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COVID-19

Coronavirus, Ibuprofen, HIV-Medikamente: Ruhig bleiben, dabeibleiben!

In der Coronavirus-Krise gibt es viele falsche Warnungen und Meldungen zu Arzneimitteln. Die Deutsche Aidshilfe klärt zu Coronavirus und Ibuprofen sowie HIV-Medikamenten auf und rät: Medikamente nicht auf eigene Faust absetzen oder wechseln.

Mitte März 2020 gab es Verwirrung um Meldungen, Ibuprofen könnte den Verlauf von COVID-19 verschlechtern. Und schon seit längerer Zeit wird gemeldet, bestimmte HIV-Medikamente wie etwa das (kaum noch eingesetzte) Kaletra (eine Kombination aus Ritonavir und Lopinavir) oder Darunavir könnten möglicherweise bei der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Krankheit helfen.

Keine vorschnellen Aktionen!

Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen Aidshilfe, sagt: „Nichts von den Meldungen zu HIV-Medikamenten oder Ibuprofen und Coranavirus ist bewiesen.“ Schafberger rät: „Keine vorschnellen Aktionen! Änderungen der Therapie können für Patient_innen gefährlich sein. Ruhig bleiben und weitermachen wie bisher ist das Gebot der Stunde – und Abstand halten.“

Ausführliche Informationen dazu bietet Armin Schafberger im Folgenden:

Coronavirus und Ibuprofen: Bislang keine Belege für negative Auswirkungen von Ibuprofen auf COVID-19

Die Meldung, laut Universitätsklinik Wien könne Ibuprofen den Verlauf von COVID-19 verschlechtern, wurde per WhatsApp-Sprachnachricht zehntausendfach verbreitet. Auch wenn die Medizinische Universität Wien schnell ein Dementi veröffentlichte, führte die Meldung zu großer Verunsicherung. Ibuprofen wird von vielen als Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Fiebersenker genutzt, es ist ohne Rezept erhältlich.

Und dann wurde die Warnung sogar von den französischen Gesundheitsbehörden und einem Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgesprochen.

Mit der Warnung vor Ibuprofen bei COVID-19 waren die Behörden sehr weit gegangen – auf äußerst dünner Grundlage

Grundlage war wohl ein recht vager, methodisch auf dünnem Eis stehender und spekulativer Artikel in der Fachzeitschrift Lancet Respiratory Medicine. Darin wurde die VERMUTUNG geäußert, Ibuprofen KÖNNTE als entzündungshemmende Substanz die COVID-19-Erkrankung begünstigen. MÖGLICHERWEISE, hieß es im Artikel, würden die sogenannten ACE2-Rezeptoren der Lungenzellen so verändert, dass das Coronavirus leichter eindringen könne.

Außerdem könne Ibuprofen möglicherweise einen schweren Verlauf „maskieren“. Patient_innen und die behandelnden Ärzt_innen könnten sich dann in falscher Sicherheit wiegen. Und nicht zuletzt seien Nebenwirkungen wie die Störung der Blutgerinnung bei intensivmedizinischen Patient_innen problematisch.

Mit der Warnung waren die französischen Gesundheitsbehörden und die WHO sehr weit gegangen. Die WHO hatte sogar dazu geraten, Paracetamol anstelle von Ibuprofen zu nehmen. Dabei hat auch Paracetamol Nebenwirkungen – es kann zum Beispiel die Leber schädigen und zu schädlichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen.

Nicht eigenmächtig Medikamente wechseln oder absetzen!

Nicht wenige Personen haben von ihren Ärzt_innen aufgrund der leberschädlichen Nebenwirkungen von Paracetamol Ibuprofen verordnet bekommen. Wenn nun alle aufgrund einer unbelegten Warnung zu Paracetamol wechseln, kann dies zu Problemen für Patient_innen und das Gesundheitssystem führen – einmal abgesehen davon, dass es sogar zu „Hamsterkäufen“ von Paracetamol gekommen ist.

Bei der durch COVID-19 angespannten Situation im Gesundheitswesen ist es aber grundsätzlich nicht ratsam, wenn chronisch Kranke eigenmächtig aufgrund von voreiligen Empfehlungen die Therapien wechseln. Das kann zu gesundheitlichen Verschlechterungen führen – und das ist das Letzte, was chronisch kranke Menschen und das Gesundheitssystem in dieser Situation brauchen können.

Am 18. März schaltete sich die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) ein und stellte klar: Es gibt zurzeit KEINE belegten Hinweise, dass Ibuprofen die Erkrankung COVID-19 in irgendeiner Weise negativ beeinflusst. Und die WHO hat ihre Warnung am 19. März wieder zurückgenommen.

Die EMA prüft alle neuen Erkenntnisse immer wieder und passt ihre Bewertung der Lage kontinuierlich an. Patient_innen sollten nicht von bewährten Medikamenten auf neue umsteigen – jedenfalls nicht ohne Grund und nicht ohne ärztlichen Rat. Keep calm and carry on…. Bei einer neuen Bewertung berichtet und informiert auch die Deutsche Aidshilfe.

Coronavirus und HIV-Medikamente: Bislang keine Belege für positive Auswirkungen von Kaletra oder Darunavir auf COVID-19

Die Frage, ob vielleicht HIV-Medikamente auch gegen COVID-19 wirksam sein könnten, wird derzeit wissenschaftlich untersucht.

Im Fokus steht hier Kaletra (Lopinavir/Ritonavir), weil es einzelne Fallberichte gab und weil man schon 2004 versuchsweise Kaletra gegen das SARS-Virus eingesetzt hat.

Bei HIV-Medikamenten gegen SARS-CoV-2 ist Skepsis angesagt: Protease ist nicht gleich Protease

Hintergrund der Versuche ist, dass das neue Coronavirus SARS-CoV-2 wie auch andere Coronaviren zur Vermehrung ein Enzym brauchen, eine bestimmte Protease (TMPRSS2). Bei HIV ist das ähnlich: HIV braucht zur Vermehrung das Enzym HIV-Protease, die aber nicht mit der Coronavirus-Protease identisch ist. Kaletra ist ein Medikament, dass diese HIV-Protease blockiert.

Allerdings ist Skepsis angesagt: Bei Laborversuchen mit dem ebenfalls verwandten MERS-Virus zeigte sich keine große Wirksamkeit der HIV-Medikamente gegen die Virusvermehrung. Die Hoffnung auf eine Wirkung von Kaletra auch gegen SARS-CoV-2 stand also von Beginn an auf dünnem Eis.

Trotzdem gingen im März 2020 Empfehlungen italienischer Infektiolog_innen zur Behandlung von COVID-19-Patient_innen durch das Netz. Sie sehen vor, bei milden Verläufen bei Patient_innen über 70 Jahren und/oder bei Vorerkrankungen Kaletra – oder als Ersatz den HIV-Proteasehemmer Darunavir – und das als Malariamittel bekannte Chloroquin einzusetzen.

Die italienischen Ärzt_innen sagen in dem Dokument aber selbst, dass die Datenlage dünn ist und sich nur auf wenige anekdotische Fallberichte stützt.

In verzweifelter Lage klammert man sich an jeden Strohhalm

Außerdem muss man wissen, wie verzweifelt die Lage in vielen italienischen Krankenhäusern ist: Nicht alle Patient_innen, die beatmet werden müssen, können beatmet werden. Es sind schlichtweg zu viele für die begrenzten Beatmungsplätze.

Die Ärzt_innen versuchen daher alles, um eine Beatmung zu vermeiden. Und da man noch kein einziges wirksames Medikament kennt, nimmt man jeden Strohhalm.

Für die bereits beatmeten Patienten empfehlen die italienischen Infektiolog_innen dann nicht mehr Kaletra, sondern Remdesivir. Das ist ein noch nicht zugelassenes Medikament, das eigentlich gegen Ebola entwickelt wurde und auch gegen das „alte“ SARS-1 wirkt – sowie möglicherweise auch gegen SARS-CoV-2.

Hier liegt derzeit die große Hoffnung der Ärzt_innen. Remdesivir wird in zahlreichen Studien erprobt und Ergebnisse liegen hoffentlich bald vor. Aber Remdesivir ist anders als Kaletra noch kein zugelassenes Medikament und somit nicht in der Krankenhausapotheke erhältlich, sondern nur über ein Spezialprogramm über die Herstellerfirma.

Die ersten Ergebnisse zu Kaletra bei COVID-19 sind ernüchternd

In Deutschland funktionieren die Intensivstationen noch. Alle, die beatmet werden müssen, können beatmet werden. Wir sind – noch – nicht in der verzweifelten Situation, in der man Medikamente ohne einigermaßen sicheren Wirksamkeitsnachweis einsetzen muss. Schließlich hat jedes Medikament auch Nebenwirkungen, und vielleicht fügt man den Personen Schaden zu.

Wir können und sollten also die Studienergebnisse abwarten. Und die ersten Ergebnisse sind ernüchternd: In einer kleineren Studien aus China mit ungefähr 200 Patient_innen mit schwerem Verlauf zeigte sich kein Nutzen von Kaletra.

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Armin Schafberger ist Arzt und Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen AIDS-Hilfe.

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