„Es braucht manchmal nur einen einzigen Menschen, um etwas in Bewegung zu setzen“
Wir haben mit Axel Schock über sein Buch „Aids. Chronik einer Pandemie“ und über Geschichte(n), die Bedeutung von Erinnern sowie Lehren für die Zukunft gesprochen.
Axel, du schreibst seit vielen Jahren Texte für die Deutsche Aidshilfe, häufig zu Filmen und Büchern, aber immer wieder auch Kalenderblätter zu Ereignissen rund um die HIV- und Aids-Geschichte. Jetzt erscheint dein Buch „Aids. Chronik einer Pandemie“. Warum ist es wichtig, die Aids-Geschichte zu bewahren und zu erzählen?
Dafür gibt es eine Vielzahl sehr guter Gründe. Diese Pandemie hat unsere Gesellschaft auf vielfältige Weise geprägt, beeinflusst und verändert. HIV und Aids haben zu viel Leid und Verlusten, aber auch zu großer Solidarität, zu Engagement und innovativen, positiven Entwicklungen auf breiter gesellschaftlicher Ebene geführt. Allein deshalb ist es wichtig, sich dieser Geschichte zu widmen, auch, weil wir heute oder in späteren Generationen daraus lernen können. Darüber hinaus finde ich, dass all die Menschen, die ihr Leben infolge von HIV und Aids verloren haben, ebenso wie jene, die sich auf vielfältiges Weise engagiert haben – Aktivist*innen, Pflegende, Menschen etwa in der Politik oder Medizin –, es verdienen, dass man sich an sie erinnert und sie nicht vergisst.
Gibt es überhaupt eine, globale Aids-Geschichte?
Nein, eine einzige Aids-Geschichte gibt es nicht, denn die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen sind von Land zu Land zu unterschiedlich und damit auch die jeweils besonders von HIV betroffenen Gruppen, die Möglichkeiten für Prävention und Behandlung oder die Reaktionen von Politik und Gesellschaft auf diese Krise. Mir war deshalb auch wichtig, einen möglichst breiten Blick auf die Entwicklungen zu geben. Indem ich die Geschichte von HIV chronologisch erzähle, konnte ich den Fokus immer wieder weg von Deutschland auf andere Länder lenken. Auch um zu zeigen, wie unterschiedlich sich das Virus ausbreitete und mit welchen Problemen man sich zeitgleich in anderen Regionen der Welt auseinandersetzte.
Axel SchockEine einzige Aids-Geschichte gibt es nicht, denn die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen sind von Land zu Land zu unterschiedlich
Bist du dabei auf Geschichten gestoßen, die vielleicht gar nicht oder nur wenig bekannt sind?
In den inzwischen zwei Jahrzehnten, die ich mich journalistisch mit HIV und Aids beschäftige, habe ich die Situation in vielen unterschiedlichen Ländern kennengelernt. Im Laufe der Recherchen merkte ich aber, was ich alles noch nicht auf dem Schirm hatte, und habe mich beispielsweise erstmals intensiver mit der Situation in Kolumbien, Myanmar oder im Iran beschäftigt. Dabei bin ich auf Geschichten gestoßen, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte und die es verdient haben, erzählt zu werden.
In Myanmar zum Beispiel kam es in den späten 1990er-Jahren zu hohen Infektionsraten unter den Arbeitern in Edelsteinminen. Um ihre schwere Arbeit durchstehen zu können, ließen sie sich vor Schichtbeginn in sogenannten Shooting Galleries Heroin injizieren – alle mit derselben Nadel. Aus Kolumbien dagegen gibt es eine positive Geschichte im Buch. Dort nutzten Menschen mit HIV und Aktivist*innen ab 1992 einen juristischen Weg, nämlich Anträge bei Gerichten auf Schutz des Rechts auf Gesundheit, um Krankenversicherungen zur Bezahlung von HIV-Medikamenten zu verpflichten. Seit 1997 muss dort die gesamte HIV-Therapie von der staatlichen Krankenversicherung übernommen werden – und der HIV-Aktivismus hat zu einer breiten gesellschaftlichen Verständigung auf das Recht auf Gesundheit geführt, sodass es heute zum Beispiel auch ein Anrecht auf eine Krebsbehandlung oder Nierentransplantation gibt.
Kannst du dich noch daran erinnern, wie und in welcher Lebenssituation du selbst zum ersten Mal von Aids gehört oder gelesen hast?
Als völlig unbedarfter Teenager mitten im Coming-out war ich Mitglied einer schwul-lesbischen Schüler*innengruppe in Heidelberg. Bei einem Treffen, das muss nach der ersten SPIEGEL-Titelgeschichte zu Aids 1983 gewesen sein, überraschte uns ein Biologiestudent mit einem Referat. Er erklärte uns, was man über das Virus bislang wusste und was im Körper genau vorgeht. Ich verstand die Tragweite des Ganzen damals nicht, aber ich spürte, wie aufgewühlt und panisch der Student war. Als ich zwei Jahre später zum Studium nach Berlin zog, war Aids bereits zu einer überall gegenwärtigen, bedrohlichen Realität geworden.
Gewidmet hast du dein Buch der Erinnerung an Hans-Jürgen Smith (1955–1992). Magst du von ihm erzählen?
Hans-Jürgen war mein allererster Lebenspartner, und als wir uns kennenlernten, war er HIV-positiv. Uns blieben knapp sechs Jahre, die letzten von der Krankheit geprägt. Diese Erfahrungen, auch die des Sterbens, des Verlusts und der Reaktionen von Familie und Umfeld, stellten mein Leben völlig auf den Kopf – und prägten meinen weiteren Lebensweg. Ohne sie hätte ich mich sicherlich nicht in diesem Maße mit HIV und Aids beschäftigt und mich auch nicht in Projekten wie „Aidsgeschichte ins Museum“ (aidsarchive.net) engagiert. Ohne Hans-Jürgen und seinen Tod infolge von Aids gäbe es dieses Buch nicht. Deshalb ist es ihm gewidmet.
Aufgebaut ist die Chronik fast wie ein Film mit vielen kurzen Schlaglichtern, meist auf konkrete Personen oder Situationen. Erst nach und nach werden Verbindungslinien sichtbar. Wieso hast du diesen Aufbau gewählt?
Die Form ist eigentlich aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstanden. Ich bin kein Wissenschaftler, hatte also nicht vor, mich der Geschichte dieser Pandemie mit einer konkreten Forschungsfrage zu nähern. Stattdessen wollte ich wichtige Ereignisse, Entwicklungen und Informationen zusammentragen und sie so aufbereiten, dass sie auch ohne Vorkenntnisse leicht und hoffentlich gut und mit Gewinn zu lesen sind. Und das gelingt am besten, so meine eigene Erfahrung als Leser und als Journalist, indem ich konkrete Situationen schildere und als Ausgangspunkt nehme, um Sachverhalte zu erklären. Oder indem ich von Menschen erzähle, deren Schicksal exemplarisch für viele Tausend andere steht. Manchen Menschen folgt man daher im Buch tatsächlich über zwei, drei und mehr Stationen, zum Teil über Jahre hinweg, und kann so bestimmte Entwicklungen beispielhaft miterleben.
2026 ist es 30 Jahre her, seit auf der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver die damals neue Kombinationstherapie aus drei Medikamenten gegen HIV vorgestellt wurde. Wie hast du selbst diesen Einschnitt wahrgenommen und wie zeigt er sich im Buch?
Wie einschneidend und entscheidend dieser Forschungserfolg sein würde, habe ich damals noch gar nicht einschätzen können. Viele waren auch skeptisch. Das Medikament AZT war Jahre zuvor zunächst ebenfalls gefeiert worden und sich dann als fragwürdige Therapie mit massiven Nebenwirkungen und schneller Resistenzentwicklung erwiesen.
Axel SchockIch bin auch selbst Zeitzeuge und, wenn man so will, von der Aidskrise verwundet und von Erfahrungen geprägt, die Menschen in ganz anderen Regionen der Welt ähnlich gemacht haben.
Ich arbeitete damals als Redakteur beim schwulen Magazin „magnus“ und erinnere mich an einen Kollegen, der eines Tages im Büro ganz euphorisch erzählte, dass man das Virus bei ihm nicht mehr nachweisen könne. Das war ein ganz besonderer Moment. Ich freute mich so sehr für den Kollegen und war überrascht, wie schnell diese erhoffte Wirkung der Kombitherapie eingetreten war; zugleich war ich sehr traurig, weil so viele Menschen diesen Moment nur sehr knapp verpasst haben.
Wie bei vielen anderen zentralen Ereignissen in der Aidsgeschichte erzähle ich auch diese Zäsur aus verschiedenen Perspektiven. Auf Abschnitte zu den medizinischen Aspekten folgen Schilderungen vom Welt-Aids-Kongress in Vancouver, auf dem 1996 Studien zur Wirksamkeit der Kombitherapie präsentiert wurden, sowie Stimmen von Aktivist*innen, einem behandelnden Arzt und von Patient*innen, die den ersten Medikamentenkombinationen ihr Leben verdanken, aber zum Teil auch unter enormen Nebenwirkungen litten.
Du hast sehr viel Quellenmaterial zusammengetragen: Tagebuchnotizen, Behördendokumente, Zeitungsartikel, Forschungsstudien und vieles mehr. Wie bist du bei der Recherche vorgegangen, was hast du dabei erlebt?
Ich konnte zunächst auf meine eigene journalistische Arbeit der letzten zwei Jahrzehnte zurückgreifen. Ich habe, wie ich dann doch überrascht feststellen musste, allein für magazin.hiv und aidshilfe.de im Laufe der Jahre einige Hundert Artikel zu den unterschiedlichsten Themenfeldern geschrieben und dafür unendlich viele Interviews geführt. Über die Jahre ist so ein eigenes kleines Archiv entstanden. Darüber hinaus habe ich unter anderem in Archiven in Wien und Berlin recherchiert, unzählige Zeitschriften und andere Medien durchforstet und auch eine ganze Reihe Interviews gezielt für das Buch geführt.
Was hat dich bei deiner Beschäftigung mit den Quellen am meisten überrascht, was hat dich am tiefsten berührt?
Das Schöne bei solchen Recherchen ist: Man sucht nach etwas ganz Bestimmtem und entdeckt etwas völlig Unerwartetes. Die Gefahr dabei ist, dass man irgendwann den Überblick verliert. Was mir nicht gelungen ist: mich nicht zu sehr emotional berühren zu lassen. Als Journalist versuche ich, Sachverhalte so objektiv wie möglich darzustellen. Ich bin jedoch auch selbst Zeitzeuge und, wenn man so will, von der Aidskrise verwundet und von Erfahrungen geprägt, die Menschen in ganz anderen Regionen der Welt ähnlich gemacht haben. Und so gab es immer wieder Momente bei der Lektüre von Quellen, in denen ich erst mal eine Pause brauchte, weil die Beschäftigung damit unweigerlich auch emotional belastend war.
Du bist auch Kulturjournalist. Welche Rolle spielen in deinen Augen die künstlerischen Auseinandersetzungen mit HIV und Aids für den Umgang mit der Pandemie?
Für mich persönlich waren solche Filme, Theaterstücke, Romane und Kunstwerke sehr wichtig, um meine eigenen Erfahrungen darin zu spiegeln. Ich glaube, dass gerade künstlerische Verarbeitungen eine Möglichkeit sind, auch einem Publikum, das mit HIV und Aids bislang nur wenig in Berührung gekommen ist, die damit verbundenen essenziellen Fragen und Reaktionen auf die Krise zu vermitteln – sei es Trauer, der Umgang mit Endlichkeit oder die Energie, die aus Wut und Solidarität entstehen kann.
Was unterscheidet in deinen Augen die Aids-Pandemie von anderen Pandemien, zum Beispiel Malaria oder Covid?
Zunächst natürlich die Übertragungswege und die Möglichkeiten, sich vor den verschiedenen Krankheiten zu schützen, sie zu behandeln oder sich sogar dagegen impfen zu lassen. Was HIV und Aids jedoch bis heute fundamental unterscheidet, sind die damit verbundene Stigmatisierung und Scham sowie Schuldzuweisungen. Dass dies auch nach Jahrzehnten noch nicht überwunden wurde, ist eigentlich nicht zu begreifen.
Was haben wir aus der Aids-Pandemie gelernt, was müssten wir noch lernen?
Darauf eine kluge Antwort zu geben, fällt mir schwer. Ich habe für mich im Laufe der Arbeit zwei sehr einfache Erkenntnisse gewonnen, die nicht sonderlich überraschend sind, die ich aber augenfällig fand: Wichtige Veränderungen, große wie kleine und selbst überlebensnotwendige Projekte, wurden überall auf der Welt fast immer von Einzelpersonen oder sehr kleinen Gruppen angestoßen. Es braucht manchmal nur einen einzigen Menschen mit einer zündenden Idee, um etwas in Bewegung zu setzen. Das sollte ermutigen, aktiv zu werden, gerade in Zeiten, in denen man sich schnell ohnmächtig fühlen kann.
Axel SchokDie Geschichte von Aids ist nicht nur Medizingeschichte, sondern auch Sozial-, Sexual-, Politik- und Kulturgeschichte und nicht zuletzt die persönliche Geschichte unterschiedlichster Menschen.
Die andere, letztlich auch recht banale, aber grundlegende Erkenntnis: Unwissen, falsche Narrative, Vorurteile und Vorverurteilungen haben die Pandemie über all die Jahrzehnte enorm befeuert. Der Schlüssel zur Verbesserung von Lebensumständen wie auch zur Prävention ist Wissen und Aufklärung. Beispiele aus aller Welt, und sei es im Kleinen, lassen sich im Buch in großer Zahl finden. Und wenn ich ehrlich bin, sind dies für mich einige der wichtigsten Passagen.
Welche Perspektiven kommen in Behandlungen mit Aidsgeschichte(n) immer noch zu wenig vor? Wo bist du selbst auf Lücken gestoßen?
Das globale Panorama, das ich mir mit diesem Buchprojekt vorgenommen habe, kann natürlich nur lückenhaft sein. Das gilt selbst für den Blick auf Deutschland – allein diese Geschichte verdiente ein eigenes, umfassendes Buch. Denn die Geschichte von Aids ist nicht nur Medizingeschichte, sondern auch Sozial-, Sexual-, Politik- und Kulturgeschichte und nicht zuletzt die persönliche Geschichte unterschiedlichster Menschen.
Ich habe versucht, möglichst viele Perspektiven und Aspekte in dieser Chronik zu berücksichtigen, gerade auch jene, die sonst weniger beachtet oder ganz vergessen werden. Etwa der sogenannte Bluterskandal in den 1980er-Jahren oder die Geschichte von Kindern und Jugendlichen, die von Geburt an mit HIV leben. Es gibt aber auch Aspekte, die weithin tabuisiert sind und über die aus verschiedenen Gründen nicht gesprochen wird. Zum Beispiel die aktive Sterbehilfe in den Hochzeiten der Aidskrise oder die Tatsache, dass auch in Deutschland Frauen mit HIV zu Abtreibungen genötigt und zwangsweise sterilisiert wurden. Es war nicht einfach, hier konkrete Fälle zu recherchieren und erzählen zu können. Aber auch solche Geschichten sind Teil der Aidsgeschichte und sollen nicht vergessen werden.
Mit der Eröffnung des Aids-Archivs der Humboldt-Universität in Berlin, an dessen Aufbau du zusammen mit Corinna Gekeler seit 2014 gearbeitet hast, sowie der Veröffentlichung deiner Chronik konntest du nun zwei große Projekte abschließen. Hast du dir schon etwas Neues vorgenommen oder ist jetzt erst mal Durchatmen dran?
Die Geschichte von HIV und Aids ist ja leider nicht abgeschlossen, sondern sie geht weiter. Und ich werde mich ganz sicherlich auf die eine oder andere Weise auch weiter mit ihr beschäftigen. Aber tatsächlich widme ich mich gerade einem neuen, ganz anderen Projekt, nämlich der Erschließung und Archivierung des literarischen Nachlasses des Berliner Schriftstellers Detlev Meyer, der 1999 infolge von Aids starb. Ganz so fern ist diese Arbeit von den anderen Projekten letztlich also doch nicht.
Weitere Beiträge zur Aids-Geschichte auf magazin.hiv (Auswahl):
ART: 30 Jahre HIV-Therapie (Landingpage zu einer Beitrags-Serie; Juni 2026)
Vier Jahrzehnte Aids: 8 Dokumentarfilme zu HIV/Aids (11. Januar 2024)
Vier Jahrzehnte Aids: 10 Bücher voller Wissen und Erfahrungen (24. Januar 2022)
Vier Jahrzehnte Aids: 10 Spielfilme, die Geschichte schrieben (18. Dezember 2021)
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