Gesellschaft & Kultur
FILM

Die Ehre der Huren und die Würde des Menschen

Michael Glawoggers Dokumentarfilm „Whores’ Glory“ nähert sich mit nüchternem wie schonungslosem Blick dem täglichen Existenzkampf von Prostituierten in Thailand, Bangladesch und Mexiko. Von Axel Schock

Prostituierte tanzen in einem Club in Thailand

Sexarbeiterinnen in einem Club in Bangkok (Foto: Delphi Filmverleih)

Auch wer sich noch nie selbst im sogenannten Rotlichtmilieu bewegte, hat jede Menge Bilder vom „horizontalen Gewerbe“ im Kopf. Ob vom Straßenstrich in der Berliner Oranienburger Straße, von der Hamburger Reeperbahn oder von Edelpuffs in Fernsehkrimis – die reproduzierten Bilder ähneln sich immer wieder auf erstaunliche Weise, umkreisen die gleichen Orte, Motive und Klischees.

Bilder wie in „Whores’ Glory“ dagegen, dem neuen Film des österreichischen Regisseurs Michael Glawogger, hat man vorher kaum gesehen. Glawogger, der mit diesem Werk seine Trilogie über globalisierte Lebens- und Arbeitswelten („Megacities“, „Workingman’s Death“) abschließt, ist für seine Feldstudien nach Thailand, Bangladesch und Mexiko gereist. Zusammen mit seinem Kameramann Wolfgang Thaler hat er sich dort nicht in erster Linie für oberflächliche Sensationen interessiert, sondern sich die Zeit genommen, das Vertrauen der Prostituierten wie auch ihrer Kunden zu gewinnen, und damit eindrückliche Einblicke in ihren Lebensalltag bekommen.

Drei Länder, drei Religionen, drei Lebenswirklichkeiten von Prostituierten

„Fish Tank“ heißen die einem Aquarium nicht unähnlichen Glaskästen eines Bordells in Bangkok. Die jungen Frauen sitzen aufgereiht wie auf einer Tribüne und plaudern miteinander. Vor der Glasscheibe drücken sich die Männer die Nasen platt, während ein Bordellmitarbeiter die Vorzüge der einzelnen Damen erklärt. Hat sich der Kunde entschieden, wird die Nummer der Frau aufgerufen, und der Kunde bezahlt an der Kasse und entschwindet mit der Auserwählten auf ein Zimmer.

Das Treiben zeigt das „älteste Gewerbe der Welt“ im Gewand einer modernen Industrie: Zum Schichtbeginn müssen die Frauen sich an einer Stechuhr einstempeln, anschließend werden sie in einem riesigen Frisiersalon professionell zurechtgemacht, bevor sie im „Fish Tank“ Platz nehmen. Sie verdienen gut, sehr gut sogar, wie sie in den knappen Interviewsequenzen durchblitzen lassen. Wenn ihnen nach entspannter männlicher Gesellschaft ist, mieten sie sich einen Callboy für einen lustigen Abend in der Karaokebar.

Mädchen werden für ein Handgeld an das Bordell verkauft

Bordell in Indien

Nichts für Klaustrophobiker: ein Bordell in Bangladesch (Foto: Delphi Filmverleih)

Szenenwechsel: die Kleinstadt Faridpur in Bangladesch. Der Unterschied zu Bangkok könnte kaum größer sein. Mehrere hundert Frauen hausen hier auf engstem Raum in den engen Gängen und Gassen eines verschachtelten Gebäudekomplexes, dessen Name „Stadt der Freude“ wie ein Hohn klingt. Vielmehr erinnert die Anlage an eine sanierungsbedürftige Fabrik, und wie am Fließband werden auch die Kunden bedient: im Schnitt zehn Männer pro Tag.

Puffmütter lernen die Neulinge an. Manche landen gegen ihren Willen hier, von wildfremden Frauen an einer Bushaltestelle aufgelesen und gegen ein Handgeld abgeliefert. Auch das hält Glawogger mit der Kamera fest. Wenn ein Freier Oralsex wünsche, solle die Prostituierte diesen Dienst mit Hinweis auf den Koran versagen, wird dem Mädchen eingebläut. Der Mund, der die heiligen Suren des Koran spricht, soll nicht mit etwas Schmutzigem wie einem Penis in Berührung kommen. Nicht immer tummeln sich genügend Freier für alle Frauen in den Gängen, dann wird gefeilscht und geprügelt. Wer am Ende des Tages zu wenig verdient hat, muss schließlich mit Prügel der Puffmutter rechnen.

Spätestens hier, an der zweiten Station von Glawoggers Reise durch die Arbeitswelten von Prostituierten, beginnt man sich zu fragen, wie all diese farbsatten Bilder entstanden sind. Dass sich ihnen der Zuschauer nicht entziehen kann, ist ohnehin bereits nach wenigen Filmminuten klar. Glawogger verzichtet auf jeglichen Kommentartext und lässt allein die Frauen und noch mehr seine Bilder sprechen. Stilisiert, fast zu perfekt wirken sie bisweilen und füllen ohne Probleme auch die größte Kinoleinwand. Die Kamera erfasst die Räume und damit zugleich ein Stück weit die Strukturen: das so futurisch wie absurd wirkende Aquarium in Thailand, die schmutzig-dunklen Zimmerverschläge in Bangladesch, in die nie auch nur ein Sonnenstrahl fallen wird. Glawogger hat offensichtlich ein Vertrauen zu den Beteiligten herstellen können, das ihm die Türen öffnete und selbst die Freier ganz ungezwungen und unverstellt verhalten ließ.

„Whores’ Glory“ enthält sich vordergründiger Bewertungen und lässt allein seine Bilder sprechen

Entlarvend die Sexprotzerei jener Männer, die mit ihren Pick-ups durch die staubigen Straßen der „Zona de Tolerancia“, des Sperrbezirks von Reynosa an der amerikanisch-mexikanischen Grenze schleichen. Mit solchen Kerlen werden es die Frauen später in ihren Zimmern zu tun haben. Die eine betet vor ihrem Hausaltar, eine andere, bereits weit über 70, presst ihren schweren, welken Körper ins Korsett. Andere feiern, von Crack benebelt, mit Kolleginnen den Feierabend.

Michael Glawogger enthält sich einer vordergründigen Bewertung und Positionierung. Weder verdammt er die Prostitution an sich, noch deklassiert er die Freier unisono als frauenfeindliche Ausbeuter oder beschreibt die Prostituierten als Opfer sozialer Missstände. Die mexikanischen Frauen zeigen sich selbstbewusst und geschäftstüchtig: Knallhart wird die Verhandlung mit dem Freier geführt und minutengenau die gezahlte Dienstleistung geliefert.

Frauen in einem "Fish Tank" in  Bangkok warten auf Freier.

Frauen in einem „Fish Tank“ in Bangkok warten auf Freier. (Foto: Delphi Film Verleih)

Glawogger geht es in erster Linie stets um die Atmosphäre und nicht um die journalistische Analyse. So kommt es, dass Aspekte wie Zwangsprostitution oder Aids von ihm auch nicht vordergründig thematisiert werden. Ein einziges Mal nur fällt das Wort „Aids“. Gesprochen oder besser gebrüllt wird es von einem Freier, der in seinem Truck durch die „Zona“ brettert. „Diese Scheiß-Nutten wollen nicht ohne Kondom blasen!“, echaufiert er sich, bis er sich offensichtlich wieder der Gegenwart der Kamera bewusst wird. „Scheiß Aids“, setzt er schnell hinzu.

„Ich habe einen Film über Prostitution gemacht, nicht über Verbrechen in der Prostitution“, erklärt Glawogger in einem Interview. „Prostitution braucht keine Rechtfertigung. Solange es nicht zu verbrecherischen Übergriffen kommt oder sie unter Zwang ausgeübt wird, ist sie ein Gewerbe und sollte auch so geregelt werden.“

Doch so pragmatisch und ausschnitthaft, wie Glawogger sich in Interview selbst gibt, ist sein Film dann letztlich doch nicht. Er weiß um die Wirkung von Bildern und die Macht der Worte, und seien es nur wenige und so leise und schüchtern gesprochen wie von der jungen Prostituierten in der „Stadt der Freude“. „Ich würde noch gerne etwas sagen“, sagt sie am Ende des Interviews. „Wir Frauen sind alle sehr unglückliche Wesen. Warum“, fragt sie Michael Glawogger, „müssen wir mit so viel Leid leben? Gibt es für uns keinen anderen Weg, um zu überleben?“ Der Regisseur gibt ihr in dieser Situation keine Antwort, sein Film vermag es ebenso wenig. Aber er reicht die Frage an die Zuschauer weiter, mit nachhaltiger Wirkung. So schnell bekommt man weder die großartigen und verstörenden Bilder noch die Stimme dieser jungen Frau aus dem Kopf.

 

„Whore’s Glory – Ein Triptychon zur Prostitution“. Deutschland/Österreich 2011. Regie: Michael Glawogger. Kamera: Wolfgang Thaler. Schnitt: Monika Willi. Musik: PJ Harvey, CocoRosie, Maike Rosa Vogel, Konstantin Gropper. 118 Minuten, OmU. Kinostart: 29.9. 2011

Trailer zu „Whore’s Glory“

Internetseite des Films: www.whoresglory.de

Das Buch zum Film ist im Verlag Orange-Press erschienen.

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

2 Comments

  1. Bibi
    25. Januar 2013 at 10:12 — Antworten

    Die Worte dieses Mädchens aus der „Stadt der Freude“ gehen mir in der Tat nicht mehr aus dem Kopf ;( der Ausdruck in ihrem traurigen, hübschen Gesicht.
    Ich bin erschüttert und traurig, weil ich so gerne helfen würde, aber nicht weiß wie. Ich grüble hin und her und fasse es nicht, es ist einfach nur schrecklich 🙁
    Prostitution an sich ist ja (vielleicht) nichts schlechtes, aber so wie es dort abläuft … das tut mir in der Seele weh, diese armen Mädchen, warum????
    Als Mutter dreier Kinder, ist es mir unbegreiflich wie man seiner Tochter so etwas antun kann!
    Andere Länder andere Sitten … aber soetwas hat auf dieser Welt nichts verloren, grausam.
    Der Film ist sehr gelungen, öffnet hoffentlich vielen Leuten die Augen und lässt durch den Blick hinter die Fassade einen völlig anderen Eindruck aufkommen, als ihn viele Männer (Freier generell) eigentlich wahrhaben wollen -hoffentlich.
    Am Liebsten würde ich das arme Mädel „freikaufen“, sie adoptieren und in eine bessere Welt holen, ihr eine Ausbildung usw ermöglichen und ihr vor Allem die Möglichkeit geben ihr Leben selbst zu bestimmen. …ein Tropfen auf dem heißen Stein…
    Wenn es doch so einfach wäre.
    Es gibt soviele von diesen tragischen Schicksalen … selbst dies würde das Kernproblem natürlich leider nicht beseitigen/lösen.
    Dieses Wissen, wie schwer es diese Mädchen haben und die Gewissheit, dass sich wohl leider nichts daran ändern wird, … ich kann meine Gefühle gerade nicht einmal in Worte kleiden … ich bin schockiert. Uns hier geht es so gut, dass wir zu selten dankbar sind und zu wenig an die Menschen denken die unschuldig in so ein schweres Leben gezwungen werden. Leider.
    Diese Machtlosigkeit macht mich fassungslos ;(
    Falls es dennoch etwas gibt, womit ich helfen könnte, ich würde es tun!
    Leider gibt es überall auf dieser Welt unzählige Menschen in diversen schwierigen, grausamen Situationen … und viel zu wenige Menschen die sich dafür interessieren und dann auch noch helfen wollen/können.

  2. seewe
    10. Juni 2013 at 23:02 — Antworten

    sie können helfen!

    somaly mam foundation(www.somaly.org)
    siehe auch sdz 8.juli 2011 – GELD –
    „seit meiner zeit im bordell fühle ich mich tot“

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