„Geht raus, trefft euch, verbündet euch!“
Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt die Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen gegen den wachsenden Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit. Was diese Entwicklungen für die queere Community bedeuten und wie sie sich vor Anfeindungen und Repressalien schützt, das erläutert IWWIT-Kampagnenchef Jonathan Gregory im Interview.
Rückzug aus Safe Spaces: Was Rechtspopulismus für queere Menschen bedeutet
Rechte und rechtspopulistische Ansichten finden nicht nur eine zunehmende Verbreitung in Gesellschaft und Öffentlichkeit, auch Parteien, die solches Gedankengut vertreten, gewinnen an Zuspruch. Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die queere Community?
Ich beobachte hier gleich mehrere Reaktionen. Durch den Druck, den insbesondere marginalisierte Gruppen wie queere Menschen zunehmend erleben, ziehen sich immer mehr aus ihren Safe Spaces zurück.
Das IWWIT-Team reist insbesondere zur CSD-Saison viel durchs Land, und im letzten Jahr habe ich durch Gespräche vor Ort verstärkt mitbekommen, dass sich viele Queers immer weniger trauen, Community-Orte aufzusuchen, weil sie ihnen nicht mehr sicher erscheinen. Etwa, weil es dort immer wieder zu Vandalismus kommt oder die Besucher*innen sogar Angst haben, belästigt oder attackiert zu werden.
Wir beobachten zudem, dass durch Sparmaßnahmen auf kommunaler wie auf Landesebene immer mehr auch queere Projekte betroffen sind. Die Folge ist, dass solche Angebote weniger werden und schließlich ganz verschwinden.
Wenn Community-Orte verschwinden: Verlust von Vernetzung und Teilhabe
Diese Orte sind ja nicht nur wichtig als Treffpunkt und als Safe Spaces von LGBTIQ*, sondern auch als Ankerpunkt zum Beispiel für die Arbeit von IWWIT.
Das ist richtig. Queere Menschen haben lange dafür gekämpft, sich nicht mehr verstecken zu müssen, sondern offen und frei leben zu können. Wenn uns nun aber solche Orte verloren gehen, wird auch die Community-Arbeit schwerer. Natürlich kann man sich auch digital vernetzen und sich online austauschen. Aber es ist einfach etwas anderes, wenn man sich im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht austauschen, kennenlernen oder organisieren möchte. Wenn sich Menschen aufgrund der politischen Lage wieder zurückziehen, verlieren sie dadurch auch den Zugang zu Gemeinschaft, wie zu Kultur-, Freizeit-, und Gesundheitsangeboten.
Das bedeutet also, dass Online-Angebote zunehmend wichtiger werden. Zum Beispiel um queeren Menschen Informationen zu Gesundheitsthemen zu vermitteln.
Hier kommen wir zu einer anderen besorgniserregenden gesellschaftspolitischen Entwicklung. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise der YouTube-Kanal von IWWIT gesperrt. Eigentümer ist bekanntlich der Google-Mutterkonzern Alphabet. Auch in Europa sind wir in eine große Abhängigkeit von US-amerikanischen Online-Plattformen geraten, die ihre ganz eigene Vorstellung von Zensur haben. Wenn Web-Inhalte nicht dem entsprechen, was die US-Regierung für richtig und wichtig erachtet, wird sehr schnell mit Löschung und Sperrung reagiert. Und das hat natürlich große Auswirkungen auf unsere Präventionsarbeit, aber auch auf die Möglichkeiten der Vernetzung.
Förderung unter Druck: IWWIT zwischen Bewährung und politischem Gegenwind
Wie wird es unter diesen veränderten Bedingungen in den kommenden Jahren mit der IWWIT-Kampagne weitergehen?
Ob es mit IWWIT weitergeht, wird alle fünf Jahre entschieden. Dann nämlich, wenn die Fördergeberinnen, das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, unsere Arbeit evaluieren und unser Konzept für die Zukunft prüfen.
Und das ist euch gelungen, trotz der deutlich veränderten politischen Stimmungslage?
Ja, und wir sind sehr froh, dass wir die Verantwortlichen von der Notwendigkeit und Wichtigkeit unserer Arbeit, aber auch von unserem Konzept für die nächsten Jahre überzeugen konnten. Wir stellen allerdings auch fest, dass IWWIT als Projekt und auch das, wofür es steht, von vielen verschiedenen Akteur*innen verstärkt hinterfragt wird – jedoch nicht auf kritisch-konstruktive, sondern eher auf eine vernichtende und abwertende Art und Weise.
Diese Entwicklung zeigt sich auch auf politischer Ebene, etwa durch kleine oder große Anfragen von einzelnen Parteien im Bundestag. Wir hatten durchaus Sorge, ob unsere Arbeit weiter gefördert wird. Andere wichtige Projekte, gerade auch im Bereich Gesundheitsförderung, Anti-Rassismus oder LGBTIQ*-Rechte, die auf öffentliche Mittel angewiesen sind, müssen um ihre Existenz bangen. Wenn gespart werden muss, fallen solche Initiativen und Projekte oft als erstes weg, weil sie zunehmend nicht mehr für wichtig erachtet und für verzichtbar gehalten werden.
Kürzungen treffen queere Projekte: Einzelfälle oder Systemversagen?
In einigen Städten, etwa in Potsdam und in Halle (Saale), mussten die lokalen Aidshilfen kürzlich ihre Schulpräventionsprojekte auf Eis legen, weil die Förderung dafür nicht verlängert wurde.
Dies sind leider keine Einzelfälle. Die tatsächlichen Summen, mit denen solche und andere Projekte von Organisationen, Vereinen und Initiativen mit öffentlichen Zuschüssen gefördert werden, sind oft gar nicht so groß, aber sie stellen einen wichtigen Teil der Gesamtfinanzierung dar. Fehlt dieses Geld, entfallen die Angebote deshalb oft komplett.
Wenn zum Beispiel ein Kontaktcafé oder eine Beratungsstelle zwar ehrenamtlich betrieben wird, die Raummiete aber bislang wesentlich durch Fördergelder finanziert wurde, gehen mit der Streichung dieser Gelder solche Orte verloren. Damit verlieren viele Menschen – seien es queere oder solche mit Migrationsgeschichte – eine wichtige Möglichkeit, Anschluss und Teilhabe am sozialen Leben zu finden. Auch deshalb ist es wichtig, dass Aidshilfe stabil bleibt – damit uns diese Netzwerke nicht verloren gehen und dadurch all die Menschen, die sonst durchs Raster fallen. Wir müssen also nicht nur unsere Orte und Angebote, sondern auch unsere Community stärken.
Welchen Beitrag kann IWWIT dazu leisten?
Die Aidshilfen und IWWIT haben Präventionsarbeit und auch sexuelle Bildung immer schon als politisch betrachtet. Denn wir stehen nicht nur für Menschen mit HIV, sondern für unterschiedlichste marginalisierte Gruppen ein. Zum Beispiel für Menschen mit HIV, die vielleicht jeglichen Zugang zu Gesundheitssystemen verlieren, sollte sich die politische Lage noch weiter zuspitzen. Wir stehen auch dafür ein, dass Menschen mit Fluchterfahrungen überhaupt einen Zugang zum Gesundheitssystem erhalten.
Wir werden deshalb unsere Präventionsarbeit mehr als bisher auch mit einer politischen Bildungsarbeit verbinden. Denn wir merken, dass das eine nicht ohne das andere geht. Wir sprechen natürlich gerne über Sexualität und Sex und alles, was dazugehört. Wir alle wollen Liebe, wollen Räume, in denen wir uns sicher und wohlfühlen, und wir wollen von der Gesellschaft als das anerkannt und respektiert werden, was wir sind: queere Menschen. Das alles jedoch ist nicht mehr selbstverständlich.
Wir wollen die Community nicht nur aufklären, sondern auch dazu animieren, über solche Themen zu sprechen und nicht unsichtbar zu werden: Geht raus, trefft euch, verbündet euch!
Digital präsent bleiben – und selbst aktiv werden
Gerade solche analogen Angebote werden ja immer weniger, wie wir bereits festgestellt haben.
Wir haben uns für die neue Förderperiode selbst einen klaren konzeptionellen Fokus gesetzt. Wir werden versuchen, stärker als zuvor auf den verschiedenen digitalen Plattformen, die wir bereits bespielen, präsent zu sein. Eben, um mehr denn je mit Menschen in Kontakt zu treten, die wir im analogen Leben, etwa bei Veranstaltungen während der CSD-Saison, nicht oder nicht mehr erreichen. IWWIT hat deshalb auch einen eigenen TikTok-Kanal gestartet, um auf diesem Weg eine weitere, sehr junge Zielgruppe mit hineinzuholen.
Und hast du Tipps, was jede*r einzelne dazu beitragen kann, damit nicht nur Aidshilfe stabil bleibt, sondern auch unsere Community?
Das ist eine gute Frage. Aktivismus hat sehr viele Facetten und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Du kannst mit vielen anderen gemeinsam auf einer CSD-Demo deine Rechte einfordern und für Sichtbarkeit sorgen. Du kannst einen Brief an einen Bundestagsabgeordneten oder an Verantwortliche in deiner Stadtverwaltung schreiben. Aber auch jedes einzelne Gespräch kann in deinem eigenen persönlichen Umfeld etwas ändern, allein dadurch, dass du klare Haltung zeigst.
Wichtig dabei ist: Achte auf dich und bleib informiert. Es geht nicht allein darum, was im Bundestag oder bei den Parteien passiert, sondern auch, was bei dir auf lokaler Ebene, direkt vor der Haustür geschieht. IWWIT und die Deutsche Aidshilfe werden weiterhin eine vertrauenswürdige Plattform sein, wo ihr Informationen zu bestimmten Fragen erhaltet.
Was mir aber auch wichtig ist zu sagen: Wir leben in unruhigen Zeiten und die vielen schlechten Nachrichten können uns mental belasten. Deshalb: Wer sich aktivistisch engagiert und Haltung zeigt, kann dies nur, wenn er auch auf sich selbst und die eigene Gesundheit achtet, und sich auch notwendige Ruhe und Auszeiten gönnt.
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