Global
Vancouver-Erklärung

„Wir befinden uns abermals an einem Wendepunkt“

1996 wurden in Vancouver erstmals Ergebnisse von Studien zur hoch wirksamen ART vorgestellt. Jetzt, 19 später, haben internationale Akteure in der kanadischen Stadt am Pazifik rasches Handeln zur Eindämmung der HIV-Epidemie gefordert.

Zur Eröffnung der 8. Konferenz der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) am 19 Juli 2015 haben führende Organisationen der globalen HIV-Prävention den „Vancouver Consensus“ präsentiert. Die unter anderem vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, dem Notfallplan des US-Präsidenten zur Bekämpfung von AIDS (PEPFAR) und dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zu HIV/Aids (UNAIDS) unterzeichnete Erklärung soll Druck auf internationale Geldgeber und Regierungen ausüben, verstärkte Anstrengungen in den Bereichen Behandlung und Prävention zu unterstützen. Um die in der „Gemeinsamen Vancouver-Erklärung“ formulierten Anliegen zu bekräftigen, haben Vertreter und Vertreterinnen der internationalen HIV-Community die Canadian Declation by Persons living with HIV verfasst.

Im Folgenden geben wir den vollständigen Wortlaut der „Gemeinsamen Vancouver-Erklärung“ sowie der „Kanadischen Erklärung von Menschen mit HIV“ in deutscher Übersetzung wieder:

GEMEINSAME VANCOUVER-ERKLÄRUNG

1996 versammelte sich die internationale HIV-Gemeinschaft in Vancouver, um die Erkenntnis zu teilen, dass mit der antiretroviralen Dreier-Kombinationstherapie die Zahl der Todesfälle durch Aids eingedämmt werden kann. Die Ära der Behandlung hatte begonnen. Heute versammeln wir uns erneut in Vancouver und erkennen, dass wir uns abermals an einem Wendepunkt der Aidsbekämpfung befinden.

Unter Nutzung des in den vergangenen zehn Jahren gesammelten Wissens hat die START-Studie ihre ersten Ergebnisse veröffentlicht. Diese zeigen: Statt eine Verschlechterung der Immunlage abzuwarten, kann durch eine frühzeitige antiretrovirale Therapie (ART) die Chance, gesund zu bleiben und die Krankheit zu überleben, mehr als verdoppelt werden. Das Angebot eines sofortigen Therapiebeginns wird außerdem durch Studien gestützt, wonach antiretrovirale Medikamente die HIV-Übertragung von Infizierten auf ihre negativen Partner verhindern können. Außerdem ist belegt, dass infektionsgefährdete Menschen durch die vorbeugende Einnahme antiretroviraler Medikamente effektiv geschützt werden können.

„Sofortiger Zugang zur HIV-Therapie und Zugang zur PrEP weltweit“

Die medizinischen Erkenntnisse sind eindeutig: Alle Menschen mit HIV müssen sofort nach der Diagnose Zugang zur antiretroviralen Therapie erhalten. Zugangshindernisse durch Gesetze, Politik und Vorurteile müssen angegangen und beseitigt werden. Und als Teil kombinierter Präventionsbemühungen muss die PrEP zugänglich gemacht werden, um diejenigen zu schützen, die ein hohes HIV-Risiko haben. Der strategische Einsatz der ART – durch Behandlung und andere präventive Ansätze – kann Millionen Menschenleben retten und uns unserem Ziel, die Epidemie zu beenden, einen gewaltigen Schritt näherbringen. Eine neue Ära der Möglichkeiten gegen diese Epidemie ist angebrochen, und wir müssen die Gelegenheit nutzen.

Die Wissenschaft hilft uns, ein Ziel zu erreichen, das einst als kaum erreichbar galt: 15 Millionen Menschen weltweit sind aktuell unter antiretroviraler Therapie, und seit dem Jahr 2000 sind durch weltweiten Aktivismus, durch politischen Willen und die Wissenschaft acht Millionen Todesfälle verhindert worden. Es ist an der Zeit, diejenigen 60 Prozent der Menschen mit HIV zu erreichen, die keinen Zugang zur Behandlung haben, einschließlich der 19 Millionen, die ihren HIV-Status noch nicht kennen. Wir müssen sicherstellen, dass die Entscheidung für eine ART individuell getroffen wird und dass alle Menschen, ungeachtet der gesellschaftlichen oder rechtlichen Stellung, der Rasse, des Geschlechts oder des Wohnorts, Zugang zu wirksamer Behandlung und Prävention haben. Weil die Medizin nicht isoliert arbeiten und die ART allein Aids nicht beenden kann, brauchen wir dringend eine umfassende, gemeinschaftliche Reaktion, die auf unterversorgte Gruppen fokussiert.

„Weitere Verzögerungen gefährden Millionen Menschenleben“

Die Welt muss schnell handeln, um HIV-Neuinfektionen, Todesfälle und langfristige Kosten einzudämmen. Wir sind jedoch besorgt, weil die globale Antwort auf Aids unzureichend finanziert und die Behandlungsrationierung allzu häufig Praxis ist. Nur in zehn Ländern besteht formell die Möglichkeit, bei Menschen mit HIV-Diagnose umgehend eine Behandlung einzuleiten. Viele haben die WHO-Empfehlung, bei 500 CD4-Zellen mit der Behandlung zu beginnen, auch Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch nicht vollständig umgesetzt. Weitere Verzögerungen gefährden nicht nur Millionen Menschenleben, sondern fördern auch ein Wiederaufflammen dieser Pandemie.

Wir appellieren an die Entscheidungsträger dieser Welt, HIV-Forschung zu betreiben und allen Menschen mit HIV den Zugang zu sofortiger Behandlung zu ermöglichen. Wir appellieren an die Geldgeber und Regierungen, vorhandene finanzielle Ressourcen dafür einzusetzen, die bestmögliche Wirkung zu erzielen, und weltweit ausreichende Mittel bereitzustellen, um den Zugang zur antiretroviralen Therapie für alle, die 90-90-90-Ziele der Vereinten Nationen für Testung, Behandlung und Therapietreue sowie eine umfassende Antwort auf HIV zu verwirklichen. Wir appellieren an die Klinikärzte, Versorgungsmodelle aufzubauen, die über die stationäre Versorgung hinausreichen und all jene erreichen, die eine ART möchten und brauchen. Wir appellieren an die Zivilgesellschaft, sich für einen rechtlich verankerten Zugang zur Behandlung für alle einzusetzen.

Die Wissenschaft hat Lösungen bereitgestellt. Die Welt muss sich nun fragen: Wann werden wir sie in die Tat umsetzen?

KANADISCHE ERKLÄRUNG VON MENSCHEN MIT HIV

Erklärung von Menschen mit HIV und von HIV betroffenen Communities zur Unterstützung der Gemeinsamen Vancouver-Erklärung (2015)

Die Kanadische Erklärung von Menschen mit HIV (2015) soll zeigen, dass die Community die Gemeinsame Vancouver-Erklärung (2015) unterstützt. Außerdem soll sie bekräftigen, dass die Leitwerte der Menschen mit HIV und der besonders von der Epidemie betroffenen Communities in den gesamten Ablauf der Antwort auf HIV sinnvoll und gleichberechtigt einbezogen werden müssen. Die Kanadische Erklärung von Menschen mit HIV basiert auf den Denver-Prinzipien (1983), dem Montreal-Manifest (1989) und der Toronto-Charta (2006) sowie auf weiteren Erklärungen, die die historischen Antworten auf HIV als eine weltweite, von der Community getragene Bewegung geprägt haben.

Diese Erklärung wurde von Menschen mit HIV und ihren Mitstreitern verfasst, die an der 8. Konferenz zur Pathogenese, Behandlung und Prävention der HIV-Infektion (IAS 2015) teilgenommen haben.

„Gebraucht wird eine weltweite Antwort, die die Menschenrechte respektiert“

Wir, Menschen mit HIV und von HIV betroffene Communities, erwarten von den Schlüsselakteuren – uni- und multilaterale Organisationen*, Geldgeber, Regierungen, Entscheidungsträger, Klinikärzte, Wissenschaftler, Forscher, Pharmahersteller und zivilgesellschaftliche Organisationen –, dass sie die Gemeinsame Vancouver-Erklärung (2015) annehmen und das Ziel, allen Menschen mit HIV-Diagnose Zugang zur antiretroviralen Therapie (ART) zu ermöglichen und die ART zur strategischen Nutzung für Behandlung und Prävention in den am stärksten betroffenen Gruppen bereitzustellen, in die Tat umsetzen. Wir erklären:

Die 90-90-90-Ziele lassen sich nur durch eine umfassende, von der Community getragene weltweite Antwort erreichen, die die Menschenrechte der HIV-Positiven und der von HIV betroffenen Gruppen respektiert.

Im Einzelnen:

  • Werden HIV-Tests für Testwillige besser zugänglich gemacht, ist darauf zu achten, dass sie nur mit dem persönlichen Einverständnis und nach einer Beratung durchgeführt und nicht durch Nötigung aufgezwungen werden.
  • Auch wenn der Zugang zu den effektivsten antiretroviralen Therapien für alle HIV-positiv Getesteten sichergestellt wird, liegt die letzte Entscheidung für den Therapiebeginn weiterhin bei den Patienten.

„Die Entscheidung für den Therapiebeginn liegt weiterhin bei den Patienten“

  • Die Behandlung und Betreuung von Menschen mit HIV muss kultur- und geschlechtssensibel sowie frei von Vorurteilen und Diskriminierung sein.
  • Die strategische Nutzung der ART in Behandlung und Prävention, wie etwa die PrEP, muss allen besonders betroffenen Gruppen ermöglicht werden, zum Beispiel Menschen, die Drogen spritzen, Inhaftierten, Prostituierten, Trans-Menschen, Männern, die Sex mit Männern haben, und Menschen in serodiskordanten Beziehungen.
  • Zu berücksichtigen ist, dass es manchen HIV-Positiven aufgrund von schwierigen sozialen oder strukturellen Bedingungen nicht möglich ist, eine Behandlung zu beginnen oder die Therapievorschriften zu befolgen. Dazu zählen unter anderem geschlechsspezifische Gewalt, Kriminalisierung der Prostitution und des Drogenkonsums oder der Mangel an bezahlbaren Wohnungen.
  • Manchen HIV-Positiven wird es aus biologischen Gründen vielleich nicht gelingen, eine niedrige oder nicht mehr nachweisbare Viruslast zu erreichen. Das darf nicht dazu genutzt werden, die Menschenrechte von HIV-Positiven weiterhin zu verletzen, beispielsweise durch Sanktionen des Gesundheitswesens oder des Staates oder durch ein erhöhtes Kriminalisierungsrisiko, wenn jemand nicht in der Lage ist, seinen HIV-Status offenzulegen.

Angesichts der Bemühungen der weltweiten HIV-Bewegung, die 90-90-90-Ziele zu erreichen, fordern wir, die für die HIV-Behandlung und -Prävention bestimmten Finanzmittel aufzustocken und die Communities verstärkt dabei zu unterstützen, die Zugangsbarrieren zu Behandlung und Tests, die sich negativ auf die betroffenen Bevölkerungsgruppen und Communities auf der ganzen Welt auswirken, zu beseitigen.

  • Sicherzustellen ist der Zugang zu einer breiten Palette ganzheitlicher Gesundheitsangebote. Dazu gehören spezialisierte Leistungen der kinderärztlichen Versorgung, der Gesundheitsfürsorge für Mütter, der Altenpflege, der Behandlung von Koinfektionen, ergänzende und alternative Therapien sowie Behandlungs- und Betreuungsansätze, wie sie in verschiedenen Kulturen als Ergänzung der ART praktiziert werden.
  • Forscher sind gehalten, Menschen mit HIV in jede Phase aller Arten von Forschungsprojekten in sinnvoller Funktion einzubeziehen. Das gilt unter anderem für klinische Studien, Community-basierte Forschung und Grundlagenforschung, die zu einer Heilung der HIV-Infektion führen könnte.

„Menschen mit HIV sind in alle Forschungsprojekte einzubeziehen“

  • Forscher und Wissenschaftler sollten stets darauf achten, dass sie den dringendsten Anliegen von Menschen mit HIV höchste Priorität geben. Zugleich sind erfolgreiche Pilotprojekte auszuweiten oder zu starten, ohne dagegen einzuwenden, dass zur Maximierung des Nutzens für Menschen mit HIV und die betroffenen Communities weitere Studien erforderlich seien.

Um die 90-90-90-Ziele tatsächlich zu erreichen oder sogar zu übertreffen, müssen Wissenschaft, Forschung, Medizin und pharmazeutische Industrie, politische Entscheidungsträger, internationale und staatliche Körperschaften sowie Geldgeber mit HIV-Positiven und Aktivisten als ihren Verbündeten zusammenarbeiten, um mehr als nur die biomedizinischen Aspekte von HIV angehen zu können. Wir müssen uns alle verpflichten, die sozialen und strukturellen Hindernisse abzubauen und zu beseitigen, durch die Menschen weiterhin HIV-Infektionsrisken ausgesetzt werden und die die Epidemie weiter antreiben.

In Solidarität,
die Unterzeichner

* Anm.d.Red: Unilaterale Organisationen arbeiten mit einem Staat, multilaterale Organisationen mit mehreren Staaten zusammen.

 

 

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