Szene & Community
HIV & Aktivismus

„Wir wollen Sexismus und Gewalt nicht länger ertragen“

Anna Ariabinskaia ist in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geboren und aufgewachsen. Dort setzt sie sich heute in der Community von Frauen, die mit HIV leben, ein.

In der Organisation „Позитивные женщины“ (übersetzt „Positive Frauen“) ist Anna Ariabinskaia für die Koordination der Organisationsentwicklung verantwortlich. Das Ziel von „Positive Frauen“ ist, mithilfe der Zusammenführung von bestehenden Fraueninitiativen, Frauen in Führungspositionen zu fördern und auf die öffentliche Meinung so Einfluss zu nehmen, dass die Bedingungen für die Entwicklung und Selbstverwirklichung von Frauen verbessert werden – insbesondere für von HIV-betroffene Frauen. Anna Ariabinskaias Hauptaufgaben sind die Mobilisierung und Weiterentwicklung der Community, insbesondere die Förderung geschlechtsspezifischer Angebote für Frauen mit HIV in der Ukraine: soziale Unterstützung und Unterstützung bei der Akzeptanz und Offenlegung des HIV-Status, Abbau von Hindernissen für den Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten, Bekämpfung institutioneller und geschlechtsspezifischer Diskriminierung sowie körperlicher und sexueller Gewalt. Darüber hinaus setzt Anna sich für den Schutz von Menschenrechten und die Bekämpfung von mehrfacher Diskriminierung von Frauen in der Ukraine ein.

Warum engagierst du dich? (Wie sieht dein Engagement aus? Was willst du verändern und wo siehst du Lücken?)

Ich bin eine Aktivistin, die sich für Geschlechtergerechtigkeit und die Prinzipien des Feminismus einsetzt. Für mich ist Feminismus ein Kampf für das Recht einer Frau, wie ein Mensch behandelt zu werden und nicht wie ein sexuelles Objekt. Eine Person mit gleichen Rechten und Pflichten, mit gleicher Verantwortung, wie Männer. Die Geschlechtergerechtigkeit ist meine Chance, ich selbst zu sein, wählen zu können: Möchte ich Karriere machen oder eine eigene Familie gründen? Will ich diese beiden Rollen vereinbaren oder andere wählen? Sowohl Männer als auch Frauen und andere, die das binäre Bild der Welt erweitern, sollen diese Wahl haben können.

Ich bin gegen rechtsextreme, häusliche, sexuelle, wirtschaftliche, psychologische und jede andere Gewalt. Leider lässt sich in letzter Zeit in der Ukraine beobachten, wie der nächste Konservatismus Zulauf bekommt und die „Antigender“-Bewegungen erstarken. Gerade das sind die Themen, die für mich jetzt besonders relevant sind. Durch meine Arbeit und meinen persönlichen Lebensweg versuche ich, auf die Gewalt und Stigmatisierung aufmerksam zu machen, die Frauen, die mit HIV leben, regelmäßig erleben.

Welche Erfolge/Verbesserungen hast du in deiner Arbeit erreichen können? Was war das Highlight in deiner aktivistischen Arbeit?

„Positive Frauen“ beteiligen sich aktiv an der Organisation des Frauenumzugs 2020 am 8. März in Kiew, der uns alle zu einem gemeinsamen Ziel zusammenkommen lässt: Frauen in der Gesellschaft sichtbar machen und ihre Forderung nach der Ratifizierung der Istanbuler Konvention durch unseren Staat unterstützen.

Welche Verbesserung der Frauenrechte wünschst du dir bis zum Jahr 2030?

Im Sommer 2019 haben „Positive Frauen“ eine Gesetzänderung durchsetzen können, durch die alle Frauen, die mit HIV leben, das Angebot der künstlichen Befruchtung für sich nutzen können (siehe Beschluss des Gesundheitsministeriums Nr. 933 vom 24. April 2019). Für mich war dieser Moment ein Durchbruch in der politischen Arbeit der Organisation. Solche Momente sind so inspirierend, dass ich wieder bereit bin, jahrelang dafür zu arbeiten, die Lebensqualität zu verbessern und für unsere Rechte zu kämpfen.

Wie sollte deiner Meinung nach feministischer Aktivismus (in einer global vernetzten Welt) in Zukunft aussehen?

Wir haben uns in unserer Organisation ehrgeizige Pläne für die Zukunft gesetzt. Wir möchten Frauen in Führungspositionen besser unterstützen. Außerdem wollen wir mit unserer Arbeit zur Entkriminalisierung von Menschen, die mit HIV leben, beitragen und dafür kämpfen, dass die Mutter-Kind-Übertragung von HIV und Syphilis reduziert und letztlich auf 0 gesenkt wird. Auch unsere Arbeitsschwerpunkte möchten wir erweitern.

Wir sind müde von der systematischen Ungerechtigkeit. Wir Frauen in der Ukraine wollen Arroganz, Vernachlässigung, Sexismus, sexuelle Objektivierung und Gewalt nicht länger ertragen. In der Politik, bei Entscheidungsfindungen, bei der Vergütung und auch in der Familie brauchen wir bessere Bedingungen. Meine Vorstellung von feministischem Aktivismus in der Zukunft liegen deswegen auf der Ebene der Online-Technologien – in den mächtigen Internet-Communitys auf globaler Ebene, die gemeinsame Ziele setzen und Einfluss auf die Meinungen in der Gesellschaft nehmen können. Eines meiner Ziele ist, Stigmatisierung zu beseitigen und „0“-Diskriminierung zu erreichen.


Aus dem Russischen übersetzt von Ljuba Böttger und Alexandra Gurinova

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