Über Jahrzehnte war Rosa von Praunheim der wohl bekannteste schwule Mann Deutschlands – und stets umstritten. Nun feiert er seinen 80. Geburtstag. Umtriebig und produktiv ist er weiterhin.

Ein Roman fehlte bislang in seinem vielseitigen wie umfangreichen Œuvre. Das hat Rosa von Praunheim nun nachgeholt und pünktlich zu seinem 80. Geburtstag „Hasenpupsiloch“ veröffentlicht. Der Filmemacher und Allround-Künstler ist niemand, der sich einfach zur Ruhe setzt. Sein jüngster Film, der dokumentarische Spielfilm „Rex Gildo – Der letzte Tanz“, kam vor wenigen Wochen erst in die Kinos, parallel dazu feierte in der Berliner Bar jeder Vernunft die Musicalversion seines Kultfilms „Die Bettwurst“ Premiere und in Moers wurde sein Theaterstück „Zwei Fleischfachverkäuferinnen“ uraufgeführt.

Künstlerisch vielseitig unterwegs

Seinen Ehrentag wird Praunheim, der am 25. November 1942 in Riga geboren wurde und als Holger Mischwitzky in Frankfurt-Praunheim aufwuchs, in einer Berliner Galerie mit einer Ausstellung neuer Gemälde feiern. Über die Jahrzehnte hat er sich in etlichen Sparten und Formen ausprobiert, etwa als Dichter und Hörspielautor, Zeichner, Maler und Bühnenregisseur.

Weltberühmt und berüchtigt wurde er als Filmemacher

Bekannt und in der Tat weltberühmt bzw. berüchtigt aber wurde er als Filmemacher – und als Schwulenaktivist. Es gibt wohl kaum eine Veröffentlichung über ihn, in der nicht sein legendärer Durchbruch mit dem längst sprichwörtlich gewordenen Titel erwähnt wird: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (1971), zu dem der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker den Off-Kommentar geschrieben hat, wirkt heute zwar über Strecken dilettantisch und unfreiwillig komisch, hatte aber seinerzeit das Zeug zum Skandal und führte zu erhitzten Debatten. Mehr noch: Die Vorführungen und begleitenden Diskussionen waren vielerorts Initialzündung für die Gründung von schwulen Emanzipationsgruppen.

Die Marke Praunheim

Die neuere deutsche Schwulenbewegung und homosexuelle Emanzipationsgeschichte sind daher eng mit diesem Film und mit Rosa von Praunheim verbunden. Er ging mutig, durchaus auch sehr selbstverliebt, an die Öffentlichkeit und wurde so in den Siebzigerjahren zum bekanntesten schwulen Gesicht Deutschlands und zur Ikone der politischen Emanzipationsbewegung.

Ein immenses filmisches Werk

Der Skandal um sein filmisches Manifest – bei der ersten ARD-weiten Fernsehausstrahlung 1973 klinkte sich der Bayerische Rundfunk aus – machte Praunheim zur Marke, und er wusste sie zu pflegen. Praunheim verstand es, immer wieder für mediale Öffentlichkeit zu sorgen. Und wie kein anderer schwuler Filmemacher vor und nach ihm konnte er bei seinen Filmprojekten auf die Unterstützung von koproduzierenden Fernsehredakteur*innen bauen und so ein immenses filmisches Werk schaffen: Dokumentationen beispielsweise über schwule Neonazis, Homoerotik in der deutschen Klassik („Männerfreundschaften“), über „Operndiven, Operntunten“ und über junge Männer in der mann-männlichen Sexarbeit („Die Jungs vom Bahnhof Zoo“). Er dreht Spielfilme über die Tänzerin Anita Berber, den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld („Einstein des Sex“), Charlotte von Mahlsdorf („Ich bin meine eigene Frau“) und über deutsche Auswanderinnen („Überleben in New York“).

Rosa von Praunheim vor einem seiner Werke (Foto: IMAGO / tagesspiegel)

Schräge Vögel, Exzentriker*innen und schrille Damen als Held*innen

Und immer wieder machte er schräge Vögel, Exzentriker*innen, schrille Damen wie Lotti Huber zu seinen Held*innen.

1992 aber sieht Rosa sein Lebenswerk bedroht. „Ich habe mich von meinen Aids- und Outing-Skandalen vom Thron stürzen lassen und bin zum meistgehassten Schwulen Deutschlands mutiert“, schreibt er an den Schriftsteller Mario Wirz (dokumentiert in ihrem unter dem Titel „Folge dem Fieber und tanze“ veröffentlichten Briefwechsel).

Kämpfte Praunheim in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren vor allem für die Rechte und Gleichberechtigung der Homosexuellen, erklärte er mit Beginn der Aidskrise Teile der Bewegung zu seinen Feinden.

Schlagzeilen und hitzige Debatten

Durch seine engen Bindungen in die USA hatte Rosa von Praunheim schon recht früh miterlebt, wie die neue Krankheit innerhalb der schwulen Szene wütete. Noch konnte niemand die Gefahr wirklich einschätzen; die Übertragungswege waren nur zum Teil bekannt, medizinisch und epidemiologisch war das HI-Virus weitgehend unerforscht.

Praunheim veränderte sein Sexualverhalten radikal

Wie aber auf diese Bedrohung und reale Gefahr reagieren? Praunheim veränderte sein Sexualverhalten radikal. „Natürlich ging ich noch in Parks und Saunen, aber nur als Zuschauer“, schreibt er in seinen Memoiren „50 Jahre pervers“. „Ich hatte Angst, dass sich Aids durch den Dampf in der Schwulensauna übertragen konnte. Ich achtete besonders auf Risse an meinen Füßen und hatte Angst, auf frisch gewichsten Samen zu treten.“

Auf dem Höhepunkt der Aidskrise sorgte Praunheim für Schlagzeilen und hitzige Debatten, als er in einer RTL-Sendung die Fernsehlieblinge Alfred Biolek und Hape Kerkeling als schwul outete. Während in den USA Aktivist*innen jene schwule Prominente outeten, die homofeindliche Politik unterstützten, um deren Bigotterie zu entlarven, wollte Praunheim mit seinem „Verzweiflungsschrei“ mehr Solidarität für Homosexuelle in diesen Zeiten von Aids einfordern. Eine Aktion, für die er auch aus der Community heraus heftig kritisiert wurde.

Auseinandersetzung mit Aids

Künstlerisch hatte sich Praunheim bereits 1986 mit Aids auseinandergesetzt und einen der weltweit ersten Spielfilme zum Thema überhaupt gedreht. Mit „Ein Virus kennt keine Moral“ antwortete er mit einer revuehaften Klamotte auf die Hysterien, Unsicherheiten und wachsenden Diskriminierungen. Im Jahr darauf wurde sein Originalton-Hörspiel „Adonis in New York“ gesendet, in dem er seine Liaison mit einem HIV-positiven Mann und die eigenen Erfahrungen mit den Auswirkungen der Epidemie verarbeitet.

1990 folgt schließlich seine „Aids-Trilogie“, in der er den politischen Aids-Aktivismus in New York („Positiv“), die künstlerische Auseinandersetzung mit der Krise („Schweigen = Tod“), und die ACT-UP-Bewegung in Deutschland („Feuer unterm Arsch“) dokumentiert. Den Kinostart nutzte Praunheim, um radikalere Maßnahmen zum Schutz der schwulen Szene vor der Infektion zu fordern, etwa die Schließung aller schwulen Saunen.

Von „Mördern“ und ehemaligen Mitstreitern

Die Debatte, wie viel Eigenverantwortung dem Einzelnen zugemutet und zugetraut werden kann und wie Safer Sex als Präventionsinstrument installiert werden sollte, ließ Praunheim immer wieder eskalieren. So bezeichnete er etwa Aidshilfe-Mitarbeiter öffentlich als „Mörder“ und forderte den Bruch mit vielen ehemaligen Mitstreitern aus der Schwulenbewegung, wie etwa Martin Dannecker oder Elmar Kraushaar, geradezu heraus.

Wie komplex und schwierig eine konsequente Verhaltensänderung sein kann, wusste Praunheim aus eigenem Erleben. „Fickte M. leidenschaftlich ohne Kondom … Ein Skandal. Ich, der auf Prävention besteht, ficke ohne. Das habe ich seit fast sechs Jahren nicht mehr getan“, schreibt er im März 1990 in sein Tagebuch.

Erst einige Jahre später blickt er selbstkritisch auf diese Zeit zurück. „Es fällt mir heute schwer, mich in die Aufregung zurück zu versetzen, die mich damals befiel“, so Praunheim in seinen Memoiren. Martin Dannecker, der seinerzeit Praunheim für seine rigorosen Forderungen kritisierte, habe in erster Linie eine Gefahr von möglichen diskriminierenden Gesetzen und gesellschaftlichen Vorurteilen gesehen. „Er schien vor Repressionen mehr Angst zu haben als vor dem Virus. Sicher tat er das in guter Absicht, aber das war mir damals zu wenig. (…) „Ich dagegen fürchtete nicht so sehr den repressiven Staat, als vielmehr die Unvernunft der Schwulen, ihre Verdrängung und Passivität.“

Skandale anzuzetteln, fällt heute schwerer

Seither hat sich viel getan, in der queeren und der Aidshilfe-Bewegung, im politischen wie HIV-Aktivismus. Praunheim hat neue, andere künstlerische Themen für sich gefunden, auch jenseits der LGBT-Geschichte und -Lebenswelten. Und er hat nie damit aufgehört, schwulen Sex, queere Rechte und das Unrecht, unter dem LGBT in vielen Teilen der Welt leiden, anzusprechen.

Skandale anzuzetteln, die Öffentlichkeit zu provozieren, fällt heute allerdings weitaus schwerer. „Wenn das Extreme zur Gewohnheit wird, pervertiert es sich ins Langweilige, und das ist Deine traumatische Angst“, diagnostizierte sein Freund Mario Wirz in einem seiner Briefe und traf damit wohl einen wunden Punkt. Auf seine bunten Outfits samt lustiger Hüte hat Rosa von Praunheim deshalb aber nicht verzichtet. Man wird ihn also auch weiterhin bei Events und Empfängen bereits von Ferne auf den ersten Blick erkennen.

Anlässlich seines Geburtstages zeigt arte zeigt am 25.11. um 00.05 Uhr die Dokumentation „Das Glückskind. Der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim ist 80“.

Neue Veröffentlichungen von Praunheim:

„Hasenpupsiloch“, Roman, Martin Schmitz Verlag, 228 Seiten, 18 Euro

„Rosas Theater. Vier Stücke“. Fischer Taschenbuch Verlag, 192 Seiten, 15 Euro

Die Ausstellung „Nackte Männer & Nackte Tiere“ mit Zeichnungen und Malerei ist bis 10.12.2022 in der Galerie Mond, Bleibtreustraße 17, Berlin zu sehen.

Zum Weiterlesen:

Axel Schock: „Mit Humor stirbt sich’s besser“ (über den Film „Ein Virus kennt keine Moral“, magazin.hiv, 22.9.2021)

Axel Schock: „Hexe, Engel, Königin“ (über Praunheims Dokumentation „Laura – Das Juwel von Stuttgart“; magazin.hiv, 5.11.2014)

Holger Wicht: „Wenn du sprichst ist Himmel“ (über Mario Wirz; magazin.hiv, 21.12.2014).

Rosa von Praunheims Interview mit Mario Wirz kurz vor dessen Tod ist auf dem DAH-YouTube-Kanal abrufbar.

Dirk Hetzel: „Der Antipode. K(l)eine Jubelschrift anlässlich des siebzigsten Geburtstags von Rosa von Praunheim“ (magazin.hiv, 25.11.2012)

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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