Abbildung con Spritzen
(Foto: istockphoto)

Wer HIV hat, bekommt leichter Hepatitis C. Eine solche Doppel-Infektion ist ein tiefer Einschnitt, denn die Behandlung der Leberentzündung ist auch ohne Immunschwäche ein harter Brocken. Doch auch bei HIV-Positiven bestehen gute Chancen, dass eine Hepatitis-Therapie erfolgreich ist. Philip Eicker hat mit einem HIV- und Hepatitis-C-Infizierten und einem HIV-Schwerpunktarzt gesprochen.

Manuel ist ein Filmjunkie. „Sechs bis sieben Filme pro Woche sind für mich der Regelfall“, erzählt der 27-jährige Berliner. Doch in den nächsten Monaten wird er nicht mehr so oft ins Kino kommen. Der Grund: Manuel hat Hepatitis C, seit März ist er in Behandlung. „Ich schaue nur noch die Filme, die ich für meine Arbeit brauche“, sagt der Hörfunkjournalist, der über die neuesten Streifen berichtet. Mehr lassen die starken Nebenwirkungen nicht zu: „Zwei Tage in der Woche liege ich nur auf der Couch.“ Eine normale Arbeitswoche in der Gastronomie, da ist sich der gelernte Restaurantfachmann sicher, würde er derzeit nicht durchhalten.

Für seine Hepatitis-C-Therapie muss Manuel jetzt voraussichtlich 48 Wochen durchhalten. Das ist kein Zuckerschlecken. Auch, weil Manuels Körper gleichzeitig mit einem anderen Virus fertig werden muss: Seit knapp zwei Jahren ist er HIV-positiv. „Koinfektion“ nennen das die Mediziner. Trotzdem hat sich Manuel für die anstrengende Behandlung entschieden. Das bedeutet: zweimal täglich Tabletten und einmal pro Woche eine Fertigspritze mit dem virenhemmenden Wirkstoff Interferon. Die Packungsbeilage dazu sei „groß wie eine Tapete“, so Manuel. Sogar von Suiziden ist die Rede.

Portrait Stefan Fenske
„Eine Hepatitis-C-Behandlung ist gut zu schaffen“, sagt HIV-Schwerpunktarzt Dr. Stefan Fenske (Foto: Infektionsmedizinisches Centrum Hamburg)

Das Interferon verursacht bei vielen Patienten starke Depressionen. „Die Wirkung fällt sehr unterschiedlich aus“, sagt Stefan Fenske (48) vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg (ICH), einer Schwerpunktpraxis für HIV-Positive. „Manche macht der Wirkstoff launisch und aggressiv, andere fühlen sich niedergeschlagen.“ Dazu kommt, dass Interferon die körperliche Leistungsfähigkeit einschränken kann. Manuel ist dennoch zuversichtlich: „Die Infektion wurde in der akuten Phase entdeckt und ich bin noch jung.“ Beides begünstigt eine vollständige Gesundung.

Die meisten Hepatitis-C-Patienten verlieren kein Wort über ihre Infektion

Wie Manauel entscheiden sich die meisten HIV/HCV-Koinfizierten für eine Therapie. Stefan Fenske hatte bisher erst einen einzigen HIV-Patienten, der auf die Therapie verzichtete. Kaum einer breche die Behandlung ab. „Wenn man die Leute gut aufklärt und begleitet, ist die Behandlung gut zu schaffen“, so der Hamburger Infektionsspezialist. Wer über ein starkes Freundes- oder Familiennetz verfüge, könne das Interferon auch ohne die oft verschriebenen Antidepressiva durchstehen. In jedem Fall empfiehlt er, Angehörige und Kollegen auf die Folgen der anstrengenden Therapie hinzuweisen – was offenbar leichter gesagt als getan ist: „Die meisten Hepatitis-C-Patienten verlieren kein Wort über ihre Infektion“, gibt Fenske zu.

Das hängt auch mit der Angst vor Ablehnung zusammen. Dabei ist eine sexuelle Übertragung von Hepatitis C eigentlich nur schwer möglich – dafür braucht es Blut, wenn auch nur eine kleine Menge (siehe Beitrag Rotes Blut und weißer Staub), und man kann sich schützen. Wenn HIV im Spiel ist, kommt es allerdings leichter als sonst zu einer Hepatitis-C-Übertragung beim Sex. Infektionsspezialist Stefan Fenske warnt aber vor Hysterie. „Nicht hinter jedem sexuellen Kontakt lauert die Ansteckungsgefahr für Hepatitis C.“

Nichtsdestotrotz werden Infizierte ausgegrenzt, wie Manuel bestätigt: „Als Koinfizierter wirst du ja von möglichen Sexpartnern gleich zweimal aussortiert – als HIV-Positiver und als Hepatitis-C-Infizierter. Menschlich ist das verständlich. HIV will keiner haben, Hepatitis C auch nicht. Aber wenn sich deine Zielgruppe irgendwann auf nur noch zwei Leute beschränkt, wird es nervig.“

Zuerst dachte ich schon: Das ist jetzt zuviel negatives Lotto

Manuel hat sich dennoch für radikale Offenheit entschieden. Schon in seinem Internetprofil bei einem schwulen Chat-Portal gibt er an, dass er derzeit beides hat: HIV und Hepatitis C. „Ich möchte den Leuten zeigen: Diese Dinge gibt es. Sie sind da, und sie betreffen uns.“ Von einigen Beschimpfungen abgesehen sind seine Erfahrungen eher positiv. „Wenn du offen damit umgehst, fragen dich die Leute aus.“ Es hat ein wenig gedauert, bis Manuel so selbstbewusst mit seiner Doppelbelastung umgehen konnte. „Als ich von meiner Hep erfahren habe, dachte ich zuerst schon: Das ist jetzt zuviel negatives Lotto“, erinnert sich Manuel. Aber seine Freunde und Bekannten unterstützen ihn.

Auch medizinisch weiß er sich in den besten Händen. „Ein guter Arzt wird alles tun, damit du entspannt durch die Therapie kommst“, meint Manuel. Besonders profitiere er vom Fachwissen seiner HIV-Schwerpunktpraxis. „Ich würde jedem raten: Besorg dir einen guten Arzt!“ Manuel zählt schon die Wochen, bis er – mit einigem Glück – seine Hepatitis C hinter sich hat. Als Filmfan teilt er sich sein Jahr nach den Daten der Filmfestivals ein und hat ein großes Ziel vor Augen: „Mit meiner Therapie bin ich genau zur Berlinale im Februar 2012 fertig. Das passt perfekt.“

Kann Hepatitis C sexuell übertragen werden? Eine aktuelle Studie hat die Infektionsrisiken bei schwulen Männern mit HIV genau untersucht.

Zurück

Hepatitis C: Rotes Blut und weißer Staub

Weiter

Zahl der HIV-Neudiagnosen weiterhin fast konstant

Über

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

1 + 9 =

Das könnte dich auch interessieren