, z. B. damals bei der Verhaftung von Nadja Benaissa, habe ich viele Kommentare gelesen. Wenn Menschen unsere Positionen nicht teilen wollen und dies sachlich vortragen, kann ich das oft so stehen lassen. Aber der blanke Hass, der mir in den Mails entgegenschlug, war ein absoluter Tiefpunkt.

Gab es in den 35 Jahren etwas, das dich besonders berührt hat?

Ja, das betrifft zum Teil persönliche Situationen und Schicksale von Kolleg*innen und ihren Umgang damit. Ein Höhepunkt für mich war die Rede von Nelson Mandela auf der Welt Aidskonferenz 2000 in Durban. Seine Aidspolitik war umstritten, aber für mich war er eine Legende, ein Gigant. Und ich kann nicht verhehlen, dass meine letzte MV in Schwäbisch Gmünd, die für mich der Abschied vom Verband und von vielen Menschen war, mich tief bewegt hat.

Was ist deine Lieblings-Anekdote/Skandälchen aus 35 Jahren DAH?

Die hebe ich mir für meinen fiktiven Roman auf.

Welche Schnappschüsse (Bilder, Gerüche, Farben, Personen, Räume) fallen dir spontan ein, wenn du an deine DAH-Geschichte denkst?

Rote Schleife, Regenbogenfarben, grüne Bäumchen, schwarzes Leder, die Farbenpracht afrikanischer Kleidungen; Weihnachtsfeiern in der DAH mit selbstgemachten Köstlichkeiten, die Geschäftsstellen an verschiedenen Standorten, Betriebsausflüge – gerne auf den Berliner Gewässern, Trauerhallen mit vielen Teelichtern, Corona, die Bundeskanzlerin auf unserem Empfang und alles drumherum; Hunde, CSDs, viele Kolleg*innen, ein spontaner Sitzstreik auf der Straße vor dem Senat für Soziales zur Unterstützung Berliner Pflegeprojekte. Man darf mir solche Fragen nicht stellen, meine Gehirn hat so viel abgespeichert…

Was wäre deine Tag-Wolke für die DAH? Welche Begriffe/Schlagwörter fallen dir ein, wenn du an die Aidshilfe/Aidshilfe-Bewegung denkst?

Strukturelle Prävention, Solidarität, Selbsthilfe, Empowerment, Act Up, Netzwerke, Konflikte, WAT, Positive Begegnungen, Anträge, Zuwendungsbescheide, Projekte, Gremien, Gedenktage, hohes Engagement, Gefahr der Omnipotenz, Partizipation, Antidiskriminierung, (nicht immer, aber manchmal auch produktiver) Streit – ich finde es interessant, das bisweilen Inhalte oder Begriffe, die seit der Gründung zur DNA der DAH gehören, immer wieder neu erfunden oder als neu empfunden werden. Das liegt wohl an meinem Alter!

Du warst vier Mal Interims-Geschäftsführer, bevor du 2009 zusammen mit Silke Klumb endgültig in die Geschäftsführung gewechselt bist. In dieser Zeit musstest du auch viele repräsentative Aufgaben wahrnehmen. Welche davon hat dich am meisten genervt?

Es waren weniger die Aufgaben als der Dresscode Krawatte. Ich lehne Krawatten nicht grundsätzlich ab. Warum sie aber zwingend notwendig sind, um seriös zu wirken, erschließt sich mir nicht.

Wie siehst du die DAH in zehn Jahren?

Als NGO, die dann ihr 50jähriges Bestehen feiern wird. Aidshilfe ist heute eine wichtige – und wie ich finde unverzichtbare – Akteurin im Gesundheits- und Selbsthilfebereich. Gerade die Aktivitäten in Sachen Mpox oder für HIV-positive oder LGBTIQ-Geflüchtete aus der Ukraine haben wieder gezeigt, wie schnell und gut die DAH handeln kann. Man muss sich aber auch nichts vormachen, die Zeiten sind bei knappen Haushaltskassen schwierig.

Was nimmst du von der DAH mit in deine Zukunft?

Viele gute und schöne Erinnerungen. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Ich habe alle Ausgaben der Jahrbücher zuhause. Ich werde nochmal bei manchem Käffchen die Jahre Revue passieren lassen. Das war mehr als die Hälfte meines Lebens. Ich finde Geschichte wichtig. Allerdings bin ich definitiv kein Mensch, der im Gestern verhaftet ist. Jetzt konzentriere ich mich auf die nächsten 20 Jahre+, sofern sie mir vergönnt sind. Ich werde sicherlich der DAH verbunden bleiben.

Was wirst du auf keinen Fall vermissen?

Den Stress, vor allem den Herbst- und den Jahresendzeitstress.

Und worauf freust du dich am meisten?

Erstmal hoffe ich auf mehr als einige warme Sommertage, um auf dem Balkon zu frühstücken oder mit Freund*innen im Cafe zu sitzen. Ich habe viele Bücher, die ich noch lesen will. Jetzt habe ich Zeit und Muße und werde endlich die englischsprachige Biografie von Barack Obama lesen können, die schon ewig auf meinem Schreibtisch liegt. Ich habe jetzt schon in kurzer Zeit drei Bücher gelesen, das gab es sonst vielleicht im Urlaub. Und vielleicht schaffe ich es ja doch nach London, um mir die virtuelle ABBA-Show anzuschauen 😉. Die Welt dreht sich weiter, und ich werde sehen, wo mich mein Weg noch hinführt.

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