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SELBSTHILFE

„An mir siehst du, dass ich es überlebt habe“

Mann auf Sprungbrett

„Sprungbrett“ in ein positives Leben (Bild: sassi / pixelio.de)

Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Panik – das sind oft die ersten Reaktionen nach einer HIV-Diagnose. Das Projekt „Sprungbrett“ soll HIV-positive „Buddys“ ausbilden und vernetzen, die in dieser Phase Ansprechpartner und Stütze sein können. Ein Bericht von Lisa Paping

Nach einer HIV-Diagnose sehen sich die meisten Menschen mit großer Verunsicherung, Ängsten und (Selbst-)Vorwürfen konfrontiert. Oft ist es schwierig, im direkten Umfeld – der Familie, dem Freundeskreis und am Arbeitsplatz – offen über das Thema zu sprechen. Zu groß ist die Angst vor Abweisung und davor, nach dem positiven Coming-out alleine dazustehen. Viele sehen sich mit Bildern von Krankheit und Tod konfrontiert, übernehmen die immer noch weit verbreiteten, negativ besetzten Zuschreibungen und geben sich selbst die Schuld für ihre Infektion.

Mit dieser Phase setzt sich auch die Themenwerkstatt „Der kollektive Umgang mit (verinnerlichter) Stigmatisierung, Schuld und Verantwortung“ seit fast einem Jahr auseinander. Bei den regelmäßig stattfindenden Treffen diskutieren HIV-positive Selbsthilfeakivisten, wie die Lebenssituation von Menschen mit HIV verbessert werden kann. Nach und nach ist dabei die Idee des „Sprungbrett“-Projekts entstanden: „Frisch“ HIV-positiv Getestete sollen an „Buddys“ vermittelt werden, die schon länger mit der HIV-Diagnose leben und ihnen beim „positiven“ Umgang mit der Infektion helfen sollen.

„Nach einer HIV-Diagnose verspüren die meisten eine wahnsinnige Panik.“

„Ich habe selbst immer wieder unangenehme Erfahrungen mit Diskriminierung und Stigmatisierung gemacht“, berichtet Franziska (30). „Ich wollte aber nicht nur Opfer sein, sondern etwas verändern, auch für andere in der gleichen Situation. Durch das Engagement in der Themenwerkstatt habe ich nun die Möglichkeit, nicht nur meine eigenen Probleme und persönlichen Erfahrungen zu sehen, sondern den größeren Kontext. Man merkt, dass man mit seiner Situation nicht alleine ist und dass man zusammen etwas bewirken kann.“

Zwei menschliche Schatten

Gespräch auf Augenhöhe mit dem „Buddy“ (Bild: Jetti Kuhlemann / pixelio.de)

Bei der Entwicklung des Projekts gab es viele Diskussionen und auch Konflikte unter den Teilnehmern, die alle aus verschiedenen Regionen, Umfeldern und Lebenssituationen kommen und unterschiedliche Anliegen und Schwerpunkte einbringen. Eine Frage war zum Beispiel, was genau die Rolle des „Buddys“ beinhalten soll, wie eng und zeitintensiv die Beziehung zwischen den beiden sein darf und wie professionell der Buddy auftreten muss. Auch der Name des Projekts wurde eingehend diskutiert: Sollten die Ansprechpartner „Lotsen“, „Paten“ oder „Kumpel“ heißen? Die Gruppe einigte sich schließlich auf „Buddys“ – und entwickelte schlussendlich den Fahrplan „für ein tolles Projekt“, wie Franziska findet.

„Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es von Positiven für Positive gemacht wird“, hebt Frank (35) hervor, der bei allen drei bisherigen Wochenend-Workshops mitgemacht hat. „Wir sind eine tolle Truppe mit ganz unterschiedlichen Menschen – alle nicht auf den Mund gefallen und mit sehr viel Humor. Das hatte zur Folge, dass sich eine wahnsinnige Eigendynamik entwickelt hat, die mit unserer Motivation und dem gegenseitigem Respekt in einem schier unglaublichem Tempo bombastisch viel bewirkt hat.“

Der Buddy ist Ansprechpartner, emotionale Stütze, positives Vorbild

In der ersten – psychisch sehr schwierigen – Phase der Auseinandersetzung mit der eigenen Infektion kann es hilfreich sein, sich mit anderen infizierten Menschen zu vernetzen. Diese Phase tritt oft direkt nach dem Testergebnis ein, in anderen Fällen aber auch erst Jahre später nach langer Verdrängung. Ein positiver Buddy ist im gleichen Alter oder in einer vergleichbaren Lebenssituation und hat mit seiner HIV-Infektion gut leben gelernt. „Positiv“ hat hier eine doppelte Bedeutung: Der oder die Buddy ist HIV-positiv und zugleich ein dem Leben gegenüber positiv eingestelltes Rollenmodell.

Medizinische und psychosoziale Betreuung und Beratung müssen natürlich Ärzte oder professionelle Berater leisten. Der Buddy kann jedoch eine emotionale Stütze sein – hat man als frisch diagnostizierter Mensch nicht diese Möglichkeit zum Gespräch auf Augenhöhe, zieht man sich oft zurück und isoliert sich mit seinen Problemen und Sorgen. Außerdem kann der Buddy den Betroffenen an die lokalen Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie Selbsthilfestrukturen verweisen und so ein „Sprungbrett“ in ein positives Leben mit HIV sein.

„Die meisten Menschen mit frischer HIV-Diagnose verspüren eine wahnsinnige Panik“, so Frank. „Was ich als Buddy einem frisch Infizierten mitgeben würde? ‚Es ist ok, dass du diese Panik hast. Genauso ging es mir auch.‘ Und an mir wird er sehen, dass ich es überlebt habe. Es war nicht immer einfach, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Aber die Auseinandersetzung mit der Infektion war auch eine große Bereicherung für mich. Zum Beispiel habe ich auf den Positiven-Treffen tolle Menschen kennengelernt. Das hat mich stärker gemacht.“

Die Idee des Projekts ist an sich nicht neu: „Als Beraterinnen und Berater in den Aidshilfen haben wir schon lange Menschen mit frischer HIV-Diagnose an andere HIV-Positive verwiesen, die diese erste Phase bereits durchgemacht haben, und Kontakte in der Community geknüpft“, sagt Heike Gronski, Referentin für Leben mit HIV bei der Deutschen AIDS-Hilfe und Koordinatorin des Projekts. „Das Neue ist, dass eine Struktur geschaffen werden soll, bei der deutschlandweit ein koordiniertes Netzwerk von lokalen Anlaufstellen entsteht.“

Auch Franziska sieht das große Potenzial darin, dass „Sprungbrett“ einerseits bundesweit angelegt ist, andererseits jedoch lokal umgesetzt wird. So kann sich jedes Projekt vor Ort an die bereits vorhandenen Strukturen und Besonderheiten anpassen. „Das Einzigartige an diesem Projekt ist: Es ist nichts Spektakuläres, nichts Großes, nichts Innovatives … Es steht mitten im Alltag und holt jeden und jede dort ab, wo er oder sie steht. Vielleicht hat jemand nur eine einzige ganz spezielle Frage und möchte sich nur ein einziges Mal treffen, während jemand anderes intensivere Unterstützung und mehr Zeit braucht.“

„Sprungbrett“ geht 2014 in die Modellphase

Die Umsetzung des Sprungbrett-Projekts ist seit dem letzten Treffen der Arbeitsgruppe im September in vollem Gange. Die Idee ist, dass lokale Aidshilfen, Testangebote und Schwerpunktärzte es vor Ort in der Community bewerben und als Koordinierungsstellen dienen. Jedes lokale Projekt sollte möglichst viele ehrenamtliche Buddys haben, sodass überall eine große Vielfalt an Ansprechpartnern gegeben ist – um möglichst viele Menschen und lokale Projekte zur Teilnahme zu motivieren, wurde deshalb ein Werbeflyer entwickelt und beim letzten Treffen in Freiburg auch ein Podcast gedreht.

Wer sich als Buddy engagieren will, muss natürlich selbst HIV-positiv sein, sollte schon länger mit der Infektion leben und die Diagnose verarbeitet haben und zwei Schulungswochenenden absolvieren. Für die erste Modellphase werden Buddys in Hamburg, Berlin/Potsdam, Karlsruhe, Aachen, Köln, München, Regensburg und dem Rhein-Main-Gebiet gesucht, das erste Schulungswochenende wird im April 2014 stattfinden. Die professionelle Schulung der Buddys ist für Franziska einer der wichtigsten Bausteine dafür, dass das Projekt erfolgreich in die Startphase geht: „Begriffe wie Stigmatisierung und Diskriminierung sind ja sehr abstrakte, schwammige Begriffe. Es ist sehr wichtig, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Wenn man nicht formulieren kann, was einem widerfährt, dann weiß man vielleicht selber nicht so genau, dass man gerade diskriminiert wird.“

Für die Umsetzung des Sprungbrett-Projekts wünscht sich Frank, „dass viele Positive sich ausbilden lassen und dass die Buddys genauso fasziniert davon sein werden wie wir alle“. Auch Franziska hofft, dass nach dieser langen Phase des Planens und Organisierens nun die Umsetzung endlich zeigt, was das Projekt in der Praxis bewirken kann. „Und langfristig gesehen wünsche ich mir natürlich, dass durch solche Projekte mehr HIV-positive Menschen den Mut bekommen, für ihre Rechte einzustehen und für einen offenen Umgang mit der Infektion in unserer Gesellschaft zu kämpfen.“

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2 Comments

  1. Stephan
    4. Dezember 2013 at 23:48 — Antworten

    Liebe DAH, die Idee finde ich gut, die Überschrift dieses Blogs gar nicht. Lasst doch den Vergleich mit dem Überleben weg. Ihr wisst es doch echt besser. Das ist nicht mehr die Frage. Authentischer, zeitgemäßer und ne Nummer kleiner bitte: „Ja, ich weiß… Man sieht es mir gar nicht an.“ oder „natürlich habe ich wieder entspannten und geilen sex.“ oder oder oder.

  2. Doreen
    6. Dezember 2013 at 18:32 — Antworten

    Ich finde diese Buddy Idee schon gut, seit ich sie von Botschafter Moritz kenne. Das es jetzt in die Modellphase geht, finde ich auch klasse. Ich erfülle nur eine Voraussetzung nicht, um dran Teil nehmen zu können, ich wohne nicht in den angegebenen Gebieten. Auch wenn ich nichts lieber würde, als nach Köln zu Ziehen. Muss ich so lange warten, bis ich entweder in eine von den angegebenen Gebieten Wohne? Oder bis es auch hierher nach Braunschweig kommt? Im Grunde genommen, mache ich seit Jahren nichts anderes, als zu kämpfen, das positive ein besseres freieres Leben leben dürfen. Na gut, versuche ich es als Ansporn zu sehen, einen Quereinstieg in einer Aidshilfe hin zu bekommen, weil der Einzelhandel, so sehr meine Kollegen und Chefs auch hinter mir stehen, hab ich einfach nur das Gefühl, ich könnte, wenn ich nicht Vollzeit mein Geld im Einzelhandel verdienen müsste, im Hiv/Aids bereich besser helfen, mehr erreichen. Hab einfach das Gefühl mit Ware auspacken meine Zeit zu verplempern, die man ja grad wenn man positiv ist, das Gefühl hat, sinnvoller nutzen möchte. Grundidee verdammt gut. Bin nur zu ungeduldig, will einfach kämpfen, mehr erreichen.
    Viel Erfolg und falls ihr doch irgend ne Möglichkeit seht, ich bin sowas von offen für Veränderung, grad im Moment ganz extrem.

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