Fetischist:innen bestärken Klischees über queere Menschen? Unser Autor hat eine Diskussion über Fetischist:innen auf einem deutschen CSD beobachtet und möchte ganz klar Stellung beziehen.

Der Zaunfink

Im Kommentarbereich von queer.de fand im Sommer 2019 eine lebhafte Diskussion über Pet-Player statt, also über Menschen, zu deren erotischen Rollenspielen das Tragen von Tierkostümen gehört. Anlass der Berichterstattung war ein Vorfall beim Aachener CSD: Trotz eindeutig geklärter Rechtslage (das Tragen von Masken verstößt in diesem Fall nicht gegen das Vermummungsverbot) hatte die Aachener Polizei CSD-Teilnehmer:innen das Tragen von Hundemasken verboten und laut einem Augenzeugen sogar damit gedroht, notfalls die ganze Parade zu stoppen.

Bemerkenswert ist, dass die Kommentare auf queer.de sich nur kurz um das skandalöse widerrechtliche Handeln der Polizei drehten und sehr schnell in eine Diskussion über die angeblich fragwürdige Sichtbarkeit der betroffenen CSD-Teilnehmer:innen umschwenkten. Statt des Rechtsbruchs durch die Polizei wurde die Anwesenheit von Teilen der Community beim CSD zum Problem erklärt.

Solche Entsolidarisierung ist leider weder ungewöhnlich noch überraschend. Queere Communities selbst – das klingt zwar schräg, ist aber eigentlich kein Geheimnis – haben ein mindestens ambivalentes Verhältnis zur sexuellen Vielfalt, sobald diese einmal über die handelsüblichen Formate hinausreicht.

Ene mene muh …

Foto: Spryros Rennt

Ich halte es für verkürzt, CSD-Paraden ausschließlich als „Werbeträger“ für die Öffentlichkeit zu verstehen, haben sie doch auch große Bedeutung für die Community-interne Kommunikation und Kultur. Dennoch sind CSD-Paraden zweifellos die wichtigste öffentliche Repräsentationsfläche der verschiedenen queeren Communities. Entsprechend naheliegend ist es, immer mal wieder darüber nachzudenken, wer und was genau dort eigentlich repräsentiert werden soll – und was eher nicht. Dem Wunsch, vor allem diejenigen Gruppen gut sichtbar vertreten zu sehen, denen man selbst angehört, gesellt sich dabei immer wieder der Wunsch hinzu, bestimmten anderen Gruppen ebendieses Repräsentationsrecht abzusprechen. Alljährlich wird aus irgendeinem Anlass mindestens eine Gruppe herausgepickt, von der es dann heißt, sie störe, „gehöre nicht auf den CSD“ oder solle sich doch bitte wenigstens „zurückhalten“ (was nur eine Verklausulierung ist für „unsichtbar bleiben“). Mal sind es die Tunten oder die Drag Queens, dann trans Menschen, Nackte, Hedonist:innen usw. Immer reihum und dann wieder von vorn. Ins Visier dieser Exklusions-Folklore geraten, wie jetzt gerade wieder, regelmäßig auch Menschen, die beim CSD Fetische sichtbar machen.

Ein Anlass der Kritik ist das enorme Aufmerksamkeits-Gefälle, das die sogenannten „Paradiesvögel“ gegenüber den anderen Teilnehmer:innen unbestreitbar bevorzugt: In der Außenwahrnehmung wird die große Mehrheit der CSD-Teilnehmer:innen in ihrer Alltagskleidung oft nahezu unsichtbar, zugunsten der relativ wenigen aufsehenerregender gekleideten Gestalten. Auch die Medien spiegeln selten ein wirklich differenziertes Bild der Paraden [→ der zaunfink: Ihr seid alle schrill, schrill, schrill.], sondern fokussieren überdeutlich auf die spektakulären und deshalb besser vermarktbaren Bilder, die ihnen z.B. Drag Queens und Fetischist:innen liefern (wobei ich wiederum eine gewisse Bevorzugung der Drag Queens beobachte). Man mag diese Wahrnehmungsfilter zu Recht kritisieren. Gleichzeitig muss man nüchtern feststellen, dass gerade diese Bilder sehr erheblich zum großen Erfolg der Paraden beitragen, was die interne und die öffentliche Attraktivität angeht.

Ein, wie ich glaube, weitaus wichtigerer Grund der Kritik ist aber der Drang, sich von bestimmten Menschen oder Verhaltensweisen zu distanzieren, mit denen man eine, zumal öffentliche, Nähe nicht ertragen mag.

Gedankenlose Schuldumkehr

Das Hauptargument ist folgendes: Angeblich machen sich die auf dem CSD sichtbaren Fetischist:innen mitschuldig an der allgemeinen Queerfeindlichkeit der Gesellschaft, indem sie das Klischee bestärken, „alle Schwulen (seltener Lesben oder trans Personen) seien so“. Gemeint ist hiermit, ohne es direkt auszusprechen: „so pervers“. Man selber habe angeblich gar kein Problem mit „diesen Leuten“, aber die verklemmten, unaufgeklärten und zu keinerlei Differenzierung fähigen Heteros würden ganz gewiss plötzlich aufhören (oder gar nicht erst anfangen), wenigstens die „normalen“ Homos liebzuhaben, wenn man dieses schreckhafte Völkchen mit einem allzu frechen, „provokanten“ Auftritt vergraule.

Das ist keine neue Idee [→ der zaunfink: Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen]. Auf die Saubermänner (bzw. Sauberpersonen, Ignoranz kennt ja im Gegensatz zur Liebe kein Geschlecht) in unseren Communities sollten die am meisten stigmatisierten Untergruppen schon immer demütige Rücksicht nehmen, auf dass die Kriechspur jener in die „Mitte der Gesellschaft“ recht geschmeidig bleibe. Ergebnis: Die Einen dürfen beim CSD mal raus aus dem Schrank und eine Freiheit genießen, die auch ihnen sonst versagt bleibt, die anderen werden kurzerhand zur „Privatsache“ erklärt und müssen leider drinnen bleiben.

Akt der Schuldumkehr

Nicht ich werte sie ab, sondern sie ziehen mich in den dunklen Strudel ihres negativen Images mit hinein.

Ich halte dieses Argument zumindest im Fall der Fetischist:innen für vorgeschoben. Im Kommentarbereich auf queer.de kann man aktuell zumindest eines deutlicher als sonst erkennen: Viele Gegner:innen der Petplayer-Sichtbarkeit sind dort wenigstens so ehrlich, ihre eigenen Ressentiments zu offenbaren: Unverständnis, Ekel und Angst. Meistens werden die eigenen Emotionen aber, wie oben angedeutet, verdeckt: Die eigenen unreflektierten Ressentiments gegenüber Fetischist:innen werden auf die Gesellschaft projiziert und dort kritiklos als geradezu natürliche Abwehrreaktion vorausgesetzt und bestätigt. Die Abwertung des Fetischs und seiner Träger:innen an sich wird dabei nicht in Frage gestellt. Die eigene Aggression gegen andere Sexualitäten/Identitäten, die sich in dieser Argumentation nur ungeschickt verbirgt, wird in einem Akt der Schuldumkehr verschleiert, indem man sich selbst zum Opfer der Fetischist:innen erklärt: „Nicht ich werte sie ab, sondern sie ziehen mich in den dunklen Strudel ihres negativen Images mit hinein.“

Man könnte bei einer Demonstration für sexuelle Vielfalt und Freiheit vielleicht erwarten, dass genau dieses negative Image als das zu lösende Problem erkannt und solidarisch in Angriff genommen werden sollte. Stattdessen werden einfach die Menschen, die ohnehin schon unter gesellschaftlichen Ressentiments leiden, auch noch von der eigenen Community vor den Bus geschubst.

An dieser Stelle taucht wieder einmal die Frage auf, inwieweit emanzipatorische Ideale eigentlich noch von der Mehrheit der CSD-Teilnehmer:innen und Organisator:innen verinnerlicht werden, bzw. inwieweit diese noch konsensfähig sind. Es geht um die strategische Standortbestimmung des CSDs selbst. Was das konkrete Handeln von Veranstalter:innen angeht, so reicht das Spektrum von Orgateams, die die Fetischgruppen Jahr für Jahr ganz ans Ende der Parade verbannen bis hin zur Entscheidung, Menschen in Fetischkleidung ausdrücklich zur Teilnahme einzuladen – eine erfreuliche Entscheidung, die aber die Tatsache eingesteht, dass die Erwünschtheit von Fetisch-Outfits ohne eine ausdrückliche Ermunterung durchaus nicht als selbstverständlich wahrgenommen wird.

Ich werde am Schluss auf die Grundsatzfrage zurückkommen und möchte zunächst einige der Ebenen untersuchen, auf denen Fetisch „irritiert“ und „provoziert“.

Gender-Irritationen

Betrachten wir kurz einen Klassiker unter den Fetischen, den schwulen Lederkerl. Wo es darum geht, die Vielfalt unserer Communities optisch oder metaphorisch zu illustrieren, taucht er seit vielen Jahren in schwulen Zusammenhängen und in den Medien immer wieder als Teil eines angeblichen Gegensatzpaars auf: Der Lederkerl und die Drag Queen. Imaginiert werden die beiden gern als die extremen Pole eines geschlechtlichen Spektrums zwischen „extrem weiblich“ und „extrem männlich“ – fast so, als verkörperten sie „Vollweib und Vollmann“ im Hirschfeldschen Sinne. Das ist natürlich Unsinn, werden doch diese vermeintlichen Pole beide meistens von cissexuellen Männern verkörpert und hier somit – wenn überhaupt – nur ein sehr begrenztes Spektrum abgedeckt.

Foto: Spyros Rennt

Im Bild des klassischen Lederkerls tauchen Fetische (Leder, Uniformen, Stiefel usw.) vor allem als Attribute einer übersteigerten „Männlichkeit“ auf. Hier geht es oberflächlich nicht direkt um die Ebene der Sexualität, sondern um ein sexualisiertes „doing gender“, also die performance einer Geschlechtsrolle. Auf den ersten Blick bedient sich der Lederkerl einfach nur sehr traditioneller Geschlechtsattribute. In der Übertreibung aber, die diese Attribute und ihre teils hochkonzentrierte Anhäufung kennzeichnet, kommt ein Moment von Irritation hinzu, das den Lederkerl mit der Drag Queen verbindet: Die Über-Erfüllung geschlechtsrollen-typischer Klischees erhebt die Inszenierung in den Bereich des offenkundigen Kostüms, des Nicht-Realen, teils fast schon des Parodistischen. Die scheinbare Bestätigung heteronormativer Rollenattribute in dieser Form von „mann-männlichem Drag“ wird subversiv, indem sie ihre eigene Künstlichkeit sichtbar macht. Die Montur des Lederkerls markiert einen Nicht-Alltag. Lederkerl und Drag Queen befinden sich aus dieser Perspektive gar nicht an unterschiedlichen Polen einer Skala, sondern beide am selben Ende einer anderen Skala von „geschlechtsneutral“ bis „geschlechtlich über-markiert“ oder einer anderen von „authentisch“ bis „inszeniert“.

Ob dies allen Lederkerlen bewusst ist oder von ihnen sogar gezielt in dieser subversiven Weise eingesetzt wird, darf sicherlich bezweifelt werden; meine kleine Bekanntenblase und ich dürften wohl nicht repräsentativ sein. Fakt bleibt, dass Fetisch auf dieser Ebene eine gender-Irritation auslöst, die nicht allen Betrachtenden behagt und vermutlich (ob bewusst oder unbewusst) auch deswegen Distanzierungswünsche auslöst.

Rollenbilder durchbrechen

Wenn wir einmal schauen, wer sich neben den Lederkerlen noch so tummelt, so können wir sehen, dass gerade in den Gruppen der Fetischist:innen überdurchschnittlich häufig cross-dressing oder mix-dressing sichtbar gemacht wird. Die heteronormativen Rollenbilder werden hier gezielt durchbrochen. Die Irritation, die allein schon durch das cross-dressing an sich entsteht, wird noch gesteigert durch die Tatsache, dass von außen manchmal schwer einzuschätzen ist, aus welcher Motivation heraus dies geschieht. Ist die Person mit dem Bartschatten in dem Gummi-Rock dort vielleicht nicht-binär? Ist sie im Alltag ein Mann, aber im erotischen Rollenspiel eine Frau? Ist „Verweiblichung“ der Fetisch? Die üblichen Annahmen über die vermeintliche Eindeutigkeit und Kontinuität von gender werden hier in Frage gestellt durch die Erkenntnis: Gender kann nicht nur eine gewöhnliche Alltagsrealität sein, sondern auch eine Teilzeit-Geschlechtsrolle oder eine Inszenierung innerhalb eines sexuellen Spiels.

In eine ganz andere Richtung gehen die eingangs erwähnten Menschen, deren Fetisch darin besteht, menschliche Rollen komplett abzustreifen und sich z.B. als Puppy oder Pony zu inszenieren – eine tiefe Verstörung der gängigen Annahmen über das zulässige oder auch nur denkbare Spektrum einnehmbarer Identitäten.

Die politische Frage ist nun, ob man die Abwehr, die solche Irritationen auslösen können, kritiklos übernimmt und zum Argument von Exklusionsforderungen machen will, oder ob man bereit ist, sie zum Anlass einer kritischen Überprüfung eigener und gesellschaftlicher Abwertungen zu nehmen und sich zu überlegen, wie auch in diesem Bereich mehr Freiheit für alle ermöglicht werden kann. Selbst wer selbst nicht an Fetischen interessiert ist, könnte sich doch eigentlich freuen, wenn die juristische und gesellschaftliche Freiheit, Fetische zu tragen, generell möglichst groß wäre. Man muss Freiheiten nicht selbst nutzen wollen, um sich doch dafür einzusetzen, dass es sie gibt. So wie die bloße Sichtbarkeit von schwulen, lesbischen, trans, inter, nichtbinären und anderen queeren Menschen immer noch viele Menschen irritert, aber genau deswegen (und eben nicht trotz dessen) als Strategie zur Förderung größerer Selbstverständlichkeit und Liberalisierung genutzt werden kann, ist dies auch bei Fetischen der Fall. Irritationen sind nicht nur der Preis der Liberalisierung, sie sind auch eine notwendige Methode zu ihrer Durchsetzung.

Unverschämtheit

Ein Hauptaspekt der Ablehnung sichtbarer Fetische ist recht banal: Es geht um Sexualität. Und zwar in einem relativ konkreten Sinn. Die meisten anderen Parade-Teilnehmer:innen deuten Sexuelles höchstens dezent an. Auch die erotisierten Inszenierungen der Drag Queens deuten meist eher indirekt und im Rahmen reglementierter Gesten auf Sexualität hin. Sichtbare Fetische dagegen legen das Thema Sexualität ziemlich schnörkellos auf den Tisch bzw. die Straße. Da wird zwar nicht direkt Sex im engeren Sinne vor aller Augen betrieben, da wird aber auch nicht kleingeredet, codiert oder versteckt, dass es hier um Sexualität geht. Für Homosexuelle, die trotz eigener Erfahrungen sexuelle Scham immer noch für etwas Gutes halten, ist das natürlich unerhört: Da müht man sich seit Jahrzehnten, endlich die Sexualität aus der Homosexualität herauszulügen, und dann kommen irgendwelche Typen mit Hundemasken daher und legen einem das Stöckchen, das man doch so erfolgreich aus dem Blickfeld geschmissen zu haben glaubte, einfach wieder direkt vor die Füße.

Gottfried Ensslin sagte 2013:

„Die Erfahrung, sich im Coming-Out gegen alle gesellschaftlichen Instanzen durchgesetzt zu haben, die dieses Tabu nach wie vor wirksam transportieren, kann dazu führen, dass sich ein starkes Gerechtigkeitsgefühl ausbildet. Gerade wenn die einzelnen Schritte des Coming-Out genau in der Erinnerung festgehalten werden, bleibt der Blick auf gesellschaftliche Mechanismen und Machtwirkungen geschärft.“

Ja, Pustekuchen. Die teils heftigen Abwehrreaktionen gegen die Sichtbarkeit von Fetischen äußern sich zu einem großen Teil in exakt denselben Ressentiments, die wir aus der klassischen Homophobie kennen: Diese Arten von Sexualität seien „krank“, „unnatürlich“, „unmoralisch“, „unästhetisch“ usw. Dass es sich dabei – wie schon bei der Homophobie – durchweg um irrationale Scheinargumente handelt, nehme ich an dieser Stelle als nicht nachweisbedürftig an. Alle schon aus homofeindlichen Diskursen bekannten Floskeln tauchen hier buchstabengetreu wieder auf: Man solle anderen nicht „seine Sexualität aufdrängen“ oder diese „zur Schau stellen“, das sei pathologischer oder zumindest unangemessener „Exhibitionismus“ und „Belästigung“ und außerdem völlig „unnötig“. Das geforderte Unsichtbarkeitsgebot gründet sich hier auf ein ebenfalls schon bekanntes Argument: Sexualität sei „Privatsache“ und gehöre damit „natürlich“ nicht in die Öffentlichkeit, speziell nicht „vor die Augen von Kindern“, denen offenbar allein der bloße Anblick eines glücklichen freilaufenden Fetischisten irreparablen Schaden zufügen könne. Wenn es „so etwas“ nun schon einmal geben muss, dann solle es also bitte wenigstens „in den eigenen vier Wänden“ bleiben.

Der wilde Gegenpol zur Heteronormativität

Neben solchen rein negativen Außenwirkungen sind Fetische aber auch mit Assoziationen verknüpft, die vielen Beobachter:innen zumindest ambivalent oder auch positiv erscheinen. Als eines der wichtigsten Klischees sei hier das des sexuellen Hedonismus genannt: Mehr als andere Sexualitäten wird Fetisch-Sex oft als“frei“ und „wild“ imaginiert. Hier geht es angeblich mehr als sonst um ungebundene, „tabulose“, „enthemmte“ und deswegen womöglich auch besonders intensive Sexualität. Fetisch-Sex wird als wilder Gegenpol zum von heteronormativen Moralvorstellungen und Reproduktionsbedürfnissen eingehegten „Blümchen-Sex“ phantasiert. Ob diese Vorstellung mit der Realität von Fetisch-Sex wirklich zu tun hat, sei hier dahingestellt. Es bleibt festzuhalten: Je nach psychologischer Verfasstheit der Beobachter:innen wird die imaginierte besondere Enthemmtheit und Intensität dieser Sexualität als beneidens- oder verachtenswert empfunden – oder beides zugleich. Vermutlich können wir von einer ambivalenten Außenwirkung dieses vermeintlich Fremden ausgehen: Lustvolle Sehnsüchte und bedrohliche Phantasien werden nebeneinander oder gleichzeitig ausgelöst, teils in derselben Person, teils auf verschiedene Gruppen verteilt. Auch genau diesen Mechanismus kennen wir übrigens aus der heteronormativen Außenperspektive auf Homosexualität: Sie wird als die „wildere“ Sexualität imaginiert, was Neid, Angst und moralische Verachtung gleichzeitig auslöst.

Im Vergleich zu den Aufführungen der Drag Queens, die wir vor allem als Kunstform, also als durch und durch künstliche Inszenierungen ohne Anspruch auf „Authentizität“ begreifen können, ist Fetisch vielleicht mehr dem Bereich der „realen Wirklichkeit“ zuzuordnen. Fetisch ist (an sich) keine Unterhaltungsshow für die öffentliche Bühne, sondern dient einem sehr realen Zweck. Wenn auch meist vom Alltagsleben deutlich getrennt und als eine zeitlich begrenzte Inszenierung erkennbar, ist Fetisch doch (meist) zugleich ein echter und unveränderlicher Teil der persönlichen Identität, nämlich der eigenen Sexualität. Möglicherweise liegt hier ein weiterer Aspekt, der zum Unbehagen beiträgt: Den Außenstehenden ist oft nicht so recht klar, wo genau beim Fetisch die Grenzen zwischen „Spiel und Ernst“ zu ziehen sind. Das macht Fetisch für sie deutlich verstörender als der klassische Drag. Aber genau hierin könnte auch die größere Subversivität liegen, die wir für eine Strategie der sexuellen Liberalisierung nutzen können.

Unheimliche Macht

Besonders virulent wird die Verstörung vermutlich dort, wo Fetisch in die Bereiche von BDSM [3] hineinfließt und dies auch mit entsprechenden Darstellungen (z.B. durch Tragen einer Peitsche oder eines Halsbandes) sichtbar gemacht wird. Neben den Irritationen in den Bereichen gender und Sexualität geht es hier um eine Verunsicherung auf der Ebene der sozialen Rollen, und zwar in einem weiteren Bereich, der von erheblicher Ambivalenz geprägt ist: der Macht. In unserem Alltag sind Machtgefälle, Machtkämpfe, Demütigungen und Machtmissbrauch gang und gäbe, gleichzeitig werden aber Ideale wie Gleichberechtigung, Respekt und flache Hierarchien hochgehalten. Macht und Gewalt sind allgegenwärtige, aber hochgradig tabuisierte und meines Erachtens nur sehr unzureichend reflektierte Aspekte unseres Alltagslebens. Der spielerisch-leichte und sogar lustvolle Umgang mit inszenierter Macht und Gewalt im BDSM-Spektrum muss in dieser Gesellschaft deshalb höchst irritierend wirken. Dass diese Themen beim BDSM idealerweise innerhalb einer allseits freiwilligen Inszenierung behandelt werden und ansonsten den Alltag von BDSMler:innen nicht mehr oder weniger prägen als den anderer Menschen, das ist den Betrachter:innen leider nicht immer klar. Besonders hier dürfte die Schwierigkeit Außenstehender, den Unterschied zwischen Realität und Spiel zu erkennen, dazu beitragen, dass Fetische als diffus „unheimlich“ wahrgenommen und deshalb abgelehnt werden.

So weit zu einigen der Mechanismen, die die emotionale Ablehnung sichtbarer Fetischist:innen und zugleich das subversiv irritierende Potential erklären können. Verblüffend finde ich, wie schon gesagt, wie selten sogar queere Menschen die doch so offenkundigen Parallelen zwischen der Ausgrenzung von Fetischleuten und ihrer eigenen Diskriminierung erkennen. Nur dieser blinde Fleck ermöglicht es, mit größter Selbstverständlichkeit zu behaupten, die verschiedenen Fetischszenen gehörten nicht zu den vielen Communities, die beim CSD vertreten sein sollten. Fetischismus als ein randständiges Phänomen, das nur eine unwichtige kleine Gruppe Erwachsener betrifft, die alljährlich ohne Not in einen sinnlos provokanten Exhibitionismus ausbrechen, obwohl sie doch in privaten Räumen glücklich und bescheiden ihr Ding drehen könnten: Das ist exakt die Argumentation, die von Anfang an gegen den gesamten CSD und alle seine Teilnehmer:innen vorgebracht wird. Im Sinne des oben genannten Ensslin-Zitats könnte eine recht einfache geistige Transferleistung offenbaren, weshalb die Sichtbarkeit von Fetischen genau der selben Notwendigkeit und dem selben Zweck folgt wie die Sichtbarkeit aller anderen Formen von Queerness. Man müsste sich dazu nur an die Probleme erinnern, die mit dem eigenen Coming-Out verbunden waren.

Wenn ich groß bin, werde ich pervers!

Fetischist:innen kommen nicht als ausgewachsene, selbstbewusste Perverse zur Welt, sondern jung und verwundert wie jeder andere Mensch auch. Sie müssen ihre eigene Sexualität erst einmal finden. Dabei hilft es ganz enorm, wenn man sie auch außen schon irgendwo sichtbar vorfindet. Fetischist:innen haben – zumindest teilweise – genau dieselben Coming-Out-Probleme wie andere queere Menschen: Sie tauchen in allen denkbaren Familien und in allen Bereichen der Gesellschaft auf wie Kuckuckskinder und fühlen sich sogar in ihren Familien und unter ihren Freund:innen zunächst einmal recht allein mit dem, was sie als Begehren in sich entdecken. Sie brauchen Informationen, Vorbilder, Hilfestellung und Ermutigung.

Die sichtbare Präsenz von Fetischen beim CSD ist deswegen nicht nur egoistischer Hedonismus oder gar Exhibitionismus. Es geht hier auch um eine gesellschaftspolitische Aktion. Ebenso, wie andere queere Menschen die Parade u.a. dazu nutzen, den „Nachwuchs“ zum Entdecken seiner speziellen geschlechtlichen und/oder sexuellen Identität zu ermuntern, haben auch Fetischist:innen diesen Wunsch. Junge Menschen aller sexuell/geschlechtlich marginalisierten Gruppen brauchen Vorbilder, um den Widerstand der Umwelt, die Stigmatisierung und die verinnerlichte Scham zu durchbrechen und einen wichtigen Teil ihres persönlichen Glücks nicht für immer ungelebt zu lassen oder gar als „krankhaft“ abzulehnen.

Es geht also darum, Bilder der eigenen Identität öffentlich zu machen und den negativen Zerrbildern, die in der Gesellschaft, in peinlichen Sommerloch-Reportagen und sogar innerhalb queerer Räume und Foren immer noch allgegenwärtig sind, positive Bilder entgegenzusetzen. Es reicht nicht aus, dass diese Bilder irgendwo auf einer Porno-Webseite oder in einem Darkroom der Hauptstadt vorgefunden werden können – diese Bilder müssen öffentlich sichtbar gemacht und in Form lebender Vorbilder wahrgenommen und kontaktiert werden können.

Die erwähnten „positiven Bilder“ können dabei nur die eigenen, selbstbestimmten Bilder sein, selbst dann, wenn sie anderen nicht positiv erscheinen und deren ästhetisches Empfinden verletzen. Jede Sexualität, die nicht die eigene ist, erscheint von außen gesehen befremdlich und vielleicht sogar eklig. Die vermeintlich bewusste „Provokation“ ist nicht Mittel zum Zweck (obwohl sie zugegebenermaßen natürlich auch viel Spaß machen kann), sondern ist zwangsläufiger Teil des Prozesses.

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Wie immer, wenn Tabuisiertes öffentlich gemacht wird, geht das nicht ohne Grenzüberschreitungen. Fetische sichtbar zu machen, verletzt notwendigerweise das Schamgefühl vieler Außenstehender. Was früher und teils noch heute z.B. für küssende oder handhaltende Schwule gilt, gilt auch hier: Provokation und Unbehagen sind unvermeidliche Bestandteile jeder Aufklärung. Wenn laut einer Umfrage von 2016 ganze 40 Prozent aller Deutschen es „eklig“ finden, wenn sich Schwule in der Öffentlichkeit küssen, dann sollte man sich doch wirklich gut überlegen, ob der Ekel Außenstehender wirklich ein so gutes Argument ist, Menschen oder Handlungen in der CSD-Parade unsichtbar zu machen. Jede Emanzipation, die die Empfindlichkeit Außenstehender als Messlatte übernähme, müsste schon im Keim verdorren. Queere Menschen mit ein wenig historischem Bewusstsein sollten das eigentlich sehr gut wissen.

Natürlich geht es nicht nur um den eigenen Nachwuchs, sondern auch um ein generelles gesellschaftspolitisches Ziel. Oft wird ja mittlerweile eine recht enge Definition dessen vorausgesetzt, was die „offiziellen“ Ziele des CSDs seien: Gleiche Rechte und Akzeptanz durch die sogenannte „Mehrheits-Gesellschaft“. Diese Definition ist aber weder vom Himmel gefallen noch war sie schon immer so formuliert. Von Anfang an prägte den CSD auch eine sehr viel größere Idee, die nicht nur die Rechte marginalisierter Gruppen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Vision in den Mittelpunkt stellte: Es geht um die Idee einer aufgeklärten Gesellschaft, in der jeder Mensch die eigenen sexuellen und die Identität betreffenden Wünsche frei von unbegründeten Ängsten, Schuldgefühlen und körperfeindlichen Normen entdecken und entfalten kann, in der die eigene Sexualität frei erforscht und gelebt werden kann und in der niemand wegen der eigenen sexuellen Wünsche oder der geschlechtlichen Identität von anderen beleidigt, abgewertet, entrechtet oder sogar bestraft wird.

Das Recht auf Sichtbarkeit

Der unabdingbare Nullpunkt dieser Vision ist das Recht jeglicher sexueller und geschlechtlicher Realitäten, sichtbar zu werden. Fetischist:innen auf dem CSD sind in diesem Sinne ein Signal an andere Teilnehmende und an die Öffentlichkeit: Sexuelle Vielfalt existiert in viel mehr als den zwei oder vielleicht drei Schubladen, an die ihr meistens denkt. Diese Vielfalt ist auch in den heute noch seltener repräsentierten und weniger akzeptierten Formen gut und willkommen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit mag immer noch in manchen Fällen irritieren, aber die Freiheit dazu sollte uns allen wichtig sein. Niemand muss sich schamhaft verstecken oder unsichtbar bleiben.

Der vermeintliche Gegensatz zwischen Hedonismus und politischer Aktion, den Kritiker:innen sowohl beim Fetisch als auch im Gesamtzusammenhang des CSD vorbringen, ist ein Schein-Widerspruch. Nur selbstbewusste, freie Menschen sind auch fähig zu wirklich positivem politischem Einfluss. Glückliche queere Menschen und Menschen, die sich empathisch darüber freuen können, dass Menschen verschieden und frei sind, sind gut für die ganze Gesellschaft.

Glückliche Fetischist:innen gehören dazu, und das müssen wir auch zeigen.

Dieser Text wurde am 28. 6. 2019 im Blog „der zaunfink“ veröffentlicht und hier leicht aktualisiert.

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