Menschen mit HIV, Drogen gebrauchende und queere Menschen sowie BIPoC (für Black, Indigenous, People of Color) hat der Ukraine-Krieg in besondere Notlagen gebracht. Unterstützer*innen beschäftigen sich unermüdlich damit, wie ihnen im Land und in den Aufnahmeländern geholfen werden kann.

Axel Schock hat mit Sasha Gurinova aus dem Team „Internationales“ der Deutschen Aidshilfe (DAH) und mit Oksana Panochenko von AIDS Action Europe gesprochen. Sasha war vor ein paar Tagen an der polnisch-ukrainischen Grenze – wo sie unter anderem rassistische Behandlungen von People of Color beobachtet hat. Oksana ist in der Ukraine aufgewachsen, ihre Familie befindet sich noch in Kiew.

Sasha, du warst vor wenigen Tagen an der polnisch-ukrainischen Grenze. Was hatte dich dorthin geführt?

Sasha: Gleich nach der Anerkennung der Separatistengebiete durch Russland hat meine ukrainische Freundin Flugtickets besorgt, um ihre Mutter aus Kiew zu sich nach Berlin zu holen. Doch zwei Tage später wurden die Flüge gecancelt. Es blieb deshalb nur noch der Zug. Zum Glück hatte ihre schon betagte und gebrechliche Mutter es unter Bombenbeschuss zu Fuß zum Bahnhof von Kiew geschafft. Wir sind unterdessen mit dem Auto an die polnische Grenze gefahren, um sie dort in Empfang zu nehmen. Doch für die letzte Etappe von Lwiw benötigte der Zug für diese rund 70 Kilometer statt der planmäßigen zwei schließlich 27 Stunden.

Wie hast du die Situation an der Grenze erlebt?

Sasha: Ich habe schon einiges in meinem Leben erlebt, aber noch nicht eine solche Situation: Züge vollgestopft mit Frauen und Kindern, alle erschöpft, traumatisiert und auch desorientiert nach dieser endlos langen Fahrt.

Am Bahnhof war dann alles ziemlich gut organisiert. Die ankommenden Ukrainer*innen bekamen einen Einreisestempel in ihre Pässe. Wenn sie nicht von Freund*innen, Bekannten oder Familienmitgliedern abgeholt wurden, kümmerten sich freiwilligen Helfer*innen um sie. In einer Halle waren Klappbetten aufgestellt und es wurde Essen und Trinken ausgeteilt.

Es gab auch Menschen, um die sich niemand kümmerte. Das waren ausschließlich nichtweiße Menschen

Es gab allerdings auch Menschen, die während der ganzen Nacht, in der wir im Ankunftsbereich auf unseren Zug warteten, auf dem Boden saßen und um die sich niemand kümmerte. Sie erhielten keine Informationen, wie es für sie weitergeht. Es war sehr deutlich zu spüren, dass sie nicht willkommen sind. Und das waren ausschließlich nichtweiße Menschen.

Zum Hintergrund: In der Ukraine gibt es rund 76.000 Auslandstudent*innen, vor allem aus Indien und aus afrikanischen Ländern wie Nigeria, Marokko und Ägypten.

Oksana: Ukrainer*innen mit einem biometrischen Reisepass benötigen kein Visum und können sich bis zu 90 Tage in Europa bewegen. Alle andere gelten als Kriegsgeflüchtete, aber es dürfte kein Unterschied gemacht werden zwischen ukrainischen Staatsbürger*innen und solchen Menschen, die sich mit einer Aufenthaltserlaubnis in der Ukraine aufgehalten haben, also beispielsweise Studierenden.

Sasha: Zum Glück haben einige Organisationen schnell reagiert und sich um die nichtweißen Geflüchteten an der Grenze gekümmert, wie etwa International Women* Space, die sich speziell um geflüchtete Frauen aus der PoC-Community kümmert.

Die Grenzbeamten, die Gelder von der EU erhalten, sollten alle Menschen gleich behandeln

Liegt dieses ausgrenzende, rassistische Verhalten daran, dass Polen sich generell nicht sonderlich weltoffen zeigt?

Sasha: Ich finde, wenn Menschen vor einem Krieg fliehen, dann müssen sich die Länder der Europäischen Union bemühen – unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Hautfarbe – alle willkommen zu heißen, und die Grenzbeamten, die Gelder von der EU erhalten, sollten alle Menschen gleich behandeln.

Polen jedenfalls hat inzwischen – wohl auch durch den Druck aus Brüssel – eine Regelung beschlossen, die Nicht­-Ukrainer*innen 15 Tage Aufenthalt gestattet. Danach dürfen sie einen Asylantrag stellen oder in ein anderes Land weiterziehen.

Sasha: Es ist nicht allein Polen. Wir haben vor ein paar Tagen erfahren, wie slowakische Grenzbeamte eine trans* Person behandelt haben. Auf der ukrainischen Seite hatte die Frau kein Problem, obwohl in ihrem Pass als Geschlecht „männlich“ eingetragen ist. In der Slowakei jedoch hat man sie eine Stunde lang festgehalten und verspottet. Wir wissen das, weil die Frau ihr Smartphone auf Lautsprecherfunktion gestellt hatte und eine queere slowakische Partnerorganisation von AIDS Action Europa alles mithören konnte. Wenn Menschen vor einem Krieg fliehen und endlich die sichere Grenze erreicht haben, sollten solche Diskriminierungen nicht das Erste sein, was sie dort erleben.

In der Slowakei wurde eine trans* Frau eine Stunde lang festgehalten und verspottet

Wer benötigt im Land aktuell besondere Hilfe?

Sasha: Wir arbeiten im Team „Internationales“ der DAH bereits seit 2008 in vielen osteuropäischen Ländern und haben deshalb bereits ein gutes Netzwerk aufgebaut, gerade auch in der Ukraine. Wir sind, wie auch AIDS Action Europe, ständig in Kontakt mit unseren Partnerorganisationen, die sich zum Beispiel um queere Menschen in der Ukraine kümmern, aber auch um solche, die von dort fliehen. Ich bin derzeit zum Beispiel Mitglied in einer Arbeitsgruppe, die sich um die Medikamentenversorgung von Menschen mit HIV in der Ukraine sorgt. Die Organisation Transgender Europe hat trans* Menschen im Blick, damit sie weiterhin ihre Hormontherapie bekommen können.

Wie geht die Community in der Ukraine mit dieser Ausnahmesituation um?

Sasha: Die Leute sind wirklich tough – und sehr gut organisiert und mobilisiert. Sie reagieren sehr schnell auf die Situation. Sie haben innerhalb des Landes Koordinationsnetzwerke aufgebaut, über die sie zum Beispiel Informationen darüber austauschen, wer welche Medikamente vorrätig hat.

Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht erlassen, sondern werden für den Kriegseinsatz mobilisiert. Wie ist es mit Substituierten?

Sasha: Ich habe Kontakt zu einer solchen Person. Er darf tatsächlich das Land nicht verlassen, aber zwischen den Städten reisen.

Oksana: Es gibt seit wenigen Tagen ein neues Gesetz, das die Take-Home-Vergabe für Substituierte in besonders umkämpften Gebieten von 7 auf 30 Tage erhöht. (Anm. d. Red.: Bei einer Take-Home-Vergabe dürfen die Patient*innen einen gewissen Vorrat an Substitutionsmedikamenten mit nach Hause nehmen und müssen nicht jeden Tag in die Vergabestelle kommen.) Allerdings wissen viele Ärztinnen davon noch nichts und halten sich an die alten Richtlinien.

Im Westen der Ukraine könnte es sehr bald zu Engpässen bei Substitutionsmedikamenten kommen

Ein großes Problem ist aktuell, dass zwar ausreichend Medikamente im Land sind, zumindest für die nächsten zwei bis drei Monate, allerdings nicht überall, und zudem nur in den großen Städten. Die Menschen können aber nicht problemlos im Land reisen. Zudem gibt es eine große Fluchtbewegung von Osten in den Westen, wo wesentlich weniger Menschen substituiert werden und es deshalb auch weniger Vorräte gibt. Hier könnte es sehr bald zu Engpässen kommen und die Organisationen vor Ort haben bereits um internationale Hilfe gebeten.

Sasha: Es gibt aber noch ein anderes Problem, das wir im Blick haben müssen. Wie organisieren wir die Hilfe für Menschen mit HIV und Drogenbraucher*innen, wenn sie die Ukraine verlassen und in anderen Ländern Zuflucht suchen? Etwa 1,4 Prozent der Erwachsenen injizieren Drogen, das sind etwa 350.000 Menschen. Rund 15.000 erhalten eine Substitionsbehandlung.

Das Land hat zudem die zweithöchste HIV-Rate in Osteuropa. Unter den Menschen mit HIV gibt es einen hohen Anteil an Frauen und Kindern – anders als in Deutschland. Das bedeutet, dass die Schwerpunktpraxen und Kliniken schnell überlastet sein werden und große Herausforderungen bewältigen müssen: Viele der neuen Patient*innen werden durch die Kriegsereignisse schwer traumatisiert sein. Sie sprechen kein Deutsch und haben in der Ukraine andere Medikamente erhalten. Wir müssen uns daher gut darauf vorbereiten, denn es werden in den nächsten Tagen und Wochen noch viele Tausend Menschen aus der Ukraine auch nach Deutschland kommen.

Wir haben in Deutschland ja eine vergleichsweise gute Infrastruktur für Drogengebraucher*innen, Substituierte und Menschen mit HIV. Was ist, wenn solche Menschen aus der Ukraine in Polen, Rumänien oder Ungarn Zuflucht suchen?

Sasha: In Polen gibt es offenbar bereits Engpässe bei Medikamenten, wie mir eine Kollegin von der dortigen Partnerorganisation Foundation of Social Education mitteilte. Das Gesundheitsministerium hat aber wohl bereits eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach alle Kriegsgeflüchteten Zugang zu Medikamenten bekommen. Und auch diejenigen, die in andere Länder weiterreisen, erhalten demnach eine Monatsration ihrer HIV-Medikamente, um sie mitzunehmen zu können.

Bei der UN-Organisation UNAIDS, der Weltgesundheitsorganisation und dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria wird bereits nach Lösungen gesucht, wie hier die Versorgung organsiert werden kann. Und nicht alle Menschen können oder wollen die Ukraine verlassen, und unter ihnen gibt es solche, die wahrscheinlich in naher Zukunft bestimmte Medikamente benötigen.

Inhaftierte werden in den Gefängnissen bald ohne Medikamente und Essen sitzen

Welche Hilfe ist notwendig? Wer kann wen unterstützen?

Sasha: Das ist eine gute Frage. Es gibt derzeit viel Unterstützung von allen Seiten. Es ist gerade etwas chaotisch und wir versuchen das in unseren Gruppen zu koordinieren. Wir telefonieren fast den ganzen Tag dazu.

Im Vordergrund stehen im Moment jene Menschen, die nicht ausreisen können oder wollen. Wir dürfen zum Beispiel auch nicht jene vergessen, die inhaftiert sind. Sie werden in den Gefängnissen bald ohne Medikamente und Essen sitzen. Wir verstehen unsere Aufgabe vor allem darin, besonders auf unsere Schlüsselgruppen aufmerksam zu machen, damit diese nicht vergessen werden.

Oksana: HIV-Organisationen in Europa und Zentralasien haben in kurzer Zeit gemeinsam eine Datenbank erstellt, in der alle speziellen Einrichtungen und Hilfsangebote der Länder erfasst sind, wo derzeit Ukrainer*innen ankommen. Dort kann auf schnellem Wege abgefragt werden, wer wo welche Unterstützung zum Beispiel im Bereich HIV, Hepatitis und Tuberkulose anbietet. Die Liste wird von der Regional Expert Group on Migration and Health in Eastern Europe and Central Asia verwaltet und alle Beraterinnen bekommen Zugriff dazu.

Sasha: Fast alle Aidshilfen und Community-nahen Organisationen in Deutschland, haben dort angegeben, welche Hilfe sie für Menschen mit HIV, für queere Menschen und für Substituierte aus der Ukraine anbieten können – von der Beratung bis zur Medikamentenversorgung. Ich muss an dieser Stelle einfach mal allen Kolleg*innen Danke sagen, die sich innerhalb von nur einem Tag in diese Liste eingetragen haben.

Oksana: In der Ukraine wiederum wurde der Telegram-Kanal #HelpNow eingerichtet, über den Kontakt aufgenommen und Verbindungen hergestellt werden können.

Wir haben nicht genügend Ärzt*innen, Medikamente, Substitutionsplätze – das müssen wir jetzt organisieren

Sasha: Es ist eine große Aufgabe für uns hier in Deutschland, bereit zu sein. Wenn ich sage, dass hier Menschen ankommen, die von heute auf morgen eine HIV-Versorgung oder Substitution benötigten, dann spreche ich nicht von 100 Menschen, sondern von einem Vielfachen davon. Wir haben nicht genügend Ärzt*innen, nicht genügend Medikamente, nicht genügend Substitutionsplätze – das müssen wir jetzt organisieren. In ein oder zwei Wochen, wenn es die erhofften humanitären Korridore gibt und die Evakuierung der ukrainischen Städte beginnt, müssen wir gerüstet sein.

Die Hilfe kann also hauptsächlich von Organisationen oder den Regierungen beziehungsweise Verwaltungen geleistet werden? Oder inwieweit können Einzelpersonen oder kleine Gruppen unterstützend tätig werden?

Sasha: Jede Hilfe zählt. Es gibt zum Beispiel den Spendenaufruf der Queeren Nothilfe Ukraine. In vielen Städten gibt es außerdem Online-Plattformen, auf denen man Unterkünfte anbieten oder nachlesen kann, welche Sachspenden konkret benötigt werden.

Welche Auswirkungen hat dieser Krieg über die Ukraine hinaus für die Arbeit von Organisationen wie der Deutschen Aidshilfe und AIDS Action Europe im osteuropäischen Raum?

Sasha: Die DAH arbeitet seit 2008 auch im internationalen Kontext und es ist nicht die erste Krisensituation, die wir erleben. Es wird auf jeden Fall von Jahr zu Jahr schwieriger, gerade auch für unsere Communitys. Der Krieg in der Ukraine wirkt sich nun auch auf unsere zivilgesellschaftlichen Partner in anderen Ländern der Region aus, etwa in Belarus und Russland. Die Menschen unserer Communitys sind nun völlig abgeschnitten von jeder Art von Hilfe. Sie werden in diesen Ländern diskriminiert und kriminalisiert; sie bekommen keine Behandlung und fühlen sich jetzt alleingelassen.

Wir müssen uns fragen, wie wir überhaupt weiter international arbeiten können

Wir müssen uns als Deutsche Aidshilfe nun fragen, wie wir überhaupt weiter international arbeiten können, da viele Geldgeber sich aus Belarus und Russland zurückgezogen haben. Die Situation von HIV wird in diesen Ländern schlimmer werden.

Oksana: Die Möglichkeit als Nichtregierungsorganisation dort zu helfen, ist faktisch unmöglich geworden.

Ihr seid durch eure privaten und familiären Verbindungen, durch eure direkten Erlebnisse an der ukrainischen Grenze, aber auch durch eure beruflichen Netzwerke ganz direkt mit dem Krieg in der Ukraine konfrontiert. Wie geht ihr mit dieser Situation um?

Sasha: Ich bin lesbisch und in Russland geboren, und ich arbeite seit ich 19 Jahre alt bin im Bereich Menschenrechte. Deshalb war in diesem Land kein Platz für mich und ich ging nach Deutschland. Dass ich damals meinen russischen Pass abgegeben habe, hilft mir, mich emotional etwas zu distanzieren. Vor allem hilft mir, dass ich derzeit so viel Arbeit habe und ständig Anfragen von Menschen hereinkommen, die in der Ukraine um ihr Leben kämpfen und Hilfe brauchen. Im Moment arbeiten wir rund um die Uhr, ich komme kaum zum Schlafen, und habe so auch weniger Zeit, die Emotionen herauszulassen. Und die sind vor allem ganz, ganz viel Wut. Der intensive Austausch mit den Menschen, die viele Arbeit haben da tatsächlich therapeutische Wirkung.

Innerhalb einer Woche hat sich die Welt auf eine Weise verändert, wie ich mir das nie hätte vorstellen können

Oksana: Ich habe meine ersten 25 Lebensjahre in der Ukraine verbracht. Meine gesamte Familie und viele Freundinnen sind noch in Kiew. Ich versuche, soweit es möglich ist, ihnen zu helfen. Neben der Arbeit für AIDS Action Europe, wo wir uns um die Menschen unserer Schlüsselgruppen kümmern, bin ich also auch ganz persönlich involviert. Das ist oft schwer auszuhalten. Ich weine viel, ich bin ständig in Sorge um meine Freunde und Familie. Und dann ist da, wie bei allen Ukrainerinnen, die ich kenne, die Wut, die uns alle antreibt. Ich habe hier in Berlin viele ukrainische Freund*innen und wir fragen uns nicht mehr: „Wie geht es dir?“ Sondern: „Wie geht es deinen Angehörigen und Freundinnen? Leben sie noch?“ Am Wochenende wäre ich zu meinen Eltern nach Kiew geflogen, den Flug hatte ich schon vor einiger Zeit gebucht. Innerhalb von nur einer Woche hat sich die Welt auf eine Weise verändert, wie ich mir das nie hätte vorstellen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

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„Es ist eine entwürdigende Erfahrung, das eigene Geschlecht beweisen zu müssen“

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„Die HIV-Diagnose kam überraschend, aber ich war erleichtert“

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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