Gesellschaft & Kultur
sexarbeit

„Wir brauchen das Prostituiertenschutzgesetz nicht“

Drei Sexarbeiterinnen, drei verschiedene Lebensrealitäten, eine Meinung: Das „Prostituiertenschutzgesetz“ schützt nicht. Ein Gespräch von Emy Fem mit Mell und Nikki

Seit Juli 2017 regelt das „Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen“ (ProstSchG) die Sexarbeit in Deutschland. Noch gilt zwar eine Übergangsfrist, aber bis Ende des Jahres müssen die neuen Bestimmungen umgesetzt sein.

Das heißt unter anderem, dass Sexarbeiter_innen sich registrieren lassen und eine Bescheinigung, den „Hurenausweis“, besorgen müssen. Um den zu bekommen, müssen sie regelmäßig zu einer gesundheitlichen Pflichtberatung gehen.

Für die Arbeitsplätze gelten strenge Auflagen. Halten Sexarbeiter_innen sich nicht an die neuen Regeln, drohen Bußgelder von bis zu 1000 Euro.

Über das Gesetz und seine negativen Auswirkungen sprach die trans* Sexarbeiterin und Aktivistin Emy Fem mit ihren Kolleg_innen Mell und Nikki.

Prostituiertenschutzgesetz und Trans*-Sein in der Sexarbeit

Emy Fem: Unsere Hintergründe sind unterschiedlich, deshalb betrifft uns das Prostituiertenschutzgesetz auf verschiedene Weise. Ich zum Beispiel habe bisher hauptsächlich in Deutschland gearbeitet, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich arbeite mittlerweile vor allem als Escort, Domina und Performerin. Auf der Straße bin ich eher selten anzutreffen.

Nun zu dir, Mell. Was sind deine Erfahrungen in der Sexarbeit?

Mell: Ich komme aus Bulgarien, wo ich auch schon als Prostituierte gearbeitet habe. Das war sehr stressig. Ich musste dort viel Schutzgeld zahlen. Am Ende blieb nichts für mich übrig, weshalb ich zunächst nach Österreich gegangen bin.

„Transfeindlichkeit ist mittlerweile Alltag für uns“

In Wien habe ich Erfahrung mit der Registrierung von Sexarbeiterinnen und dem „Deckel“ gemacht – der dort vorgeschriebenen Gesundheitsbescheinigung. Die damit verbundenen Zwangsuntersuchungen haben sich sehr unangenehm für mich angefühlt. Sie sind entwürdigend und sinnlos. Was jetzt mit dem Prostituiertenschutzgesetz kommt – die Registrierung und die gesundheitliche Pflichtberatung –, erinnert mich an damals.

Seit 2010 arbeite ich in Berlin auf der Frobenstraße. Diese ist über die Stadtgrenzen hinaus als Straßenstrich der trans* Sexarbeiterinnen bekannt, und ich fühle mich dort zu Hause. Leider schauen manchmal aggressive Personen vorbei, aber wir haben Übung darin, mit Transfeindlichkeit umzugehen. Das ist mittlerweile Alltag für uns.

Emy Fem: Transfeindlichkeit trifft uns in vielerlei Hinsicht – das kann ich nur bestätigen. Wenn du offen als trans* Person lebst, ist es zum Beispiel sehr schwierig, eine Arbeit und Wohnung zu finden. Kein Wunder, dass so viele von uns dort Geld verdienen, wo wir begehrt sind und gut entlohnt werden: in der Sexarbeit.

Die Gesetzgebenden haben sich offenbar keinerlei Gedanken gemacht, was das Prostituiertenschutzgesetz für trans* Sexarbeiterinnen bedeutet. Dabei ist das Trans*-Sein ein Stigma, das neben dem Hurenstigma und anderen Stigmata den Zugang zu den im Gesetz geforderten Standards erschwert. Ich bezweifle auch, dass die Beratenden der gesundheitlichen Pflichtberatung ausreichend zum Thema Trans* und Sexualität geschult sind.

Verlust der Anonymität

Emy Fem: Nikki, du hast lange als Sexarbeiterin gearbeitet und gibst Workshops zur Professionalisierung in Bars und Bordellen. Welche Bedenken der Kolleg_innen gegenüber dem Prostituiertenschutzgesetz kennst du?

„Künftig müssen sich viele sogar im Schlaf verstecken“

Nikki: Das Gesetz bereitet Sexarbeiter_innen große Probleme. Viele Bedingungen sind ein großes Hindernis, zum Beispiel das Übernachtungsverbot am Arbeitsplatz.

Emy Fem: Stimmt. Viele von uns reisen viel, das bringt unser Business mit sich. Vor Ort eine Wohnung zu mieten, ist meist nicht möglich. Da bleibt oft nichts anderes übrig, als am Arbeitsplatz zu übernachten. Leider müssen sich viele von uns künftig sogar im Schlaf verstecken. Dieser Stress ist menschenunwürdig. Hinzu kommen die Anmeldung und der „Hurenausweis“ – auf dem unser Name, Foto und unsere Adresse erfasst sind. Unsere Daten werden an das Finanzamt weitergeleitet. Was bedeutet das für euch?

Mell: Ich kann mir vorstellen, noch bis zu meinem 40. Lebensjahr als Prostituierte zu arbeiten, danach möchte ich einem anderen Job nachgehen. Wegen der Registrierung habe ich Angst, dass meine Daten an künftige Arbeitgeber gelangen. Ich werde mich trotzdem anmelden und die Möglichkeit der Aliasbescheinigung nutzen, auf der dann nicht mein richtiger Name, sondern ein Pseudonym steht.

„Für viele Sexarbeiter_innen bedeutet die Anmeldepflicht ein großes Unglück“

Nikki: Für viele Sexarbeiter_innen bedeutet die Anmeldepflicht ein großes Unglück, weil sie dadurch ihre Anonymität aufgeben müssen. Manche sagen, sie werden sich nicht anmelden und illegal arbeiten. Sie nehmen dafür hohe Geldstrafen in Kauf. Da Sexarbeit stigmatisiert ist, müssen viele ein Doppelleben führen und ihren Job verheimlichen. Das ist mit vielen Risiken und einem ständigen Gefühl der Angst verbunden.

Emy Fem: Ja, das Versteckspiel ist sehr belastend. Meine politische Arbeit, in der ich mich überall als Sexarbeiterin oute, ist mein persönlicher Umgang mit einer Situation, die mich anfangs stark mitgenommen hat. Dieses Privileg haben nur die wenigsten von uns, und die meisten werden sich jetzt noch mehr verstecken.

Nicht mal ein Ansatz von Schutz

Emy Fem: Ich kann noch nicht einschätzen, wie sich das Prostituiertenschutzgesetz auf mein Einkommen auswirken wird. Ich werde mich aber in einigen Arbeitsbereichen anders organisieren müssen. Das kostet Zeit, die ich nicht habe. Wie seht ihr das?

„Die Politiker_innen sollen mit uns reden und uns fragen, was wir brauchen“

Nikki: Diejenigen, die sich anmelden, werden wahrscheinlich in Ruhe arbeiten können und gutes Geld verdienen. Die anderen, die sich nicht anmelden wollen oder können, werden sich verstecken müssen, um nicht erwischt zu werden. Das zieht dann für die Betreffenden schlechtere Arbeitsbedingungen nach sich, und ich denke auch, dass sie weniger einnehmen werden.

Mell: Das Prostituiertenschutzgesetz ist unglaublich! Wir brauchen dieses Gesetz nicht. Ich arbeite seit 15 Jahren in dem Job. Ich weiß, wie ich sicher arbeite und ich mich schützen muss. Ich lass mich sowieso alle drei Monate untersuchen, dort werde ich auch ausreichend beraten. Ich brauche keine Zwangsberatung durch Personen, die weniger Erfahrungen mit Sex haben als Sexarbeiter_innen.

Emy Fem: Das Gesetz bietet für mich nicht mal einen Ansatz von Schutz. Es wird das Hurenstigma verschlimmern und die Situation der meisten Sexarbeiter_innen verschlechtern. Ich kann es nicht dulden und hoffe, dass es keinen Bestand hat.

Nikki: Dieses Gesetz hilft uns nicht, im Gegenteil. Die Politiker_innen sollen mit uns reden und uns fragen, was wir brauchen. Mit dem Gesetz haben sie gezeigt, dass sie keine Ahnung von unserer Situation und Arbeitspraxis haben.

Vorheriger Artikel

Faktencheck: Wie funktioniert rechte Argumentation?

Nächster Artikel

Nach der Wahl: Die HIV-Prävention bleibt vielfältig!

Gastbeitrag

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 80 = 86