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Ungarn

„Die Menschen sehen nicht, wie nützlich Harm Reduction ist“

Die europäische Gemeinschaftsaktion HA-REACT will Drogengebraucher_innen Angebote zur Schadensminimierung und Infektionsprävention besser zugänglich machen. Von Alexandra Gurinova

Anfang 2016 haben sich 23 Organisationen aus 18 EU-Ländern zu der von der EU geförderten Gemeinschaftsaktion HA-REACT zusammengeschlossen, um Lücken in der Prävention und Behandlung von HIV- und Ko-Infektionen wie Hepatitis C (HCV) und Tuberkulose bei Menschen, die Drogen spritzen, zu schließen.

Die Die Deutsche AIDS-Hilfe hat in einem der sogenannten Arbeitspakete eine Leitungsrolle übernommen: In Lettland und Ungarn unterstützt sie – unter anderem mit Trainings, Handreichungen und einem E-Learning-Programm – niedrigschwellige Einrichtungen bei der Entwicklung eines Modells zur frühen Diagnostik und Behandlung von HIV und HCV.

Am 23. November 2018 fand auf der Europäischen Harm-Reduction-Konferenz in Bukarest das Abschlusstreffen des dreijährigen Projekts statt. Mit zwei ungarischen Teilnehmern haben wir über deren Erfahrungen mit HA-REACT gesprochen.

András Szabó arbeitet in einem Zentrum der INDIT-Stiftung mit Sitz in Pécs, einer der wenigen Organisationen Ungarns, die Angebote zur Schadensminimierung beim Drogengebrauch (Harm Reduction) vorhalten. Zu seinen Kernaufgaben gehören Beratung und Testung, Streetwork und die Bereitstellung von sauberen Spritzen und Nadeln.

Dániel Tóth arbeitet im mobilen Kontaktprogramm der ungarischen Organisation Baptist AID. Zu deren Angeboten gehören Spritzentausch, Gesundheitsscreenings und Hilfe bei sozialen Belangen. Seine Klient_innen sind hauptsächlich Drogengebraucher_innen, die sich an verlassenen Orten aufhalten.

Dániel und András, welche Auswirkungen haben die politischen Entwicklungen in Ungarn – hin zu mehr Repression – auf eure Arbeit?

András (A.): Nach derzeitiger Politik und öffentlicher Meinung sind Menschen, die Drogen nehmen, Verbrecher_innen und keine Bürger_innen, die vielleicht Probleme haben oder Gefahren ausgesetzt sind. Einige staatliche Vorgehensweisen schaden der Community direkt: Wenn die Polizei zum Beispiel jemanden festnimmt, der zum ersten Mal Drogen ausprobiert hat, muss diese Person anderthalb Jahre lang ein staatliches Behandlungsprogramm durchlaufen, das auf Abstinenz basiert. Der Eintrag im Strafregister wird erst nach zwei Jahren gelöscht, und nur unter der Bedingung, dass die Person bewiesen hat, keine Drogen mehr zu nehmen. Wird jemand innerhalb der zwei Jahre wieder mit Drogen erwischt wird, muss er oder sie ins Gefängnis.

„Einige Spritzentauschprogramme wurden geschlossen“

Dániel (D.): Die professionelle Arbeit ist immer weiter in den Hintergrund gerückt. Einige Spritzenprogramme wurden geschlossen, die Zusammenarbeit zwischen den Bezirksregierungen und der Polizei wurde reduziert. Dadurch sind einige Drogengebraucher_innen aus unserem Blickfeld verschwunden.

Wie hat die Teilnahme an der „HA-REACT“-Gemeinschaftsaktion zu eurer Arbeit beigetragen?

D.: In den Trainings zur HIV/HCV-Test-Beratung habe ich unter anderem die Anwendung von Schnelltests gelernt, die Antikörper im Speichel nachweisen. Außerdem habe ich viel zur Beratung gelernt, um Drogengebraucher_innen in die medizinische Versorgung zu vermitteln. Die Beratung wurde zu einem wichtigen Bestandteil meiner täglichen Arbeit. Auch unser HIV/HCV-Schnelltest-Programm läuft weiter.

„Die neuen Medikamente geben unseren Klient_innen eine Perspektive“

A.: In den Trainings zum Schnelltest habe ich auch die neuen Medikamente zur Hepatitis-C-Behandlung kennengelernt. 99 Prozent der Betroffenen können jetzt ohne Nebenwirkungen geheilt werden. Diese Neuerung ist sehr wichtig für meine Beratungsarbeit, denn sie gibt unseren Klient_innen eine Perspektive. Allerdings müssten auch Apotheker_innen, Regierungs- und Sozialarbeiter_innen solche Trainings erhalten, um die Versorgung zu verbessern. Wir brauchen auch in diesem Sektor mehr Aufklärung.

Auf welche Hürden seid ihr gestoßen?

A.: Kurz nachdem HA-REACT gestartet ist, hat die ungarische Regierung ihre Abteilungen umstrukturiert. Wir mussten lange warten, bis wir mit unserer Arbeit loslegen konnten. Bei unseren Trainings ist mir zudem wieder klar geworden, wie schwierig Harm-Reduction-Arbeit in unserem Land ist. Wir müssen lernen, wie wir die politischen Hürden überwinden können, um die Situation von Drogengebraucher_innen in Ungarn zu verbessern.

„Wir müssen die Haltung gegenüber Harm Reduction verändern“

Worauf sollten wir uns als Europäischen Gemeinschaft in den nächsten Jahren konzentrieren?

A.: Zumindest in Ungarn sollten wir uns darauf konzentrieren, die Haltung gegenüber Harm Reduction zu verändern. Die meisten Menschen in Ungarn sehen nicht, wie nützlich solche Angebote sind, und das nicht nur für Menschen, die Drogen nehmen, sondern für die ganze Bevölkerung.

Was sollte getan werden, um mehr Drogengebraucher_innen für Schnelltests und die Behandlung zu erreichen?

D.: Wir müssen mit der Community in Kontakt kommen. Dazu müssen wir die Programme auf die Straße und in Obdachlosen-Einrichtungen bringen. Außerdem müssen wir die Zusammenarbeit mit Gesundheitsorganisationen verstärken, um unseren Klient_innen die Inanspruchnahme medizinischer Dienste zu erleichtern.

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