Kampagne LesMigraS
LesMigraS-Kampagne zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen (Foto: LesMigraS)

Menschen mit HIV werden häufig nicht nur wegen ihrer Infektion, sondern auch wegen ihrer Zugehörigkeit zu anderen Gruppen diskriminiert, zum Beispiel als schwule Männer oder Migrant_innen. Dies war eines der Themen auf der DAH-Fachtagung „Ausgrenzung. Macht. Krankheit.“ im Oktober 2012. Carolin Vierneisel und Tanja Gangarova sprachen mit Jay Keim von LesMigraS, einer Einrichtung, die Hilfe bei Mehrfachdiskriminierung bietet.

Jay, eure Beratungsstelle gibt es seit fast 15 Jahren. Was sind die Schwerpunkte eurer Arbeit?

LesMigraS steht ursprünglich als Abkürzung für lesbische und bisexuelle Migrant_innen, Schwarze Lesben und Trans*Menschen. Wir setzen uns gegen alle Formen von Gewalt und Diskriminierung von lesbischen und bisexuellen Frauen sowie Trans* (kurz: LBT*) ein und für eine Gesellschaft, in der alle Aspekte des Lebens und der Persönlichkeit von LBT* akzeptiert und geschätzt werden. Aus unserer Sicht kann Homophobie niemals allein thematisiert, sondern muss immer im Zusammenhang mit anderen Diskriminierungsverhältnissen gedacht werden. Darum legen wir einen besonderen Schwerpunkt auf Mehrfachdiskriminierung.

Video-Screenshot zum Thema Mehrfachstigmatisierung
Auf der DAH-Fachtagung „Ausgrenzung. Macht. Krankheit.“ entstand auch ein Video zum Thema Mehrfachstigmatisierung.

Mehrfachdiskriminierung bzw. Mehrfachstigmatisierung kennen wir auch aus dem HIV-Bereich. Wofür steht der Begriff bei euch?

LBT* erfahren Diskriminierung nicht nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Als Person haben sie immer auch eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, eine oder mehrere geschlechtliche Identitäten oder Zugehörigkeiten. Mehrfachdiskriminierung bedeutet daher eine spezifische Diskriminierung, die sich aus der Kombination verschiedener Zugehörigkeiten ergibt.

Letztes Jahr habt ihr eine große Studie zu Gewalt- und Mehrfachdiskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans*-Menschen in Deutschland veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Eines der wichtigsten Ergebnisse gibt der Titel der Studie wieder: „… nicht so greifbar und doch real“. Viele Studienteilnehmer_innen berichten von sehr subtilen Formen von Diskriminierung, die sich in Ignorieren, einem kühlen Umgang oder sozialen Abstand äußern. Darauf lässt sich besonders schwer reagieren, weil die Diskriminierung zwar spürbar, aber schwer zu greifen oder anzusprechen ist. Genauso finden sich aber auch sehr explizite und gewaltvolle Formen von Diskriminierung in allen Lebensbereichen. Vor allem Trans*-Menschen, Schwarze LBT*, LBT* of Color und LBT* mit Migrationsgeschichte erfahren massive Formen von Diskriminierung.

„Es gibt eine hohe Skepsis gegenüber staatlichen Stellen“

Was wäre ein Beispiel für eine subtile Form der Diskriminierung?

Eine Klientin berichtete beispielsweise, wie sie nach einem Autounfall von der Polizei wegen ihrer nichtdeutschen Staatsbürgerschaft und ihres Lesbischseins diskriminiert und sexuell belästigt wurde. Sie wurde vom Polizisten, der den Unfallbericht aufnehmen sollte, nur kurz angehört und bekam gleich das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, obwohl der andere Fahrer Schuld am Unfall hatte. Sie sprach dies an, woraufhin der Polizist fragte, ob sie auf der Suche nach einem Freund sei. Er ließ sie dann zurück und füllte mit seinem Kollegen das Unfallformular ohne sie aus.

Wie gehen Menschen mit diesen Erfahrungen um?

Die Strategien reichen von direkter Gegenwehr bis hin zu kreativen Verarbeitungsformen wie Malen oder Schreiben. Die meisten LBT* suchen  nach Gewalt- oder Diskriminierungserfahrungen Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld oder in ihrer Community. Es gibt eine hohe Skepsis gegenüber staatlichen Stellen. So denkt ungefähr ein Viertel der Teilnehmer_innen, dass ihre lesbische oder bisexuelle Lebensweise ihre Chance verringert, von der Polizei geschützt zu werden. Deswegen leiteten auch nur 5,5 Prozent der Teilnehmer_innen nach einer Diskriminierungserfahrung rechtliche Schritte ein.

Jay Keim von LesMigraS
Jay Keim von LesMigraS (Foto: privat)

Wie unterstützt ihr Menschen, die Diskriminierungs- oder Gewalterfahrungen gemacht haben?

In unserer Arbeit geht es darum, der von Diskriminierung oder Gewalt betroffenen Person zu einem selbstbestimmten Umgang zu verhelfen und dabei ihre Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu respektieren. Häufig kommen Menschen zu uns, die befürchten, dass sie etwas Bestimmtes tun müssen, zum Beispiel eine Anzeige erstatten. In der Beratung sprechen wir über die Ziele der Person und finden dafür passende Handlungsstrategien.

Ihr habt auch eine Online-Plattform, auf der  Diskriminierungen gemeldet werden können.

Ja, mit dem Online-Formular haben wir eine Möglichkeit geschaffen, Diskriminierungen anonym zu melden. Es steht rund um die Uhr zur Verfügung und ist an keine Beratungszeiten gebunden. Es kann eine erleichternde Wirkung haben, die Erfahrungen aufzuschreiben, mit einem Klick wegzuschicken und zu wissen, dass sie woanders wahrgenommen werden.

„Gewalt und Diskriminierung sind kein individuelles Problem“

Wie lassen sich Diskriminierung und Gewalt langfristig abbauen?

Unserer Meinung nach langfristig nur dann, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, wie diskriminierungsfreie Räume sowie ein verantwortungsvolles und wertschätzendes Miteinander gestaltet werden können. Wir sind der Meinung, dass noch viel mehr Austausch zwischen verschiedenen Communities stattfinden muss, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

LesMigraS-Logo
LesMigraS bietet Hilfe bei Mehrfachdiskriminierung an (Abb.: LesMigraS)

Welche Rolle kann die Selbstorganisation von Menschen dabei spielen?

Wir legen einen starken Fokus auf Empowerment, also Selbst-Ermächtigung. Dabei ist uns wichtig, auch Möglichkeiten des kollektiven Empowerments anzubieten. Wir machen Workshops für verschiedene Zielgruppen, um einen Austausch zu ermöglichen. Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung sind kein individuelles Problem, sondern Auswirkungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Für viele ist es wichtig, nicht nur mit ihren eigenen Erfahrungen einen Umgang zu finden, sondern sich auch politisch zu engagieren, um an den gesellschaftlichen Zuständen etwas zu verändern. Hier ist Selbstorganisation ein wichtiger Zugang.

Welche Stellen müssen in Zukunft noch stärker angesprochen werden, um die Situation zu verbessern?

Da Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen stattfinden, braucht es auch eine Vielzahl an Akteur_innen, die nachhaltig aktiv werden müssen. Beispielsweise sehen wir im Arbeitsbereich nicht nur Arbeitgeber_innen als mögliche Adressat_innen, sondern auch Gewerkschaften, Arbeitgeber_innenverbände und Handelskammern.

Wichtig sind Bündnisse und Vernetzung

Mit welchen Botschaften richtet ihr euch an diese Stellen?

An sie würden wir Empfehlungen richten, wie Antidiskriminierungsstandards am Arbeitsplatz einzuführen sowie gesetzlich verankerte Beschwerdestellen und Beschwerdeverfahren umzusetzen. Außerdem empfehlen wir, betriebliche Programme gegen Homophobie, Transphobie und Rassismus durchzuführen und explizit Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* zu betrieblichen Veranstaltungen einzuladen.

Welche Bündnisse haltet ihr in Zukunft für wichtig?

Wir finden Bündnisse wichtig, die über eine bestimmte Zielgruppe oder ein spezifisches Diskriminierungsmerkmal hinausgehen. Deshalb vernetzen wir uns mit anderen Antigewalt- und Antidiskriminierungseinrichtungen in bundesweiten Verbänden. Bündnisse suchen wir auch über unseren Bereich hinaus mit verschiedenen psychosozialen Einrichtungen.

Vielen Dank für das Interview!

Jay Keim ist Genderwissenschaftler_in und systemische_r  Berater_in. Seit 2011 arbeitet Jay bei LesMigraS, dem Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.

 

Weitere Infos:

Website von LesMigraS

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