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„Möge Gott verhüten, dass Rock vergebens gestorben ist“

Der Tod des Hollywood-Stars Rock Hudson vor 30 Jahren wurde zu einem Wendepunkt für den gesellschaftlichen Umgang mit HIV und Aids.

Am Morgen des 2. Oktober 1985 herrscht am Beverly Crest Drive der Ausnahmezustand. Vor der Villa des Hollywood-Stars auf den Hügeln von Beverly Hills haben sich Heerscharen von Fotografen und Kamerateams in Position gebracht. Pressesprecher Dale Olson tritt vor die Mikrophone und verkündet, Rock Hudson sei gegen 9 Uhr friedlich entschlafen und habe keinen Schmerz verspürt. Als wenig später ein Lieferwagen den Leichnam abtransportiert, gerät die Situation für einen Moment außer Kontrolle. Paparazzi werfen sich auf den Wagen, in der Hoffnung, ein Foto des Sarges schießen zu können. Hausangestellten gelingt es, die Meute zu vertreiben: „Verschwindet, es ist doch ein menschliches Wesen!“

Rock Hudson, der Schauspieler und Frauenschwarm, starb allein. Weder Freunde noch Familienangehörige standen ihm in seinen letzten Stunden bei, nur sein Personal kümmerte sich um ihn – auch über Hudsons Tod hinaus.

Hudsons Tod veränderte die öffentliche Wahrnehmung der Aids-Epidemie

Die Nachricht von seinem Tod hat die USA erschüttert. Mehr noch: Sie wurde zum Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Aids-Epidemie und zur Initialzündung für politische wie gesellschaftliche Initiativen.

Aids galt bis dahin als eine Seuche der Schwulenghettos, es war nichts, was den weißen heterosexuellen Mittelschichtsamerikaner beunruhigen musste. Vier Jahre nach Ausbruch der Epidemie waren zwar schon Tausende Krankheitsfälle registriert worden, doch US-Präsident Ronald Reagan hatte es noch nicht für notwendig erachtet, die Seuche zur Chefsache zu machen, geschweige sich öffentlich dazu zu äußern.

Im Juli 1985 aber hatte Rock Hudson die Weltöffentlichkeit über seine Erkrankung in Kenntnis gesetzt. Auf einer von Elizabeth Taylor veranstalteten Aids-Benefiz-Gala hatte er eine kurze schriftliche Mitteilung verlesen lassen: „Ich bin nicht froh, dass ich krank bin. Ich bin nicht froh, dass ich Aids habe. Aber wenn es anderen hilft, habe ich zumindest die Gewissheit, dass mein Unglück einen positiven Effekt hat. Danke, Elizabeth. Danke an all meine Freunde, die an diesem Abend teilnehmen, und an die Tausenden für ihre Gebete, ihre Gedanken, ihre Liebe, ihre Wünsche und ihren Beistand.“

 Jeder Amerikaner kennt nun einen Aidskranken, selbst der Präsident

Das Bekenntnis von Reagans ehemaligem Filmpartner setzte im Weißen Haus ein Umdenken in Gang. Jeder Amerikaner kennt nun einen Aidskranken, selbst der US-Präsident. Bereits im Monat darauf wurde ein Aids-Antidiskriminierungsgesetz erlassen, im September sprach der US-Präsident erstmals das Wort „Aids“ in einer öffentlichen Rede aus.

Hudson mit den Reagans ein Jahr vor seinem Tod

Hudson mit den Reagans ein Jahr vor seinem Tod

Unmittelbar nach Hudsons Tod verdoppelte die US-Regierung den Etat für die Aidsforschung. „Die Schwulen mussten um Geld betteln. Sie bekamen es nicht. Mit Rock Hudson ändert sich alles“, gab Dr. Neil Schram von der Los Angeles Aids Task Force seinerzeit ernüchtert zu Protokoll.

Als bekannt wurde, dass Ronald Reagan seinem homosexuellen Schauspielkollegen telefonische Genesungswünsche übermittelt hat, prophezeite der Kommentator der „Washington Post“, dass die Erkrankung vielleicht zu Hudsons „wichtigster Rolle“ werden könnte; dann nämlich, wenn er die „Leute zu der Einsicht brächte, dass Homosexualität nur eine andere Art sei zu leben und Aids nur eine andere Art zu sterben“.

Rock Hudson war der erste US-Prominente, dessen HIV-Erkrankung offiziell bekannt wurde. Mit ihm starb nicht einfach nur ein Hollywoodstar, sondern einer der wichtigsten seiner Generation und einer der letzten, deren Karriere komplett von den Filmstudios gestaltet und kontrolliert wurde.

Ein Doppelleben

Hudson, 1925 als Roy Harold Scherer jr. geboren, galt als Inbegriff der Männlichkeit: schlank und gut gebaut, mit sonorer Stimme, strahlenden Augen und  glänzend schwarzem Haar. Hollywood machte ihn zum begehrenswerten, sportlichen und humorvollen Star. Er spielte in weit über 60 Filmproduktionen, in Western- und Abenteuerstreifen, in Serien wie „McMillian“. Besonders erfolgreich aber war er, wenn er sympathische Liebhaber, Sunnyboys und Ehemänner verkörpern durfte wie in den diversen Komödien mit Doris Day, etwa in „Ein Pyjama für zwei“ oder „Ein Goldfisch an der Leine“.

Im Nachhinein dürfte es die großartigste und zugleich tragischste Szene seines Lebens sein: In der Screwball-Komödie „Bettgeflüster“ spielt Rock Hudson einen Heterosexuellen, der vorgibt, schwul zu sein, um so an Doris Day heranzukommen.

Im wahren Leben spielte der schwule Hudson allerdings – fast ebenso perfekt – den charming straight guy. Als erste Gerüchte um seine wahren Vorlieben auftauchten, wurde kurzerhand eine Ehe mit der lesbischen Sekretärin seines Agenten arrangiert, und seine Lover wie „Stadtgeschichten“-Autor Armistead Maupin und Jerry-Cotton-Darsteller George Nader verdonnerte man zum Schwiegen.

Hudson war einer der ersten, die sich unmittelbar nach der Markteinführung des HIV-Tests ihren Immunstatus überprüfen ließen: Das Ergebnis fiel positiv aus. Der fast zwei Meter große Schauspieler verlor rapide an Gewicht und wog bald kaum mehr 80 Kilo. Er sei auf Diät, hieß es offiziell, dann munkelte man von einer „mysteriösen Krankheit“. Hudson ließ nun mitteilen, er leide an Leberkrebs.

Diskrete Behandlung in einem französischen Militärkrankenhaus

Die Medizin hatte Aidskranken damals kaum etwas zu bieten. In Frankreich experimentierte man mit einem Wirkstoff namens HPA-23. Hudson ließ sich über ein Jahr, von der Öffentlichkeit völlig abgeschirmt, im Militärkrankenhaus Percy damit behandeln – ohne den erhofften Erfolg. Um nach Los Angeles zurückzukommen, musste der inzwischen sterbenskranke Hudson eigens eine Boeing 747 der Air France chartern. An Bord waren nur zehn Passagiere: neben dem Patienten selbst zwei Ärzte, zwei Assistenten, eine Krankenschwester und vier seiner Vertrauten.

Rock GoldfischSein schwuler Publizist überzeugte ihn schließlich davon, mit offenen Karten zu spielen und seine Aids-Erkrankung öffentlich zu machen. Seine Homosexualität allerdings hielt Rock Hudson weiterhin geheim. Kurz vor seinem Tod hatte der 59-Jährige jedoch alle Freunde, Weggefährten und langjährigen Liebhaber von ihrer Schweigepflicht entbunden, damit sie seiner Biografin Sara Davidson ohne Einschränkung Rede und Antwort stehen konnten.

Diese Wahrheit allerdings vermochten nicht alle Menschen zu ertragen. Nach der Veröffentlichung ihres Buchs wurde Davidson als „Rufmörderin“ attackiert und nicht nur von Hudson-Fans, sondern auch in den Medien beschimpft. Einer wie Rock Hudson konnte und durfte einfach nicht homosexuell sein.

Aber auch Hudsons Coming-out als Aidskranker hatte hysterische Reaktionen hervorgerufen. Linda Evans, die er, bereits deutlich von der Krankheit gezeichnet, in einer Szene für die TV-Serie „Denver Clan“ geküsst hatte, fühlte sich nun von ihrem Schauspielkollegen hintergangen und fürchtete, sich dadurch infiziert zu haben.

Mitbegründer einer Stiftung für die Aidsforschung

Andererseits erreichten Hudson rund 20.000 Briefe mitfühlender Fans, aber auch von ebenfalls HIV-Erkrankten und deren Angehörigen. Rock Hudson begann, mit seiner engen Freundin Elizabeth Taylor Geld für die Aidsforschung zu sammeln, und legte mit einer 250.000 Dollar-Spende den Grundstein für die Stiftung The American Foundation for AIDS Research (amfAR).

„Möge Gott verhüten, dass Rock vergebens gestorben ist“, ließ Elizabeth Taylor an Hudsons Todestag von ihrer Sprecherin verkünden. 1991 gründete die Hollywood-Diva ihre eigene AIDS Foundation und warb zeitlebens mehr Spendengelder für die Aidsarbeit ein, als jede andere prominente Persönlichkeit ihres Landes.

Rock Hudsons Villa am Beverly Crest Drive, die über zwanzig Jahre sein Zuhause war, wurde ein halbes Jahr nach seinem Tod verkauft. Den durch ausschweifende Partys legendär gewordenen Swimmingpool ließ der neue Besitzer zuschütten – aus Angst, sich womöglich einem Infektionsrisiko auszusetzen.

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

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