Ende Mai trafen sich HIV-Aktivistinnen und -Aktivisten aus Russland sowie West- und Mitteleuropa in St. Petersburg. Peter Wiessner war für die European AIDS Treatment Group dabei. Er berichtet, welch hohen Preis Menschen mit HIV für russisches Prestigedenken und die Korruption zahlen müssen:

Russland vor dem Behandlungsinfarkt
Aus Eitelkeit: Russland steht vor dem Behandlungsinfarkt (Illustration: Gerd Altmann/Wilhelmine Wulff, pixelio.de)

In Russland werden derzeit zirka 100.000 Menschen mit HIV behandelt, nach Angaben der Behörden sollen weitere 100.000 behandlungsbedürftig sein. So genau weiß das niemand, da es keine verlässlichen Erfassungssysteme gibt. HIV-Aktivisten vermuten, dass der Bedarf sogar noch weit höher ist.

Ende 2009 hatte der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria erklärt, dass Russland aufgrund der Einkommensentwicklung künftig kein Empfängerland mehr sein könne, und das Auslaufen der Förderung für Ende 2011 angekündigt. Seither kommt es in dem Land immer wieder zu Behandlungsunterbrechungen, weil keine Medikamente mehr auf Lager sind.

Die russische Regierung bezahlt zwar die Behandlungskosten, aber die Medikamentenpreise gehören zu den höchsten in ganz Europa. Dabei hätte die Regierung eigentlich alle Möglichkeiten, mit der Industrie niedrigere Preise auszuhandeln oder auch auf Generika zurückzugreifen. Dass dies nicht geschieht, mag damit zusammenhängen, dass sich das Land darin gefällt, nicht mehr als Entwicklungsland wahrgenommen zu werden. Doch dieses Prestigedenken hat seinen Preis. Das gilt auch für den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO), welcher Ende 2011 nach 16 Jahren Verhandlungen erfolgte – für die Regierung ein wichtiger Marker für den Aufstieg des Landes. Die Kehrseite: Die Patentrechte Russlands sind durch den Beitritt angeglichen – was im Endeffekt die Möglichkeiten begrenzt, Medikamente billiger zu erhalten.

Das russische Prestigedenken kostet Menschenleben

Das größte Problem scheint aber Missmanagement und Korruption zu sein: Häufig kommt es zu Engpässen, aufgrund fehlender Erfassung ist den Behörden schlichtweg nicht bekannt, wie viele Medikamente gebraucht werden. Und es könnte noch schlimmer kommen: Das russische Gesundheitsministerium erwägt momentan, die Beschaffung der Medikamente zu dezentralisieren und den 86 Regionen zu übertragen. Man kann nur hoffen, dass dies nicht geschieht. Rumänien beschritt vor einigen Jahren denselben Weg – mit dem Ergebnis, dass die Medikamente innerhalb kurzer Zeit erheblich teurer wurden. Wenn in Russland von heute auf morgen 86 Stellen in den Einkauf und Vertrieb von Medikamenten involviert wären, dürfte sich auch die Bezahlung von Bestechungsgeldern um den Faktor 86 potenzieren. Auch dies treibt die Kosten nach oben! Die für den Vertrieb und die Bestellung verantwortlichen Personen können außerdem gar nicht an billigeren Medikamenten interessiert sein: Je teurer ein Medikament ist, desto höher ist schließlich ihre Gewinnspanne.

Für Menschen mit HIV bringt das beschriebene Missmanagement erhebliche Unsicherheiten mit sich. Damit eine HIV-Therapie auf lange Sicht erfolgreich sein kann, müssen die Medikamente regelmäßig eingenommen werden – Unterbrechungen können zu Resistenzen führen, sodass die Medikamente schließlich nicht mehr wirken und ausgetauscht werden müssen. An einer funktionierenden Therapie dagegen, die vom Patienten gut vertragen wird, sollte man dagegen niemals etwas ändern. Die HIV-Aktivistin Larisa Solovieva aus Kaliningrad berichtete aber, dass die Behandlung einiger der von ihr betreuten Patienten umgestellt werden musste, weil das Medikament Kaletra nicht mehr erhältlich ist. Und ein teilnehmender Pharmazeut sprach davon, dass in den kommenden Wochen das Präparat Combivir ausgehen könnte – man warte noch auf eine Lieferung und hoffe, dass sie rechtzeitig eintrifft.

Das größte Problem sind Missmanagement und Korruption

Mit den Patienten wird darüber aber nicht offen gesprochen. Ein Arzt würde sich nicht die Blöße geben und den wirklichen Grund einer Therapieumstellung nennen. Stattdessen werden andere Gründe vorgeschoben – mit negativen Auswirkungen auf das Vertrauensverhältnis. Außerdem fehlen anerkannte Therapierichtlinien, sodass viele Ärzte suboptimal behandeln. Insgesamt scheint das Arzt-Patient-Verhältnis in Russland sehr hierarchisch geprägt zu sein: Da wird nicht diskutiert und erklärt wie bei uns. Der Arzt gibt eine Richtung vor, der Patient hat zu gehorchen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, doch im Grunde sind das die gleichen Mechanismen, die auch einen Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft verhindern.

Wir kommen aus einem Land, das eine erfolgreiche HIV-Prävention durchsetzten konnte: Oberstes Prinzip ist, die am stärksten von HIV bedrohten und betroffenen Gruppen (z. B. schwule Männer und Drogengebraucher) zu integrieren, ihre Erfahrungen als Reichtum wahrzunehmen und auf ihre Stimme zu hören. In Russland dagegen werden schwule Männer und Drogengebrauchende von Politik und Gesellschaft gering geachtet, diskriminiert, verfolgt, manchmal eingesperrt. Als gleichberechtigte und wertvolle Partner kommen sie jedenfalls nicht in Frage.

Die Zivilgesellschaft ist nicht erwünscht

Auch der Einfluss zwischenstaatlicher Organisationen wie UNAIDS oder der Weltgesundheitsorganisation ist begrenzt. Die russische Regierung verbittet sich jegliche Einmischung, glänzt bei wichtigen Konferenzen durch Abwesenheit und lässt stattdessen lieber warme Worte auf geduldiges Papier drucken. Diese Ignoranz gegenüber den Erfahrungen anderer Länder und Institutionen ist tödlich – sie kostet Menschen das Leben.

Schlecht ist es auch um die rechtliche Absicherung für wichtige Präventionsmaßnahmen bestellt: Die Substitution von Drogengebrauchenden, bei uns als Therapie und als wichtiger Beitrag zur Vermeidung von HIV-Infektionen anerkannt, ist in Russland verboten. Für ein Land, in dem sich HIV vor allem unter Drogengebrauchenden ausgebreitet hat, hat dies katastrophale Auswirkungen. Und die Aufklärung zu Homosexualität bei Jugendlichen wird in St. Petersburg und anderen Regionen als „Propaganda“ denunziert und strafrechtlich verfolgt. Derzeit wird diskutiert, dieses Gesetz auf ganz Russland auszuweiten, Hardliner möchten das „Propaganda-Gesetz“ sogar generell auf das Thema Sexualität anwenden. Kaum auszumalen, was dies für eine Gesellschaft bedeutet, die eigentlich offen und aufgeklärt sein könnte.

Armes reiches Russland!

 

Weitere Informationen

Beitrag zum Auslaufen der Global-Fund-Finanzierung für Russland auf talkingdrugs.org vom 3.11.2009 (in englischer Sprache)

„Neue russische Verhältnisse“ – Antihomosexuelle Gesetze und  HIV-Prävention in Russland (DAH-Blog, 13.1.2012)

„Ich möchte eine Wahl haben“ – Substitutionstherapie in Russland (DAH-Blog, 2.12.2011)

„Keine HIV-Medikamente mehr“ – Medikamenten-Engpässe und Behandlungsunterbrechungen (DAH-Blog, 14.10.2011)

UNAIDS-Informationen zum Thema Patente und Zugang zur antiretroviralen Therapie (PDF-Datei in englischer Sprache)

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