Scham gilt als lästiges Thema. Der Berliner Therapeut Stephan Konrad Niederwieser argumentiert, warum es, gerade für Menschen, die aus der gesellschaftlichen Norm fallen, sinnvoll ist, sich mit Scham auseinanderzusetzen.              

Du brauchst dich doch nicht dafür zu schämen, dass du schwul bist

Im alltäglichen Diskurs wird Scham als Gefühl verstanden, für das ein kognitiver Umgang vorgeschlagen wird: „Du brauchst dich doch nicht dafür zu schämen, dass du schwul bist.“ Natürlich gibt es aber nicht die eine Scham und deshalb auch nicht den einen Umgang damit. Aber aus meiner langjährigen therapeutischen Erfahrung greift der Versuch, Scham mit kognitiven Mitteln zu begegnen nicht aus. Und das fängt schon damit an, dass ich Scham nicht für ein Gefühl halte. Scham ist nämlich weit mehr als das, am ehesten könnte man es als psychobiologischen Prozess verstehen. Aber mal langsam. Der Irrtum fängt schon damit an, dass man sich sehr wohl schämen kann, ohne auch nur irgendetwas zu fühlen. Man kann nämlich dissoziieren, und da fühlt man gar nichts, außer vielleicht ein wenig muskulärer oder emotionaler Anspannung. Wie Scham wahrgenommen wird, ist dabei hoch individuell. Und um es gleich vorweg zu sagen: Die meisten Menschen nehmen gar nicht wahr, dass sie sich schämen.

Scham ist kein Gefühl

Wenn Scham kein Gefühl ist, was ist es dann? In meinem Buch Nie mehr schämen. Wie wir uns von lähmenden Gefühlen befreien führe ich die Leser:innen Schritt für Schritt dorthin zu erkennen, dass Scham eigentlich ein Mechanismus ist. Ein Werkzeug, eine Klemme, die dazu dient, uns von unseren gesunden Kapazitäten abzuschneiden, sie nicht mehr wahrzunehmen oder gar zu leugnen, zu verdammen, zu hassen.

Einfaches Beispiel: Bedürftigkeit. Interessant, dass die sonst so eloquente deutsche Sprache für dieses natürlichste aller menschlichen Bedürfnisse nur einen Begriff bereithält, der so negativ belegt ist. Wir sind nämlich bedürftig. Bedürftigkeit ist ganz natürlich. Wenn unsere Bedürfnisse nicht gestillt werden würden, würden wir sterben. Als Kinder sowieso, aber auch für Erwachsene hätte das Folgen. Menschlicher Kontakt ist so wichtig, dass Isolation nicht nur emotionale Folgen nach sich zieht, sondern sogar massive körperliche  Symptome hervorbringen kann.

Schamempfindlichkeit wurzelt oft in frühen Erfahrungen. Bekommen Kinder ihre Bedürfnisse gestillt, erleben sie sich in einer Welt der Fülle, in der sie bekommen, was sie brauchen. Und sie brauchen viel. Jemanden, der sie pflegt, nährt, erkennt, spiegelt, mit ihnen spielt, für sie sorgt, ihnen Sicherheit bietet, sich an ihnen erfreut und vieles mehr. Wachsen sie in so einem Umfeld auf, lernen sie, dass es selbstverständlich ist zu brauchen und dass sie darum bitten dürfen. Aufgrund der erfahrenen Fülle, ist es dann auch nicht schlimm, wenn sie etwas nicht bekommen. Weil sie ja sicher sind, dass ihr Bedürfnis später oder an anderer Stelle oder von einer anderen Person erfüllt wird.

Leider wachsen nur wenige Menschen unter derartigen Bedingungen auf. Bis vor gar nicht langer Zeit zählte es zu den üblichen Erziehungsmethoden, Kinder schreien zu lassen, um sie nicht zu verziehen, um ihren Willen zu brechen und so weiter. In der ehemaligen DDR wurden Kinder oft schon früh in Krippen gegeben, auch schon im Alter von gerade mal 14 Tagen. Es gab sogar Wochenkrippen. Überall in Deutschland wurde nach der Uhr gefüttert, es gab Töpfchentraining und maßlose Ansprüche an Kinder, wann sie krabbeln, gehen, sprechen, lesen, schreiben und ihre erste Fremdsprache können sollen. Heutige Kleinkinder haben, eigenen Beobachtungen zufolge, häufig das Problem, dass sie mit den Sozialen Medien konkurrieren müssen, weil vielen Eltern das Handy wichtiger scheint als der Kontakt zu ihrem Kind.

Wie sich Scham äußert

Scham findet auf mannigfaltige Weise Ausdruck: Auf der Empfindungsebene kann sie wie ein Brennen wahrgenommen werden, bei manchen geht sie mit einem körperlichen Schmerz, mit plötzlichem Kraftverlust (“Mir gehen die Knie durch”), ja sogar mit einem Vernichtungsgefühl einher. Scham wirkt sich auf die Körperhaltung aus: Schultern nach vorn gerollt, Knick im Nacken, Knie nach innen gedreht, Leere in der Brust. Daran sind ganze Muskelgruppen beteiligt. Nicht selten fühlen sich Menschen “wie gelähmt”. Wer sich schämt, unterbricht Handlungsimpulse, oft ganz vitale Impulse, wie zum Beispiel lang und tief zu atmen. Wer sich schämt, zieht sich in sich zurück und geht damit aus dem Kontakt mit dem Gegenüber. Menschen abseits der heterosexuellen Norm fühlen sich oft zu ihresgleichen hingezogen. Verständlicherweise. Dort ist es sicher(er). Dieser Rückzug ist nicht selten begleitet von Gefühlen der Einsamkeit und Isolation. Scham zeigt sich oft am deutlichsten in Selbsturteilen – andere psychologische Schulen sprechen gern von dem:der “Inneren Kritiker:in” oder dem “Über-Ich”. Auch den gibt es so wenig wie die Scham an sich. Dieses Sich-selbst-Verurteilen als ”Über-Ich’s” auszugeben dient nur dazu, sich vorzumachen, dass es in Menschen eine von ihnen separate Instanz gäbe, die sie kritisiert. Dabei sind sie es selbst.

Weil Menschen sich für ihr Schämen schämen, tun sie sich schwer, darüber zu sprechen – was viele Therapeut:innen, gerade in inhaltsfokussierten (Gesprächs-)Therapien vor große Rätsel stellt. Sie merken allenfalls, dass sich bei den Klient:innen trotz bester Ratschläge nichts ändert.

Wie man mit Scham klarkommt

Um mit all dem klarzukommen, kann man eine Reihe von ”Überlebensstrategien” anwenden: Man kleidet sich wie andere, um sich zugehörig zu fühlen. Man trainiert, um sich attraktiver zu machen. Man benutzt Vakuumpumpen oder andere Geräte, um die eigenen Genitalien zu vergrößern oder man nimmt Drogen, um all diese schrecklichen Gefühle abzuschwächen. Man hat viel Sex, in der Hoffnung dadurch die Nähe zu bekommen, nach der man sich eigentlich sehnt – und höhlt sich so immer mehr aus. Oder man greift zum Gegenmittel der Scham und hält sich für besser und intelligenter. Und oft tut man, was man selbst erlebt hat: Man grenzt ungehemmt andere aus. Dies alles hat natürlich teils große Auswirkung auf die Beziehungen, die Menschen führen oder auf den Sex, den sie haben.

Sehnsucht – Suche – Sucht

Was sind lebenswichtige Kapazitäten? Urvertrauen, sich sicher fühlen, sich wertvoll fühlen, sich auf dieser Welt willkommen fühlen, sich gesehen fühlen, sich zu dem entwickeln dürfen, der man ist, eigenen Impulsen folgen dürfen, Liebe und Sexualität mit einer Person leben zu dürfen. Wer sich davon abgeschnitten hat, der kann gar nicht anders, als danach zu suchen. Oft jedoch an der falschen Stelle, im Außen. Sie suchen andere (Liebhaber:innen, Sexpartner:innen, Therapeut:innen), die ihnen geben, was sie sich selbst verwehren. Und das ist die Krux: Selbst wenn sie bekommen, was sie sich (heimlich) wünschen, können sie es aufgrund der Scham nicht annehmen. Denn auch das geht mit ihr einher: Man verschließt sich vor sich selbst, man verschließt sein Herz, kappt das (Selbst-)Mitgefühl.

Wofür ist Scham gut?

Kleiner Ausflug: Warum schämen wir uns eigentlich? Mache ein kleines Experiment: Stell dich vor eine/n Freund:in, strecke die Arme nach ihm/ihr aus und sag ihm/ihr “Ich brauche dich. Bitte nimm mich in den Arm”, ohne auf ihn/sie zuzugehen. Was erlebst du bei der Vorstellung, dies zu tun? Bei den meisten Menschen wird das sehr unangenehme Empfindungen auslösen. Dabei bist du bereits erwachsen. Wie soll ein kleines Kind das aushalten? Ein Kind, das nicht mal sprechen kann. Das hilflos daliegt und darauf angewiesen ist, dass jemand mitkriegt, dass es auf den Arm genommen werden möchte. Es kommt aber keiner. Nicht nur einmal nicht, sondern mehrmals. Viele Male. Vielleicht sogar seine gesamte Kindheit über.

Was fühlt sich für dieses Kind sicherer an: Sich zu sagen, dass die Eltern nicht alle Tassen im Schrank haben? Oder zu glauben, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt?

Keine Frage, es wird das Versagen seiner Umwelt auf sich selbst beziehen. Es kann gar nicht anders.

Wenn ich schreibe, dass die Eltern nicht alle Tassen im Schrank haben, dann meine ich das nicht als Vorwurf. Es gibt viele Gründe, warum Eltern unfähig sein können, die Bedürfnisse ihrer Kinder mitzukriegen. Sie sind alleinerziehend, überfordert, (psychisch) krank, Alkoholiker oder anderweitig drogensüchtig, haben selbst so wenig Einstimmung erfahren, dass sie diese Fähigkeit nicht entwickeln konnten. Oder sie haben schlimme Erfahrungen nicht bewältigt: den frühen Tod wichtiger Bezugspersonen, Gewalt oder Missbrauch. Unsere kriegstraumatisierten Vorfahren bringen die besten Voraussetzungen mit, nachfolgenden Generationen Entbehrungen abzuverlangen.

Wie kommt Scham in uns hinein?

Die schnelle Antwort: Gar nicht. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass es Scham gar nicht gibt. Also dieses Ding, was mit diesem Begriff bezeichnet wird. Es gibt nur: dass wir uns schämen. Das ist ein fortwährender Prozess. Kein Gegenstand, der in uns hinein implantiert wurde und den man dementsprechend auch nicht einfach wieder aus sich herausnehmen kann wie ein verdorbenes Lebensmittel. Aber damit sind wir schon auf dem Weg in die Befreiung. Vorher noch ein Blick auf die Umstände, die dazu führen können, dass man sich schämt.

Wie kommt es, dass wir uns schämen?

Sprechen wir daher lieber von Lebensgefühl

Ebenso wie es die Scham nicht gibt, sind Begriffe wie Homosexualität sehr unscharfe (weil reduktionistische) Überschriften über einzelne Menschen(-gruppen). Die meiste Zeit sind wir nämlich mit allem möglichen beschäftigt, aber nicht mit Sexualität. Aber das ist ein anderer Diskurs. Sprechen wir daher lieber von Lebensgefühl, ohne damit zu implizieren, dass dieses anders fühlen veränderbar wäre. Viele LGBTIQ-Menschen fühlen schon früh etwas, das sie mit ihrer Umwelt nicht in Einklang bringen. Sie schauen anders auf die Welt, sie haben andere Interessen, beschäftigen sich mit anderen Dingen. Zumindest früher kamen Kinder nicht auf die Idee, diese Gefühl mit einer anderen sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität in Verbindung zu bringen. Sie kommen sich anders vor und das ist schon die erste Hürde. Mit genug Rückenstärkung (zum Beispiel durch Eltern) können manche dieses Andersgefühl dazu nutzen, sich selbst zu finden, sich zu individualisieren. Die meisten jedoch fühlen sich eher seltsam, nicht zugehörig, komisch, auf ungute Weise anders. Auf dieses Anderssein angesprochen, fühlen sich erstere vielleicht gesehen, erkannt, bestärkt, stolz. Letztere hingegen macht es eher Angst, nicht dazuzugehören. Abhängig von ihrem Umfeld meinen sie, so sein zu müssen wie ihre Freund:innen, Mitschüler:innen, Kinder aus der Nachbar:innenschaft.

Hatten ältere Generationen schon durch ihr Coming-out schwere Blessuren davongetragen, taten Begleitumstände der Aids-Pandemie ihr Übriges: Stigmatisierung, Schuldzuweisung, religionsfanatische Sühnebilder haben sich tief in die Seelen der Angehörigen eingegraben. Und noch heute werden LGBTIQ-Menschen weiterhin von Politiker:innen beschämt, finden in allen Religionen Vorbehalte, bieten Ärzt:innen und Therapeut:innen Sonderbehandlungen an, stellen öffentliche Medien immer noch viel zu oft Karikaturen zur Schau.

Wer nicht resilient genug ist, schluckt die ”bittere Pille der Scham”, er hält sich für minderwertig, für aussätzig, für schädlich usw.

Von Scham befreit                                                     

Natürlich kann man seine Energie nach außen wenden und fordern, dass alle Menschen gleich behandelt werden, dass alle Menschen gleiche Rechte haben sollten. Dies zu tun ist gut und wichtig. Aber wie du inzwischen verstanden hast, ist Scham kein Ding. Wenn du dich schämst, dann bist du es, der sich schämt. Menschen, die sich schon seit 20, 40 oder 60 Jahren dafür schämen, der zu sein, der sie sind, mögen sich durch Gesetze zwar geschützt fühlen, aber an ihrer inneren Einstellung sich selbst gegenüber ändert das wenig. Nur eines kann dich entschämen: Du selbst! Das ist leicht hingeschrieben, aber nicht selten ziemlich herausfordernd umzusetzen, eben weil die bloße Verhandlung auf kognitiver Ebene meist zu kurz greift.

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Über

Stephan Niederwieser

Stephan Konrad Niederwieser bietet in seiner Berliner Praxis bindungs- und körperorientierte Erfahrungspsychotherapie an. Er ist ausgebildet in Hakomi (Ron Kurtz), NARM (Laurence Heller), Somatic Experiencing (Peter Levine), DARe (Diane Heller-Poole), Compassionate Inquiry (Gabor Maté) und ISP (Raja Selvam). Zudem bietet er das “Safe and Sound Protocol” (SSP) von Stephen Porges zur Stabilisierung des Autonomen Nervensystems an. Er ist Autor der beiden Ratgeber: Trauma von der Seele schreiben sowie Nie mehr schämen.

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