Evaluation des Robert Koch-Instituts zeigt: Auch in Deutschland bewährt sich die PrEP zum Schutz vor HIV. Ihr Potenzial ist aber längst nicht ausgeschöpft.

Seit September 2019 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Kosten für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe PrEP für Personen mit substanziellem HIV-Risiko. Von Januar 2020 bis Dezember 2021 wurde die Einführung der PrEP vom Robert Koch-Institut (RKI) begleitet und evaluiert. Ein nun vom RKI veröffentlichter Kurzbericht fasst die Ergebnisse zusammen.

In die Evaluation mit dem Titel „EvE-PrEP“ („Evaluation der Einführung der Präexpositionsprophylaxe als Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung“) sind mehrere Studien und Datenquellen eingeflossen: unter anderem Abrechnungsdaten der Apotheken, Daten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und Ergebnisse der Studie „National Evaluation of PrEP Outcomes and STIs – NEPOS“. Letztere erhebt die Daten zum PrEP-Gebrauch und zur Verbreitung, Testung und Therapie von Geschlechtskrankheiten bei HIV-Schwerpunktzentren.

Die PrEP schützt hoch effektiv vor HIV

Wie Studien aus anderen Ländern zeigt auch die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Evaluation: Die PrEP schützt hoch effektiv vor HIV. HIV-Infektionen trotz PrEP-Nutzung wurden nur vereinzelt registriert. In den meisten dieser Fälle ist davon auszugehen, dass das Medikament nicht konsequent eingenommen wurde und damit der Schutz nicht gewährleistet war.

Aus den ausgewerteten Studien und Daten geht zudem hervor: Die PrEP wird überwiegend von Männern genutzt (98–99 %). Laut RKI stehen bei der PrEP cis Männer im Fokus – also Männer, denen bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben wurde und die sich auch als „männlich“ identifizieren.

99 % der PrEP-Nutzenden der NEPOS-Studie waren Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). 81 % nutzten die PrEP täglich, 19 % gaben für die Einnahme „on demand“ (anlassbezogen) oder intermittierend (mit Unterbrechungen) an. Weitere Analysen – unter anderem unter Hinzunahme von GKV-Daten – zeigten geringere Anteile von täglicher PrEP-Einnahme (67–68 %), besonders in Großstädten. Die Evaluation schätzt die Zahl der PrEP nutzenden MSM in Deutschland insgesamt auf 15.600 bis 21.600 (Stand Ende Juni 2020).

Einfluss der PrEP auf HIV-Zahlen noch unklar, kein Anstieg bei Geschlechtskrankheiten

Ob die Zahl der PrEP-Nutzenden ausreicht, um die Zahl der HIV-Neuinfektionen länger- und mittelfristig zu senken, lasse sich wegen des Einflusses der Corona-Pandemie noch nicht beurteilen, so das RKI in seinem Kurzbericht. Sowohl die Zahl der HIV-Neudiagnosen als auch die geschätzte Zahl der HIV-Neuinfektionen nahm in der Gruppe der MSM in den letzten Jahren kontinuierlich ab: 2020 sank hier die Zahl der HIV-Neuinfektionen gegenüber dem Vorjahr um 300 auf rund 1.100.

Die Befürchtung, dass mit der PrEP die Fälle anderer sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) wie Chlamydien, Gonorrhö und Syphilis zunehmen könnten, hat sich nicht bewahrheitet. In einigen der ausgewerteten Studien sank die STI-Inzidenz sogar, in den GKV-Daten blieb sie nahezu gleich.

Allerdings kann – wie bei den HIV-Zahlen – auch hier die Corona-Pandemie einen Einfluss gehabt haben, zum Beispiel durch eine Änderung des Sexualverhaltens, die geringere Verfügbarkeit von Test- und Präventionsangeboten sowie eine geringere Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten. Für konkretere Erkenntnisse seien daher länger laufende Analysen im weiteren Verlauf notwendig, so das RKI. Ab 2022 wird die PrEP-Versorgung in Deutschland vom RKI durch ein verstetigtes Monitoring erfasst.

Pandemie ließ PrEP-Nachfrage sinken

Die Pandemie wirkte sich auch auf die PrEP-Einnahme aus: In Umfragen im Zuge des ersten Lockdowns gaben 76 % der HIV-Schwerpunktzentren einen Rückgang der PrEP-Nachfrage an. Die Gründe für einen Abbruch oder eine Unterbrechung der PrEP hingen meist mit der Corona-Pandemie zusammen, rund 50 % der Unterbrechungen fielen in den ersten Lockdown im März und April 2020.

Angst vor Nebenwirkungen hält von der PrEP ab

Die Evaluation ergab auch: Das Potenzial der HIV-PrEP ist längst nicht ausgeschöpft. Ein häufiger Grund für eine nicht begonnene PrEP war die Angst vor Nebenwirkungen – zugleich wurden Nebenwirkungen selten als Grund für einen Abbruch der PrEP angegeben. Für das RKI ergibt sich hieraus ein Aufklärungsbedarf, um an der PrEP Interessierten eine „informierte, faktenbasierte Entscheidung zu ermöglichen“.

Im Austausch mit dem Community-Board der Studie zeigte sich laut RKI zudem ein Bedarf an Informationen und Angeboten zur PrEP für weitere Personengruppen: so etwa für Sexarbeiter*innen, Menschen aus trans*/nicht-binären und aus afrikanischen Communitys. Zudem müsse die PrEP-Versorgung in ländlichen Gebieten verbessert werden. Aber auch in Großstädten würden auch viele MSM von sich aus keinen PrEP-Bedarf äußern, obwohl Kriterien für eine PrEP-Verschreibung vorlägen. Hier bräuchte es Anreize und Konzepte, um die Versorgung zu erweitern, so das RKI.

(ascho/CL)

Quelle/weitere Informationen:

Kurzbericht des Robert Koch-Instituts zu „EvE-PrEP“ (PDF)

Zurück

Verpasste Chancen und späte Diagnosen

Weiter

Unwissenheit und Vorbehalte gegenüber Menschen mit HIV in der Zahnmedizin

Über

Christina Laußmann

Christina Laußmann hat Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft und Neuere deutsche Philologie an der Humboldt-Universität und Technischen Universität Berlin studiert. Seit 2013 arbeitet sie als Autorin und Lektorin bei der Deutschen Aidshilfe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

+ 58 = 68

Das könnte dich auch interessieren