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Ungebrochen solidarisch: Laura Halding-Hoppenheit (Foto: Sabine Färber)

Laura Halding-Hoppenheit ist nicht nur die Seele der Stuttgarter Schwulenszene, sondern seit langen Jahren auch eine engagierte Aids-Aktivistin. Dafür wird sie am 23. Januar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Von Axel Schock

Manche bezeichnen sie schlicht als Schwulenmutti, andere gar als „Mutter Teresa von Stuttgart“, aber diese Begriffe lassen allenfalls rudimentär erahnen, was Laura alles ist: Szenegröße, Institution in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, bundesweit geachtete und geschätzte Schwulen- und Aidsaktivistin der ersten Stunde, erfolgreiche Gastronomin, großzügige Mäzenin, Frau mit großem Herzen und schier unendlicher Energie.

Schwulen- und Aidsaktivistin der ersten Stunde

Nicht zuletzt aber ist Laura Halding-Hoppenheit, die eigentlich jeder nur bei ihrem Vornamen nennt, eine eindrückliche und einmalige Erscheinung. Dafür sorgen nicht zuletzt ihr Charisma, ihre feuerroten Haare und das markant rollende „R“, das ein klein wenig noch an ihre rumänische Herkunft erinnert.

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Stuttgarterin mit rumänischen Wurzeln (Foto: Martin Westphal)

„Horrrorrr“ sei ihr Lieblingswort, schreibt Hans Hengelein, Schwulenreferent und AIDS-Koordinator im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, in einem Glückwunsch anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.

„Nichts umschreibt besser, als dieses kleine Wort, woraus du deine Motivation ziehst und um was es dir geht: Es gibt noch soviel ‚Horror‘ auf diesem Erdball, gegen den es sich lohnt, auf die Straße zu gehen und Widerstand zu leisten, aber immer wieder auch das Gespräch zu suchen, Menschen nicht nur psychologisch beizustehen, sondern sie auch finanziell zu unterstützen. All das bist du.“

Ausgrenzung kennt sie aus dem eigenem Leben

Die aus- und abgrenzende Haltung gegenüber zuziehenden Rumänen, wie sie aktuell in der Politik und den Medien zu erleben ist, muss Laura wie ein Déjà-vu-Erlebnis vorkommen. Anfang der 1970er Jahre war sie mit großen Erwartungen und Hoffnungen von Bukarest nach Hamburg gezogen. Dort wollte sie als Kunstwissenschaftlerin promovieren und eine akademische Laufbahn einschlagen. Eine naive Idee, wie sie bald feststellen musste. Statt eines roten Teppichs erwarteten sie Ablehnung und Vorurteile. „Die Schwulen waren die Einzigen, die mich akzeptiert haben, die mich nicht ausgelacht, sondern sich mit mir solidarisiert haben“, erinnert sich Laura in einem Interview mit dem „Schwarzwälder Boten“.

Mit ihnen teilte sie die Erfahrung, von der Gesellschaft ausgegrenzt und nicht akzeptiert zu werden. Die Schwulen waren zu ihrer Wahlfamilie geworden, und dieses Erlebnis hat Lauras Leben nachhaltig geprägt. Eines Tages, so schwor sie sich damals, „werde ich stark sein, und dann tue ich etwas für euch.“

Schwule Wahlfamilie

Einige Jahre später war dieser Zeitpunkt gekommen. Laura, mittlerweile mit dem Chefredakteur einer Illustrierten verheiratet, war mit ihrem Mann nach Stuttgart gezogen. An ihrer gesellschaftlichen Situation aber hatte sich dadurch nur wenig geändert. In der spießigen besseren Gesellschaft Stuttgarts blieb Laura die „Ausländerin“.

(Foto: Martin Westphal)
Vielseitige und unverwechselbare Laura (Foto: Martin Westphal)

Aber sogar im konservativen Musterländle gab es eine Schwulenszene, und als 1977 in Stuttgarts Stadtmitte mit dem „Kings Club“ der erste große schwul-lesbische Club eröffnete, hatte Laura eine neues Zuhause gefunden.

Weil sie irgendwann eh jeden Abend zu Gast war, begann sie dort zu jobben, stand bald hinter der Bar und übernahm zehn Jahre später gleich den ganzen Laden. Dabei blieb es aber nicht. Zwischenzeitlich betrieb sie in Stuttgart vier Lokale, darunter auch eine Diskothek, die praktischerweise ihren Vornamen trug und ganz auf sie zugeschnitten war.

Handgenähte Hexen

Bei der Renovierung hatten ihre schwulen Stammgäste und Freunde tatkräftig mit angepackt und auch für die spezielle Deko gesorgt: jede Menge Stoffhexen, Lauras privates Markenzeichen. Harte Lederkerle wissen nämlich nicht nur Motorräder, sondern auch Nähmaschinen zu bedienen…

Hexen sind Lauras privates Markenzeichen (Foto: Manfred Schimmel, pixelio.de)
Hexen als privates Markenzeichen (Foto: Manfred Schimmel, pixelio.de)

Ob im „Kings Club“ oder in Lauras Diskothek, die Chefin kümmert sich damals wie heute wie eine Mutter um ihre Kinder. Wer Kummer und Sorgen hat, findet bei ihr Trost und Rat. Eine Selbstverständlichkeit, dass sie 1979 bei Stuttgarts erster Homosexuellen-Demo unter dem kleinen mutigen Häufchen der Teilnehmer war.

Lauras Solidarität blieb auch dann ungebrochen, als ab 1982 in Stuttgart die Aidskrise ihre ersten Spuren hinterließ. Immer mehr Männer bekamen ihr positives Testergebnis, viele wurden von ihrer Familie verstoßen, verloren ihre gesellschaftlichen Kontakte, hatten Tote zu beklagen und mussten sich mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen. Bei der treuen Seele Laura fanden sie immer ein offenes Ohr. Für Laura war das alles andere als eine einfache Zeit. In manchen Wochen, so erinnert sie sich, musste sie sich sogar von zwei verstorbenen schwulen Freunden verabschieden.

Seelentrösterin und Aktivistin

Zugleich musste sich die mittlerweile alleinerziehende Mutter neben ihrem Geschäft auch um das Wohl und die Versorgung ihrer beiden kleinen Kinder kümmern. „Das war hart. Aber irgendwie habe ich das geschafft.“

Laura (Foto: Martin Westphal)
Laura demonstriert gegen die Kriminalisierung von Menschen mit HIV bei den Positiven Begegnungen 2012 in Wolfsburg (Foto: Martin Westphal)

Lauras Engagement reichte schon zu jener Zeit weit über die Seelentrösterin hinaus. Sie wusste um die wichtige Funktion der Szenegastronomie für die HIV-Prävention und baute ein Netzwerk schwuler Wirte mit auf. Dem Stuttgarter Café „La Strada“, einem Anlaufpunkt für Prostituierte, finanziert Laura seit zwei Jahrzehnten eine Dolmetscherin, die den Kontakt zwischen den oft wenig deutsch sprechenden Sexarbeiterinnen aus Osteuropa und den Sozialarbeitern überhaupt erst möglich macht.

Und weil in Lauras stets offenen Armen und großem Herzen noch Platz für viele Menschen mehr ist, ist sie fast seit Anbeginn fester Bestandteil der Bundespositiventreffen bzw. „Positiven Begegnungen“. Dann reist Laura mit einigen ihrer Angestellten und allen notwendigen Utensilien an und verwandelt selbst den tristesten Tagungssaal in „Lauras Café“.

„Lauras Café ist eine Oase und das Herzstück dieser Konferenzen“, sagt Carsten Schatz, Mitglied im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe. „Hier kommen die unterschiedlichsten Leute ins Gespräch, HIV-Positive und HIV-Negative, Menschen aus Deutschland und dem Ausland, Junge und Alte, Fitte und gesundheitlich Eingeschränkte. Wir alle tanken hier Kraft und lassen uns von ihrem Engagement anstecken – für unsere eigenen Interessen und für die Leute, die uns brauchen.“

Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe

Auch dafür wurde Laura 1996 zum Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe ernannt. Morgen, am 23. Januar, wird sie für ihr vielfältiges und jahrzehntelanges Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Deutsche AIDS-Hilfe gratuliert ganz herzlich und sagt vor allem Danke, Danke, Danke!

Um noch einmal Hans Hengelein zu zitieren: „Du bist eine würdige Preisträgerin in deiner einzigartigen Erscheinung, eine einzige Provokation auf den Mainstream. Dass diese ein Bundesverdienstkreuz wert ist, das ist gut so und selten selbstverständlich… Horrrorrr!“

 

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

2 Kommentare

  1. Ein längst überfälliges Bundesverdienstkreuz für Laura, eine der „Institutionen“ weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus!

    Herzliche Gratulation!

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