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Dossier HIV & Arbeit 3 | Karriere mit HIV

Portrait Stephan Jäkel

Stephan Jäkel arbeitet für die Schwulenberatung in Berlin

Zwei Drittel der Menschen mit HIV gehen arbeiten – Vollzeit und ohne jede Einschränkung –, aber nur wenige legen ihre Infektion offen. Stephan Jäkel (41), selbst positiv, weiß aus vielen Gesprächen, warum das so ist: Er berät HIV-Positive in der Schwulenberatung Berlin

Herr Jäkel, in den 90er Jahren hieß HIV: Frührente, weil arbeitsunfähig. Heute sind HIV-Positive völlig normal erwerbstätig – kann man das so zusammenfassen?
So pauschal nicht. Auch früher gab es Menschen mit HIV, die gearbeitet haben. Aber in der Tat führt der größere Teil der Menschen mit HIV heute ein normales Erwerbsleben. Über 70 Prozent sind erwerbsfähig. Rein vom Medizinischen her ist HIV heute in den westlichen Industrienationen eine gut behandelbare chronische Erkrankung. Nachdem die HIV-Diagnose psychisch verarbeitet worden ist – bei dem einen dauert es vielleicht etwas länger, den anderen wirft es gar nicht aus der Bahn –, steht einem langfristigen Arbeitsleben aus medizinischer Sicht nichts mehr entgegen.

Welche psychischen Belastungen können denn auftreten?
Gerade für junge Menschen ist eine HIV-Diagnose oft das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich mit Endlichkeit auseinandersetzen müssen. Denn HIV haftet noch immer dieses Bild von Krankheit und Siechtum an. Ihnen geht das Gefühl der Unversehrtheit verloren, was sonst mit Anfang 30 noch nicht zur Debatte steht. Mitentscheidend ist: Auf welches soziales Umfeld, auf welche Informationen und Netzwerke treffen sie in dieser Phase? Gibt es Freunde, Familienmitglieder oder Positivennetzwerke, die sie stützen und ihnen zeigen, dass man auch mit HIV leben und arbeiten kann? Wenn es gut läuft – und das ist heute nicht selten –, beschäftigt einen die HIV-Diagnose ein paar Wochen oder Monate, und dann geht man gestärkt aus dieser Situation hervor.

Stellt eine HIV-Infektion manchmal auch die erträumte Karriere in Frage?
Ich denke, jede chronische Erkrankung lässt einen innehalten. Viele fragen sich: Möchte ich so weitermachen? Kann ich normal weiterarbeiten? Und im Fall von HIV: Darf ich meinen Beruf überhaupt weiterhin ausüben? Deshalb ist es wichtig, dass jeder von Anfang an die richtige Beratung erhält, in der ihm vermittelt wird: In der Regel stehen dir alle Berufswege weiterhin offen. Im Einzelfall können aber auch mal Abstriche nötig sein.

„Viele Positive fühlen sich nach Beginn ihrer Therapie leistungsfähiger.“

Gibt es denn gesetzliche Verbote?
Die einzige gesetzliche Einschränkung besteht bei Piloten: Für diese Berufsgruppe gibt es in Deutschland ein Berufsverbot. Beschäftigte in medizinischen und pflegenden Berufen stellen sich fast immer die Frage, ob sie ihren Beruf weiterhin ausüben dürfen. In 99,9 Prozent der Fälle gibt es keinerlei Einschränkungen. Nur chirurgisch tätige Ärzte dürfen ganz bestimmte Eingriffe nicht mehr vornehmen, sofern sie keine HIV-Medikamente einnehmen.

Schwächt die HIV-Therapie eigentlich die Arbeitsfähigkeit?
Nein, auch das kann man nicht pauschal sagen. Viele fühlen sich nach Beginn ihrer Therapie sogar leistungsfähiger, weil die Virenmenge im Körper sinkt und das Immunsystem nicht mehr ständig gegen die Viren ankämpfen muss. Zudem sind die HIV-Medikamente für die meisten inzwischen so einnahmefreundlich, dass sie sich gut in den Arbeitsalltag integrieren lassen: Die Zeitfenster für die Einnahme sind groß, es gibt keine strengen Ernährungsvorgaben mehr. Das heißt, man kann die Pillen auch ganz unauffällig einnehmen, falls die Kollegen nichts mitbekommen sollen.

In den meisten Fällen erfahren Kollegen und Vorgesetzte also gar nichts von der HIV-Infektion?
Ja. Mir liegen keine belastbaren Daten vor, aber ich schätze, dass nur sehr wenige der Positiven ihre Infektion am Arbeitsplatz offenlegen.

„Eine HIV-Infektion ist sicher stärker stigmatisiert als Diabetes“

Kein Mut zur Offenheit. Das ist bedauerlich!
Ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ist es natürlich die Privatangelegenheit jedes Einzelnen, ob man etwas von seiner Krankheit erzählt. Die meisten HIV-Positiven befürchten Nachteile, wenn sie offen über ihre Infektion sprechen. Und eine HIV-Infektion ist mit Sicherheit stärker stigmatisiert als zum Beispiel eine Diabetes-Erkrankung. Erstens, weil Arbeitgeber und Kollegen eher befürchten, dass der Betroffene in Zukunftnicht mehr leistungsfähig sein könnte. Und zweitens wird mit einer HIV-Infektion scheinbar auch das Intimleben und die Lebensweise offengelegt. Die Kollegen rätseln dann: Ist er schwul? Ist sie eine „Schlampe“? Hat er Drogen gespritzt? Dieses Getuschel macht es nicht leichter, sich zu outen.

Was spricht dennoch für ein Coming-out im Job?
Ich kann jeden verstehen, der sich an seinem Arbeitsplatz nicht outen möchte. Aber langfristig wird sich an den Vorurteilen in unserer Gesellschaft nur dann etwas ändern, wenn mehr Positive sagen: Ich bin HIV-positiv, und ich kann selbstverständlich arbeiten. Aufklärung funktioniert zu einem großen Teil eben auch über persönliche Sichtbarkeit. Außerdem gibt es für den Einzelnen ja auch immer mehr als nur völliges Verschweigen oder komplettes Coming-out. Man kann zum Beispiel im Radio oder in der Zeitung anonym ein Interview geben.

Und was können Vorgesetzte und Kollegen tun, um die Situation zu verbessern?
Sie können signalisieren, dass eine chronische Krankheit kein Ausschlusskritierium für sie ist, sondern dass chronisch Kranke wichtige Erfahrungen mitbringen, die für einen Betrieb relevant sind – weil sie gelernt haben, mit einer schweren Gesundheitskrise umzugehen, und daraus gestärkt hervorgegangen sind. Ein Unternehmen kann zum Beispiel mit einer Betriebsvereinbarung zum Thema chronische Erkrankung deutlich machen, dass es in diesem Bereich nicht diskriminieren, sondern fördern möchte. Es geht darum, eine offene Atmosphäre zu schaffen. Ob der einzelne Arbeitnehmer dieses Angebot dann nutzt, bleibt aber dessen private Entscheidung.

Interview: Philip Eicker

Mehr Infos zu HIV im Erwerbsleben finden sich hier.

Ein Selbsthilfe-Angebot: die Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben

Übersicht Dossier „HIV & Arbeit“
Teil 1 | Packen wir’s an
Teil 2 | Fakten zum Arbeiten mit HIV
Teil 3 | Karriere mit HIV
Teil 4 | Vorbildliches Job-Center
Teil 5 | Die Kräfte bündeln und gemeinsame Interessen durchsetzen
Teil 6 | Schutz von Menschen mit HIV ins Gesetz!

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Dossier HIV & Arbeit 2 | Fakten zum Arbeiten mit HIV

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Redaktion

Redaktion

2 Comments

  1. Rück
    6. August 2012 at 6:57 — Antworten

    Hallo ich habe eine farge ich wolte mal fargen wan ich mit HIV in rente gehen kann? wenn namm körperlich nich meer arbeiten kann Danke.

    • Silke Eggers
      6. August 2012 at 10:00 — Antworten

      @Rück:
      Die Frage, wann man in Rente gehen kann ist pauschal nicht zu beantworten. Das hängt vom individuellen Gesundheitszustand ab und ob die Voraussetzungen für eine Erwerbsminderungsrente erfüllt sind. Hier muss immer die jeweilige Situation angeschaut werden. Daher ist es sinnvoll sich beraten zu lassen, zum Beispiel in einer regionalen Aidshilfe (Adressen: http://www.aidshilfe.de/de/adressen) und sich mit seinem Arzt zu besprechen.

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