Deborah Persaud vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore (USA) ist sich sicher: Ein kleines Mädchen, das sich bei der Geburt bei seiner HIV-infizierten Mutter angesteckt hatte, ist geheilt. Von DAH-Medizinreferent Armin Schafberger, zurzeit auf der Retroviruskonferenz (CROI) in Atlanta

Es wäre nach dem Erwachsenen Timothy Brown aus Berlin der zweite Mensch, der von HIV geheilt wäre. Die Mutter wusste während der Schwangerschaft nicht, dass sie mit HIV infiziert ist. Erst bei der Geburt wurde ein Test durchgeführt. Nach dem positiven Ergebnis erhielt das Neugeborene HIV-Medikamente zur nachträglichen Prophylaxe, also zur Verhinderung einer HIV-Infektion. Aber nicht ein Medikament für einen Monat, wie das sonst üblich wäre, sondern täglich drei Medikamente. Schließlich hatte man die Mutter nicht mehr behandeln können, und das Kind war somit einem höheren Risiko ausgesetzt. Statt nur mit AZT wurde es auch mit Lamivudin und Nevirapin (in einer höheren Dosis als üblich) behandelt.

Am zweiten Lebenstag wurde dem Kind Blut abgenommen, dann wurden zwei Tests auf Virus-Erbsubstanz (PCR) durchgeführt. Das Ergebnis kam am Tag 6 zurück: Beide Proben waren positiv. Die Viruslast lag in der 31. Stunde nach der Geburt in einem mittleren Bereich von 20.000 Viruskopien pro Milliliter Blutserum. Jetzt war klar: Das Kind ist infiziert. Nun ging es nicht mehr darum, eine prophylaktische Behandlung durchzuführen, sondern eine richtige Therapie einzuleiten. Nevirapin wurde gegen Kaletra, einen Proteaseinhibitor, ausgetauscht.

Normalerweise werden Kinder, die sich in der Schwangerschaft oder bei der Geburt infizieren, nicht so früh diagnostiziert. Denn die meisten Infektionen geschehen erst bei der Geburt, und durch die vierwöchige Prophylaxe, die jedes Kind einer HIV-positiven Schwangeren erhält, bleibt die Viruslast meist bis zum Absetzen der Prophylaxe nicht nachweisbar.

Deborah Persaud
Deborah Persaud (Foto: www.hopkinschildren.org)

In den ersten 20 Tagen waren mehrere PCR-Tests noch positiv, ab dem 29. Lebenstag war die Viruslast mit normalen Messmethoden nicht mehr nachweisbar. Im 18. Lebensmonat wurde die HIV-Behandlung dann abgesetzt. Doch obwohl das Kind nun keine Medikamente mehr erhielt, blieb die Viruslast unter der Nachweisgrenze der üblichen Tests. Lediglich Spezialmessungen konnten im Monat 24 ein einzelnes Virus im Blutserum sowie 37 Viruskopien in Blutmonozyten (das sind Immunzellen) nachweisen.

Die Virologin Deborah Persaud ließ bei dem Kind weitere umfangreiche Laboruntersuchungen durchführen. Viren konnten nicht mehr aus dem Blut angezüchtet werden, das heißt, es fanden sich keine vermehrungsfähigen Viren. Im Monat 26 wurden noch vier Viruskopien pro Milliliter Blut nachgewiesen.

„Wir haben den ersten Fall einer funktionellen Heilung bei einem Kind“

Deborah Persaud ist sich sicher: Wir haben den ersten Fall einer funktionellen Heilung bei einem Kind. Funktionelle Heilung heißt, dass man noch einzelne Viren oder Virenbruchstücke nachweisen kann, das Virus aber vom Immunsystem so gut kontrolliert wird, dass es sich nicht vermehren kann. Man sehe, so Persaud, nur noch „Fußabdrücke“ des Virus. Leider weiß man nicht, wie es weitergeht, da das Kind bisher unauffindbar ist.

Wahrscheinlich, so Persaud, wurde durch die frühe Therapie verhindert, dass sich das Virus in „Reservoiren“ einnistet, zum Beispiel in Zellnestern in Lymphknoten. Dort ist ihm auch mit Medikamenten nur schwer beizukommen, da solche infizierten Zellen in den Ruhezustand übergehen und dann nicht greifbar für die Medikamente und das Immunsystem sind.

Was heißt das für die Praxis? Müsste man nun alle Kinder von infizierten Müttern statt mit einer Einfachprophylaxe mit einer Dreier-Kombination behandeln? So hat man bisher nie gedacht, denn es ging immer um die Verhinderung einer Infektion – und das gelingt in den allermeisten Fällen auch mit nur einem Medikament.

Das kleine Mädchen wäre die erste HIV-Patientin, bei der bewiesen wurde, dass man durch eine ganz frühe Therapie eine Infektion heilen kann. Das wäre dann eher ein Modell für Erwachsene: Timothy Brown hatte eine Leukämie und wurde durch die deshalb durchgeführte Stammzelltransplantation auch von HIV geheilt. Dieses Heilverfahren kann man aber nicht einsetzen, die Sterblichkeit ist zu hoch. Nun hätte man ein zweites Verfahren gefunden, mit dem HIV-Positive geheilt werden könnten – wenn die Infektion so früh wie möglich entdeckt wird. Wichtig ist der Fall vor allem für die Forschung zur Heilung: Was vor Jahren noch undenkbar erschien, wird nun immer greifbarer. Auch wenn es noch Einzelfälle sind: Es wären immerhin schon zwei.

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Armin Schafberger

Armin Schafberger ist Arzt und Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen AIDS-Hilfe.

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