Gesellschaft & Kultur
LITERATUR

Geschichten von heute

Die Anthologie „Positive Storys“ versammelt Erzählungen von 17 jungen Autoren und Autorinnen zum Leben mit HIV und Aids.

Seit Eric weiß, dass er „dieses Fuck-Scheiß-Dreckszeug“ hat, ist er psychisch aus der Bahn geworfen. Aber Tassen und Teller an die Wand zu schmettern, hilft ihm nicht wirklich weiter. Sein Arzt hatte sich zwar viel Zeit genommen, um Eric detailliert zu erklären, was die HIV-Infektion nun für ihn bedeutet. „Nur wie ich damit umgehen soll, ohne mich von der nächsten Brücke zu stürzen oder wahnsinnig zu werden, hat er mir nicht gesagt.“ Ausgerechnet in der HIV-Ambulanz seines Krankenhauses begegnet Eric dann einem Mann, der seinem Leben einen neuen Sinn zu geben vermag.

Savannah Lichtenwalds Kurzgeschichte „Weiß ist eine Farbe“, die „Positive Storys“ eröffnet, ist recht typisch für die insgesamt 24 Beiträge dieser Anthologie. Immer wieder dient eine frische HIV-Diagnose als erzählerischer Ausgangspunkt. Nach Momenten des Entsetzens und der Panik nach einem unsafen Sexabenteuer im Suff oder einer ausschweifenden Lebensphase münden die Geschichten schließlich in unverhofftem Liebesglück.

Nach Entsetzen und Panik unverhofftes Liebesglück

Dass sich der Plot einiger Short Storys sehr ähnelt, darüber sieht man angesichts der besten Absichten dieses Buchprojekts jedoch gerne hinweg.

Die 17 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die sich zu dem Kollektiv mit dem sonderlichen Namen „HomoSchmuddel Nudeln“ zusammengetan haben, widmen sich mit ihrem Geschichtenband zum Leben mit HIV und Aids nicht nur einem derzeit in der Literaturszene eher wenig bearbeiteten Thema, sondern spenden die kompletten Einnahmen aus diesem eBook zudem an eine gemeinnützige HIV-Organisation, nämlich den Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz Berlin e. V.

Nicht alle Geschichten können, abgesehen von den inhaltlichen Wiederholungen, restlos überzeugen. Zu sehr ist bei einigen zu spüren, dass die betreffenden Autoren offenbar kaum Kenntnisse über die heutige Lebenswirklichkeit von HIV-Positiven und Aidskranken haben. Da folgt auf die Infektion fern jeglichem realistischen Krankheitsverlauf ein sehr schneller Tod aufgrund der Immunschwäche.

„Ich habe ihm geglaubt, als er sagte, dass er safe wäre“

Oder es wird, wie in „Verliebt trotz Aids“ von Sascha Scheiblette, die Frage der Verantwortung und der Kriminalisierung von HIV-Infektionen etwas zu oberflächlich abgehandelt: „Ich war jung, der Kerl reif und erfahren. Ich habe ihm geglaubt, als er sagte, dass er safe wäre. Nun, er war es nicht und hatte zu dem Zeitpunkt schon ein Verfahren wegen schuldhafter Infektion am Arsch. Geholfen hat mir das nicht.“

Dafür aber sind andere Geschichten umso stärker und widmen sich einem breiten Spektrum an Gefühlslagen zwischen Liebe und Leid, Hoffnung und Trauer. Außerdem lassen sich facettenreiche Perspektiven auf HIV entdecken. Mal stellt ein Treuebruch eine langjährige monogame Beziehung auf die Probe, mal schlägt sich ein Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ mit der bangen Frage herum, ob er sich beim Einsatz in einem kenianischen Aids-Hospital infiziert hat.

Facettenreiche Perspektiven auf das Leben mit HIV

In Karo Steins „Ein besonderer Pflegefall“ nimmt sich ein schwuler Krankenpfleger eines Neugeborenen an, das mit HIV zur Welt kam und dessen Mutter das Kind direkt nach der Geburt im Stich gelassen hat. Sissi Kaipurgay wiederum schildert in „Positive Einstellung?“ die schwierige Gefühlslage des 23-jährigen Zack, der von Jugend an mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat. Er empfindet sich als Außenseiter und schaffte es nie, Teil einer Clique zu werden. Als er den positiven Peer kennenlernt, glaubt er, nur als Sexpartner interessant zu sein, nicht aber als Mensch. Und zugleich beneidet er Peer darum, dass dieser mit seiner HIV-Selbsterfahrungsgruppe einen vertrauten Freundeskreis um sich weiß.

Cover POSITIVE STORYSBelehrungen und moralische Bewertungen, und das gilt für alle hier versammelten Texte, sucht man erfreulicherweise vergeblich. Selbstvorwürfe und Unverständnis über das eigene Handeln bei einigen Protagonisten hingegen schon. „Bis heute weiß ich nicht, wann oder bei wem ich mich infizierte. Ich war leichtsinnig. (…) Unter Alkoholeinfluss hatte ich sicherlich das eine oder andere Mal ungeschützten Sex“, sagt etwa der Erzähler in T. S. Nightsouls „Hab ich vergessen“ über sich. „In meiner Jugend habe ich mich für sexuell übertragbare Krankheiten nicht sonderlich interessiert. Wie alle anderen wusste ich davon und nahm es hin, aber beschäftigte mich nicht weiter damit.“

Ganz nebenbei vermitteln einige Geschichten auch Informationen zur Nichtinfektiosität von HIV-Positiven, deren Viruslast dank Therapie unter der Nachweisgrenze liegt, oder auch zur Post-Expositions-Prophylaxe. So etwa in Karo Steins Geschichte „(Un)Glück“, in der ein junger Mann nach einem Kondomunfall beim One-Night-Stand mit einem Positiven entscheiden muss, ob er vorsorglich HIV-Medikamente einnehmen soll.

HomoSchmuddel Nudeln: „Positive Storys“. Creative Space Publishing Platform, ca. 232 Seiten, 9,99 Euro.

Mehr Informationen zum eBook sowie Bezugsquellen sind auf BookRix zu finden.

 

Vorheriger Artikel

Erfolgreiche Nierentransplantationen zwischen HIV-Positiven

Nächster Artikel

Früher Bescheid wissen

Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 9 = 11