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Streit um die HIV-PrEP: Stigma, Homophobie und die Befreiung schwuler Sexualität

Die Einführung der HIV-Prophylaxe PrEP ist ein Beispiel für demokratische Biopolitik und macht Hoffnung auf eine Beendigung von Sexnegativität und Stigmatisierung, findet Dr. Karsten Schubert.

Lange haben Aktivist_innen und HIV-Spezialist_innen aus Medizin und Zivilgesellschaft gekämpft. Anfang September 2019 war es dann so weit: Die medikamentöse HIV-Prophylaxe PrEP wurde Krankenkassenleistung – Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen mit erhöhtem HIV-Risiko bekommen die Medikamente und die notwendigen Untersuchungen erstattet.

Das freut die (überwiegend schwulen) Nutzer_innen, die die Pille, die ihnen HIV-Schutz beim Sex ohne Kondom verspricht, nun nicht mehr selbst zahlen müssen. Lange Zeit hatten sich viele das Medikament aufwändig aus dem Ausland verschafft, um die horrenden Kosten von etwa 800 Euro pro Monat auf rund 40 Euro zu drücken – oder um überhaupt an die PrEP-Medikamente zu kommen, denn verschrieben werden konnte das Medikament in Deutschland erst ab dem Herbst 2016.

Endlich ist kondomfreier Sex mit HIV-Schutz for free zu haben

Nachdem im Juli 2017 Generika des PrEP-Medikaments in Deutschland auf den Markt gekommen waren, die zwar günstiger waren, aber mit um die 600 Euro für die meisten immer noch unerschwinglich waren, hatte die „50-Euro-PrEP“ im September 2017 einen ersten Durchbruch gebracht.

Mit der PrEP als Krankenkassenleistung ist zumindest für gesetzlich Versicherte Schluss mit den privat zu finanzierenden PrEP-Kosten: Nun ist also endlich kondomfreier Sex mit HIV-Schutz for free zu haben.

Nicht alle feiern die Einführung der PrEP als Kassenleistung

Doch während die meisten PrEP-Nutzer_innen die Entscheidung feiern, gibt es auch viele Gegner_innen. Denn die PrEP ist nach wie vor umstritten. Erfreulicherweise wurde zwar die homophobe Frage, ob „die Allgemeinheit“ für die sexuellen Freuden der Schwulen aufkommen solle – ob es also gerechtfertigt sei, für diese Art der Gesundheitsvorsorge Mittel aus den solidarisch organisierten Krankenkassen bereitzustellen –, kaum thematisiert. Doch innerhalb der schwulen Community gibt es durchaus eine mitunter heftige Auseinandersetzung um die PrEP und eine Diskussion darüber, wie sie zu bewerten ist und was sie mit schwulem Sex und der schwulen Community macht.

So veröffentlichte Dragqueen Nina Queer im Oktober 2019 eine BILD-Kolumne unter dem Titel: „Freie Fahrt für wilde Nutten – ‚So gefährlich ist PrEP!‘“ Darin schrieb sie: „Was für ein genialer Clou, gesunden Menschen Medikamente zu verkaufen und durch das Verlangen nach ungeschütztem Sex Milliarden zu scheffeln.“

Ein zentraler Punkt der Kontroverse um die PrEP ist die Stigmatisierung promisker Sexualität

Nina Queer dramatisiert in ihrem Beitrag die Nebenwirkungen der PrEP – sie bezeichnet sie als „kleine Chemotherapie“ – und stellt die Wirksamkeit in Frage, die durch zahlreiche Studien gut belegt ist. Außerdem behauptet sie, durch den „ungeschützten Sex“ der „wilden Nutten“ gewännen „Syphilis, Tripper, Herpes und Pilze wieder Oberwasser“.

Nun passt Ninas Queers Text zum Duktus der BILD-Zeitung, und die Autorin hat ihren verzerrten politischen Kompass schon in der Vergangenheit durch rassistische Kommentare gezeigt. Insofern könnte man ihren Text getrost ignorieren.

Doch so einfach ist das nicht, denn Nina Queer ist keine Ausnahme. Viele Schwule teilen den Kern der Bedenken, und über einige der Punkte, die Nina Queer recht stumpf artikuliert, gibt es wichtige und vernünftige Kontroversen.

Gleichzeitig ist Nina Queers hetzerischer Text selbst Symptom eines zentralen Problems der Streitigkeiten um die PrEP: Slut-Shaming [Anm. d. Red.: übertragen etwa „Brandmarkung von Personen als ‚Schlampen‘“] und die Stigmatisierung promisker Sexualität, wodurch die Schwulen in die „wilden Nutten“ einerseits und die guten bürgerlichen, verheirateten und monogamen andererseits getrennt werden.

Die PrEP befreit schwulen Sex von der stigmatisierenden Verbindung mit Krankheit und Tod

Wohl unbeabsichtigt führt der Text diese „Homonormativität“, also die Unterscheidung von „guten“ und „schlechten“ Schwulen, beispielhaft vor. Und das ist weit über Nina Queers Einschätzungen hinaus relevant, denn Homonormativität ist das zeitgenössische Gesicht der Homophobie: Zwar werden Schwule akzeptiert, doch nur, wenn sie angepasst und bürgerlich sind. Wilder, promisker und „ungeschützter“ Sex passt nicht in dieses Bild – doch genau dafür steht bei vielen die PrEP.

Es ist homopohob, zwischen „guten“ und „schlechten“ Schwulen zu unterscheiden

Die medikamentöse HIV-Prophylaxe wird deshalb auch von vielen Schwulen abgelehnt, die sich dadurch von den („schlechten“) „Nutten“ abgrenzen und sich auf der „guten“ Seite verorten – auch wenn Sex unter PrEP tatsächlich kein ungeschützter, sondern sehr wohl geschützter Sex ist, selbstredend (wie auch Schutz durch Therapie) nicht unbedingt mit Kondomen.

Diese Homonormativität und Stigmatisierung zeigt sich nicht nur in den Diskussionen um die PrEP. Aber die PrEP könnte selbst ein Mittel sein, um sie zu verringern, befreit sie doch schwulen Sex endlich von der stigmatisierenden Verbindung mit Krankheit und Tod. Bevor ich das erkläre, will ich allerdings auf einen Punkt in Nina Queers Text eingehen, der auch in akademischen Kreisen diskutiert wird.

Ist die PrEP ein Produkt des „pharmazeutisch-industriellen Komplexes“?

Tatsächlich gibt es einige Stimmen unter schwulen und queeren Theoretiker_innen, die die PrEP in größere soziale Strukturen einordnen und als Teil eines kapitalistischen „pharmazeutisch-industriellen Komplexes“ verstehen. Demnach nütze sie vor allem den Pharmakonzernen, die durch den Verkauf von Medikamenten an Gesunde ihren Profit erhöhen könnten.

Der Begriff „pharmazeutisch-industrieller Komplex“ beschreibt die Entwicklung ab spätestens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Medikamente und Biotechnologie werden immer alltäglicher, greifen tief in das Leben der Menschen ein und verändern ihre Erwartungen, ihr Begehren und auch ihre Arten und Weisen, Sex zu haben.

Biopolitik kann Repression und Überwachung verstärken

Andere Beispiele für diese Biopolitik – der Begriff geht auf den französischen Philosophen Michel Foucault zurück, der von Bio-Macht sprach, und beschreibt den Zugriff der Politik auf unsere Körper – sind die Pille für die Frau, die Präimplantationsdiagnostik oder präventive Gesundheitspolitik durch Fitnesstracker.

Das Problem der Biopolitik ist, dass medizinische Expert_innen technische Lösungen entwickeln und dabei soziale Normen reproduzieren, wodurch Repression und Überwachung verstärkt werden, insbesondere, indem den Einzelnen stärkere Verantwortung für ihr Handeln zugeschrieben wird.

Beim Fitnesstracker ist das sehr klar: Daten über die eigenverantwortliche Körperoptimierung können für Prämiensysteme der Krankenkassen genutzt werden und beeinflussen damit subtil, aber mit umso mehr Durchschlagskraft das individuelle Verhalten.

Bei der PrEP lautet das Argument entsprechend, Gesunde würden dazu genötigt, Medikamente zu nehmen und sich einer engmaschigen medizinischen Überwachung zu unterwerfen. Es geht also bei der so verstandenen Biopolitik um gesellschaftliche Strukturen, die uns fremdbestimmen, unfrei machen und unser Leben zum Schlechteren verändern.

Die PrEP als Beispiel für demokratische Biopolitik

Die Frage ist nun, ob die PrEP tatsächlich eine solche schlechte, repressive Biopolitik ist. Meine These: Nein, das ist sie nicht. Zwar ist die PrEP definitiv Biopolitik, denn Politik und Wissenschaft steuern hier die Körper und Denkweisen der Menschen, und zwar in Abhängigkeit von den längeren Entwicklungen des pharmazeutisch-industriellen Komplexes. Doch es grenzt an Verschwörungstheorie, hier eine totale Steuerung durch diesen Komplex zu sehen.

Vielmehr zeigt die PrEP, dass es wesentlich komplizierter ist: Die schwule Community und insbesondere PrEP-Aktivist_innen haben bei der Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt. Deshalb spreche ich bezüglich der PrEP von „demokratischer Biopolitik“. Das heißt natürlich nicht, dass kapitalistische Interessen der Pharmaindustrie und die Normierung durch medizinisches Wissen keine Rolle spielen, sondern dass sie nur ein Teil der demokratischen Biopolitik rund um die PrEP sind.

Mit einer solchen Konzeption kann man die Auseinandersetzungen um die PrEP, insbesondere innerhalb der schwulen Community, besser analysieren als mit einem monolithischen Bild von repressiver Pharmamacht.

Sex ist immer durch Kultur und Technologie beeinflusst

Ein Argument aus der Biopolitiktheorie ist für eine solche Analyse besonders wichtig: Dass biopolitische Macht tief im Inneren der Menschen wirkt und ihre Vorstellungen von Normalität und ihr Begehren ändert, deshalb auch ihre Art, Sex zu haben.

„Natürlichen“ Sex, der nicht durch Kultur und Technologie beeinflusst ist, kann es gar nicht geben. Deshalb ist die Auseinandersetzung darüber, wie Sex „regiert“ werden sollte, eine politische – und idealerweise demokratische.

Weil Technologie und Kultur unsere Vorstellung von Sex beeinflussen, wirken sie auch auf die Stigmatisierung von Sex. Das ist besonders deutlich bei Nina Queers homonormativer Abwertung der „Nutten“, die angeblich „ungeschützten Sex“ haben. Solche Beschimpfungen, die man auch in vielen Dating-Apps wie Grindr oder Planetromeo findet, beruhen auf einer tief verwurzelten Ablehnung von kondomlosem Sex.

Auswirkungen der Aidskrise: Angst, Schuldzuweisungen und Verbürgerlichung schwuler Sexualität

Dahinter steht das Bild von schwulem Sex als untrennbar mit Krankheit und Tod verbunden, das in der Aidskrise entstanden ist und uns bis heute prägt. Die Aids- und Post-Aids-Generationen wuchsen mit einer tiefen Angst vor schwulem Sex auf. Er war nicht nur etwas Beschämendes, sondern auch etwas Gefährliches.

Sich daran zu beteiligen, war schon problematisch genug, aber es auf eine „unvernünftige“ und „leichtfertige“ Weise zu tun und sich mit HIV oder anderen Geschlechtskrankheiten zu infizieren, schob und schiebt Schwule aus dem Rahmen der bürgerlichen Akzeptanz von Homosexualität heraus. Diese Akzeptanz der „bürgerlichen“ Homosexualität ist ein Erfolg der schwulen Bürgerrechtsbewegung – erreicht durch die Bekämpfung der Stereotypen von hypersexualisierten und verweiblichten Schwulen, indem man sich „normal“, „männlich“ und entsexualisiert präsentiert und verhält. Das ist Homonormativität. „Schuld“ wird nicht mehr fürs Schwulsein zugewiesen, aber umso mehr für die Ausübung von promiskem und „unverantwortlichem“ Sex – und diese Zuweisung nehmen auch Schwule selbst vor.

Homonormativität ist das zeitgenössische Gesicht der Homophobie

Das Kondom war in der Aidskrise und noch lange nach ihrem Höhepunkt das einzige Mittel, um sich effektiv gegen HIV zu schützen – entsprechend bedeutungsvoll ist es für viele Schwule.

Damit geht aber auch ein ganzes Regime der Verantwortungs- und Schuldzuschreibung einher, das einer der Gründe für die Entstehung von Homonormativität ist. „Gute“ Schwule sind verantwortungsvoll und vorsichtig, benutzen immer Kondome und sind „clean“, während „schlechte“ Schwule verantwortungslos und gefährlich sind – und das deutlichste Zeichen dafür ist nachlässiger Kondomgebrauch. Diese Homonormativität ist auch das zeitgenössische Gesicht der allgemeinen Homophobie, in der der verheiratete Nachbar gerne akzeptiert wird, solange er gesund ist, aber oft genug stigmatisiert wird, wenn er HIV-positiv ist.

Schwuler Sex spielt sich im Kontext einer Ökonomie der Schuld ab, zu der Kondome einen wesentlichen Teil beitragen. Gewissenhafte Kondomnutzung ist das perfekte Schuldwerkzeug, und viele Schwule berichten von psychischen Abstürzen, nachdem sie vergessen haben, es zu benutzen – nicht nur wegen der Angst vor einer Infektion, sondern auch wegen des Stigmas, das mit dem vermeintlich unverantwortlichen Verhalten zusammenhängt, dem eine Infektion zugeschrieben würde.

Befreiung von Angst, Schuldzuweisungen und Sexnegativität

Kondombasierter schwuler Sex ist also untrennbar mit Schuld, Angst und verinnerlichter Homophobie verbunden. Die Einführung der PrEP hat das Potenzial, diese fast 40 Jahre alte Verbindung von schwulem Sex, Krankheit und Schuld aufzubrechen. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Aidskrise wächst eine neue Generation Schwuler heran, die mit Sex keine lebensbedrohliche Gefahr verbinden. Durch die neue Technologie kann eine zentrale Ursache für die homonormative Stigmatisierung schwuler Sexualität wegfallen: der fetischisierende Fokus auf das Kondom als Zeuge für das eigene Verantwortungsbewusstsein. Das funktioniert schon heute: Studien haben gezeigt, dass Stigmatisierung und Slut-Shaming von PrEP-Nutzer_innen à la Nina Queer bei Grindr stark rückläufig sind.

Gegen die Auffassung von PrEP als repressiver Biomacht habe ich darauf hingewiesen, dass man sie besser als demokratische Biopolitik verstehen sollte, weil die PrEP-Aktivist_innen die Entwicklung mit beeinflusst haben.

Die PrEP könnte ein Mittel zur Demokratisierung von Sex sein

Die destigmatisierende Wirkung der PrEP macht sie darüber hinaus zu einem Mittel zur weiteren Demokratisierung von Sex, denn Stigma und Hassrede behindern demokratischen Austausch. Die PrEP ist also nicht repressiv, sondern schafft im Gegenteil neue Möglichkeiten, Sexualität freier und sachlicher zu verhandeln.

Zum demokratischen Diskurs gehört aber ebenso, dass gemeinschaftliche Lösungen gefunden werden, die auch Nachteile haben können: Dass das Begehren untrennbar mit Technologie und Kultur zusammenhängt, heißt auch, dass es bei größerer Verbreitung der PrEP schwieriger wird, mit Kondom Sex zu haben. So könnte die PrEP-Politik tatsächlich auch PrEP-Skeptiker_innen dazu bringen, die Pille zu nehmen, um weiter an der Sexkultur teilnehmen zu können.

Emanzipatorische Sexualaufklärung ist zentraler Bestandteil demokratischer Biopolitik

Sex und die PrEP als demokratische Biopolitik zu verstehen, hilft auch beim Nachdenken darüber, wie eine weitere Demokratisierung aussehen könnte. Zentral dafür ist, die Menschen aus den Communitys noch viel stärker an der Gesundheitspolitik zu beteiligen – schließlich ist es ihre eigene Sexualität, die dadurch direkt beeinflusst wird.

Das betrifft insbesondere auch den Kampf gegen die Pharmaindustrie, die nur in zweiter Linie auf das Wohl der Patient_innen, in erster Linie aber auf den Gewinn achtet. Ein Beispiel dafür, wo gerade solche Beteiligungschancen verpasst wurden, ist die Implementierung der PrEP durch die Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung: In einem nicht transparenten Verfahren haben ihre „Expert_innen“ die Regeln der PrEP-Vergabe über die Köpfe der Community hinweg beschlossen, weitgehend ohne Mitsprachemöglichkeiten.

Wie wir begehren, ist abhängig von Kultur – und zunehmend von Technologie

Doch Beteiligung an einer demokratischen Biopolitik allein nützt wenig, wenn die Menschen nicht frei sind. Deshalb ist emanzipatorische Sexualaufklärung, die mit heteronormativen und homonormativen Vorstellungen, Sexnegativität und Stigmatisierung bricht, ein zentraler Bestandteil weiterer biopolitischer Demokratisierung.

Am Anfang dieser Vorschläge steht eine alte Einsicht der queeren Theorie, die aber bis heute nicht völlig in den Diskussionen angekommen ist: Es gibt keinen natürlichen Sex – wie wir begehren, ist abhängig von Kultur und zunehmend von Technologie. Frei machen kann man sich davon nicht, man kann nur versuchen, diese Prozesse besonnen und demokratisch zu steuern. Und vieles deutet darauf hin, dass die PrEP ein gutes Mittel dafür ist.

Lesetipps:

Karsten Schubert: The Democratic Biopolitics of PrEP. In: Biopolitiken – Regierungen des Lebens heute, hrsg. von Helene Gerhards and Kathrin Braun, 121–153. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2019, https://doi.org/10.1007/978-3-658-25769-9_5 (Das finale Manuskript findet sich auch auf karstenschubert.net zum kostenlosen Download.)

Karsten Schubert: PrEP als demokratische Biopolitik. Wie Pharmatechnologie schwulen Sex befreit (Soundbites eines Vortrags auf der Veranstaltung HIV im Dialog im Roten Rathaus Berlin am 30.08.2019)

Bild: BIGSSS

Dr. phil. Karsten Schubert ist geschäftsführender Assistent/wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Arbeitsgebiete sind zeitgenössische kritische politische Theorie und Philosophie, Demokratietheorie, Rechtsphilosophie, Queer-Theory und Anti-Rassismus. Zurzeit forscht er zur Schnittstelle von kritischer Rechtstheorie und intersektionaler gesellschaftskritischer Ethik. Zuvor promovierte er in Philosophie an der Universität Leipzig zum Thema „Freiheit als Kritik. Sozialphilosophie nach Foucault“ (Bielefeld: transcript 2018). Sein Artikel „The Democratic Biopolitics of PrEP“ analysiert, wie die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe als demokratische Biopolitik beschrieben werden kann, und zeigt, wie Pharmatechnologie schwule Subjektivität ändert und zur Destigmatisierung von schwulem Sex sowie zum Kampf gegen Homophobie beitragen kann. Texte, Videos und aktuelle Infos auf www.karstenschubert.net.

 

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HIV-Prophylaxe PrEP: Wichtige Fakten und Studien

„Ich bin vorbereitet“: Leben mit HIV in Zeiten von PrEP und Schutz durch Therapie

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Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

3 Comments

  1. Vollgummistute
    26. Januar 2020 at 18:51 — Antworten

    Ich muß einmal offen sagen daß mich ihr Artikel in eine unangenehme Defensivrolle drängt.

    Ein Kondom zu benutzen hat für mich zwei Bedeutungen.
    Einmal die technische Rolle als Barriere die nicht nur die Übertragung der meisten Geschlechtskrankheiten verhindert sondern allgemein für mehr Sauberkeit und Hygiene sorgt.

    Dann gibt es aber auch noch die Funktion als Geste: Wer ein Kondom benutzen will zeigt mir daß er Wert auf Sicherheit und Sauberkeit legt.

    Mir kommt es so vor als ob sich durch PrePP die Attitüde vieler Männer dahin geändert hat daß sie jetzt auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehmen müssen und mich frei f… wollen. Das hat bei mir ehr dazu geführt daß ich das Vertrauen verloren habe.

  2. Ralf
    28. Januar 2020 at 2:23 — Antworten

    Herzlichen Dank für den Artikel hier im magazin.hiv. ___ Ein ganz alltagsproblematisches Verhalten hat sich aus meiner Sicht durch die Einführung von PreP ergeben: Leute die auf Profilplattformen wie PlanetRomeo behaupten PreP zu nehmen, bei denen das aber nicht der Fall ist. Durch so ein verlogenes Verhalten soll der potenzielle Geschlechtspartner zu Sex ohne Kondom gebracht werden. _____ Es ist natürlich eine Binsenweisheit: Traue nur Menschen die du schon etwas länger kennst (!). Bleibe also beim Gebrauch von Kondomen. ____ Der Hygieneaspekt durch das Benutzen von Kondomen ist im vorherigen Leserkommentar bereits angesprochen worden. _____ Habe ich etwas im Artikel übersehen ? Wo steht etwas zum Paradoxon: Jemand nimmt Tabletten (PreP / Truvada) damit er eine Infektion / Krankheit (HIV / AIDS) n i c h t bekommt, weil dann wäre er (*sie) ja gezwungenTabletten (Truvada) aufgrund der Infektion / Erkrankung zu nehmen. Egal wie er (*sie) es anstellt, es entsteht immer eine Abhängigkeit von den Produkten (z.B. Truvada) der Pharmaindustrie. Deswegen sieht die Pharmaindustrie wahrscheinlich keine Notwendigkeit mehr daran zu forschen: Wie kann HIV / AIDS „“ausgerottet““ werden.

  3. Lars C
    11. Mai 2020 at 22:05 — Antworten

    Wieder mal das „Stigma“ und die PrEP als „Erlösung“ davon.

    Mir erschließt sich der ständig ins Feld geführte Grund „Entstigmatisierung“ nicht. Jene soll mit der PrEP einhergehen. Fakt ist aber doch, dass ich die PrEP nehmen muss, so wie ich (dies unstreitig stets nur „on demand) ein Kondom drüberziehe, jedenfalls wenn das Ziel ist, seronegativ zu bleiben. Die Sorge um den Serostatus ist der Kristallisationspunkt des Stigmas. So weit, so klar. Nehme ich die PrEP nicht, passen aber alle „stigmakonstruierenden“ Argumente genauso, wie gegen den „unsicheren“ gummifreien Sex vor der PrEP/ohne die PrEP. Mit der PrEP kann ich daher das gleiche und hier dem Kondom angelastete „Schuldzuschreiberegime“ argumentativ zusammenbauen. Mühelos. Dann sind die „Unverantwortlichen“ eben die, die nicht „preppen“. Das ganze hübsche Gebäude der Entstigmatisierung fällt an dieser Stelle zusammen. Schlimmer noch. Im Artikel kommt – leider folgerichtig – der nächste Stigma-Zombie direkt durch die Hintertür und kassiert gleich auch noch die persönliche Freiheit der „PrEP-Skeptiker_innen“ mit ein.

    „Zum demokratischen Diskurs gehört aber ebenso, dass gemeinschaftliche Lösungen gefunden werden, die auch Nachteile haben können: Dass das Begehren untrennbar mit Technologie und Kultur zusammenhängt, heißt auch, dass es bei größerer Verbreitung der PrEP schwieriger wird, mit Kondom Sex zu haben. So könnte die PrEP-Politik tatsächlich auch PrEP-Skeptiker_innen dazu bringen, die Pille zu nehmen, um weiter an der Sexkultur teilnehmen zu können.“

    Ohne jeden Ansatz kritischer Distanz wird hier die Zwangsmedikalisierung Schwuler als Folge der kaum verhohlen beklatschten PrEP-Politik beschrieben. Wenn schon nicht durch Gesetz, dann wenigstens durch Vergrämen der Kondomuser. Motto: PrEP oder kein (für den Nicht-PrEpper nachvollziehbar) sicherer Sex. Und dann schreibt der Autor in diesem Artikel ernsthaft etwas über Stigma. Autsch!

    Ich bin als Schwuler ja für jedes emanzipatorische Engagement denkbar. Mit Ausnahmen. Dieser Artikel ist eine. Not in my Name, Herr Dr. Schubert.

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