Beiläufige Gedanken eines sprachempfindlichen schwulen Mannes

Sex macht man und dabei spricht man wenig. Kleine Ausrufe, kleine Anmerkungen, vielleicht noch Rückmeldungen zur Befindlichkeit. Danach wird mehr gesprochen und davor oft auch. 

Ich erinnere mich an eine Reise nach Malaysia. In der Blue Boy Bar in Kuala Lumpur traf ich einen knuffigen, muskulösen attraktiven Malaien der mich mit zu sich nach Hause nahm. Wir sprachen englisch miteinander. Er hatte mehrere Jahre in Los Angeles studiert und pflegte einen typischen kalifornischen Dialekt. Zu Hause entkleidete man sich und erkundigte einander. Sein Körper war angenehm, schmeckte und roch gut und ich mochte es, ihn anzufassen. Als es dann etwas handfester wurde, legte er auf einmal los: „Yeah babe, that’s great, shove your dick inside my ass, give it to me, babe, yeah.“ Auf einmal fühlte ich mich wie bei Dreharbeiten in einem amerikanischen Porno und war völlig irritiert.  Mit nonverbalen Methoden gelang es mir, ihn weiter am Sprechen zu hindern, so dass ich ein befriedigendes Ende erleben konnte. Danach rauchten wir eine, quatschten miteinander und er rief mir ein Taxi. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß, nicht mehr, wie er aussah. Aber, dass er wie eine Figur aus einem kalifornischen Porno sprach, weiß ich noch genau. 

„Yeah babe, that’s great, shove your dick inside my ass, give it to me, babe, yeah.“

Sprechen dabei ist riskant, denn dann kann es sich erweisen, dass die gewünschte und phantasierte fugenlose Vereinigung zweier Körper aus dem Gleichgewicht gerät. Sprache und Körper und Denken gehen in der Sexualität eine brüchige Liaison ein, die nicht ohne Reiz ist, die aber auch Minenfelder enthält. Wie immer bei Sprache zeigen sich  Unterschiede der Herkunft, der Klasse und der aktuellen Lebenskultur der Beteiligten auf. Klassenunterschiede, Bildungsunterschiede und Projektionsunterschiede können reizvoll sein und man lernt viel dabei, aber auch enervierend, gelegentlich sogar desillusionierend oder, horribile dictu: de-sexualisierend.

Kulturkampf im Darkroom

In den Jahren nach 1989 füllten sich die Darkrooms nach und nach mit Herren aus der ehemaligen DDR. Diese hatten die Tendenz, sich davor oder danach mit ihren Sexpartnern zu unterhalten. Man stelle sich vor: im Darkroom. Ein Kulturverhalten, dass sie wohl „von drüben“ mitbrachten, bis endlich ein dekadenter, seelenloser Wessi, wie ich, „Ruhe im Darkroom!“ rief. Bei diesem interkulturellen Clash obsiegte natürlich auch wieder der Westen. 

Eine fördernde Bedingung für guten Sex ist, dass man den anderen zum Objekt machen darf respektive von ihm zum Objekt gemacht wird. Nicht immer immer geht das ganz ohne Sprache. Sie ist der Übergang vom Innen zum außen, somit eine Realität, die in der sexuellen Begegnung, zumindest wenn sie spontan und nonverbal geschieht, sparsam dosiert sein will. 

Speziell dann, wenn es sich um Erstkontakte handelt, denen nur eine sehr kurze soziale Zeit vorausgegangen ist. Ich denke da an: Sauna, Besuch im Darkroom, Outsite-Cruising, Internetanbahnung aber auch, das gibt es schon noch, Anbahnungsgespräche an öffentlichen Orten, die nach 20 Dialogzeilen, ohne große psychobiografische Ausschüttungen entladen zu haben, die wesentliche Frage stellen: „Zu mir oder zu Dir?“ 

Manchmal kann es gut ausgehen. Wir sind wieder in Malaysia und wieder lande mit einem Mann im Bett. Diesmal einem Chinesen, den ich bei einem Foodstall in Penang kennengelernt habe. Wir ziehen uns gegenseitig aus. Plötzlich meint er: „You have a huge dick.“  Dieses Kompliment wurde meinem Schwanz in Europa nie zuteil. Hier bin ich „M“. Es lebe the culture clash!

Dennoch, meine Erfahrung ist: je mehr Sprache, desto höher der Störungsfaktor bei der sexuellen Begegnung. Ideal wären maximal Dreiwortsätze und Laute, die, setzte man sie in Schriftzeichen um, uns wie Comicfiguren klingen lassen. „Ächz! Stöhn! Hechel! Arch! Seufz! Sabber! Ahhhh !“ (Soweit die kleine Hommage an Erika Fuchs und Ralf König.)

Elefanteneier und Pfirsichrosetten

Es ist beim ersten Sex halt so: Man lässt sich auf etwas ein und weiß nicht genau, ob es auch wirklich funktionieren wird. Und das hängt nicht alleine von den Körpern ab oder einer raffinierten Anwendung zahlreicher kamasutrischer Verrenkungen. Die große Frage für mich war -auch- stets: hoffentlich trifft er den richtigen Ton. Ich tendiere dabei eher zu wenig Ornamenten. Ich höre jetzt schon den Einwand. „Ist doch egal, Hauptsache er ist geil, sieht gut aus und macht alles, was Dir gefällt und gut tut.“ Naja, würde ich dann entgegnen, aber dann bitte ohne Sprechen. 

Metaphorisches Sprechen beim Sex kann mich schnell aus dem Gleichgewicht werfen. Entweder ich finde es überzogen hysterisch oder unfreiwillig komisch. Beides ist de-sexualisierend. 

Zum Beispiel unmäßiges Übertreiben. Wenn jemand dabei meine Hoden als „geile Elefanteneier“ bezeichnet, so verstehe ich durchaus die Absicht: Man möchte mir ein Kompliment machen und die gesamte Situation aufwerten. Ich aber sehe den Elefanten vor mir. Tiervergleiche finde ich fast immer komisch oder manchmal sogar völlig daneben. Gelegentlich ist es niedlich. Aber wer will schon niedlich vögeln? 

Wenn jemand zu mir sagt: „Ich möchte deine Pfirsichrosette lecken“, dann denke ich sofort an Blümchentapeten und Frühstücksgeschirr mit Hasen und Sonnenblumen drauf.

Wenn jemand zu mir sagt: „Ich möchte deine Pfirsichrosette lecken“, dann denke ich sofort an Blümchentapeten und Frühstücksgeschirr mit Hasen und Sonnenblumen drauf. Das sind keine sexuell stimulierenden Assoziationen. Dafür kann der Sprecher nichts, aber ich kann mir meine Assoziationen auch nicht aussuchen. 

In der Schlichtheit liegt das Zauberwort

Problematisch kann es auch werden, wenn man im Eifer des Gefechts auf jemanden trifft, der glaubt, er müsse durch Sprache oder auch eine bestimmte Intonation, die Erregung ins Unermessliche steigern. Seine Stimme wird dabei tiefer und die Auswahl der Vergleichswörter rutscht ins Unmäßige: „Stopf mir mit deinem Drecksprügel die Fresse“ ist ein Overkill an Metaphorik. „Und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.“ heißt es bei Eichendorff, nur bei mir singt die Welt dann nicht – mehr – sondern ich denke: „Mann, gehts nicht `ne Nummer kleiner?“ Bescheiden wie ich bin, würde es mich genug erregen, man verlangte von mir, ich möge ihm meinen Schwanz tief in seinen Mund stoßen. 

Letztes Beispiel:  Wir sind dabei und er, mit gepresster Stimme: „Ich will Deine geile Fotze wund ficken!“ Darauf meine innere Stimme: „Also so fluide bin ich nicht, es ist immer noch ein Arschloch. Außerdem: Fotze. Voll daneben. Soll wohl ordinär und geil sein. Möchtegernprolo.“ Da komm Du mal wieder zum dabei zurück.

Was lernen wir daraus: Sex ist am besten als Kopfkino. Verlässt man jedoch die Höhen seiner masturbatorischen Vergnügungen, braucht es andere Körper. Und so beginnen andere Vergnügungen aber auch die Mühen der Ebene.

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1 Kommentar

  1. Die Sicht des Autors finde ich sehr einseitig und apodiktisch.

    Nachdenkenswert ist der Hinweis auf das Kopieren oder nachplappern von Dialogen aus Pornos.

    Ob Kommunikation beim Sex verbal oder nonverbal, laut oder leise, oder eine Mischung ist, bleibt Geschmackssache.

    Was ist das für eine puritanische Perspektive, wenn man seine Lust unterdrücken soll, ihr besser keinen Ausdruck verleiht❓

    Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was mich geil macht oder wie ich meiner Geilheit Ausdruck verleihe.

    Ich finde es vielmehr schade, wenn man von dem Orgasmus des Sexpartners nichts mitkriegt, weil man besser still sein soll. Dann verpasst man ganz Wesentliches. Ich persönlich nehme gerne Anteil an der Erregung des Anderes und freue mich mit ihm.

    Bei einem one night stand ist es schwierig, den richtigen Ton zu finden, da man sich kaum kennt. Da hat es ein eingespieltes Team in einer Beziehung schon einfacher.

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