Gesellschaft & Kultur
Coronakrise

Mit Corona umgehen: Einander verstehen und unterstützen

Wie leben wir mit Einschränkungen durch die Corona-Pandemie? Wie hält man das Verbot von intimen Begegnungen und Berührungen aus? Was, wenn einem niemand zuhört und niemand einen versteht? Diesen Fragen ist David Stuart in einem sehr persönlichen Text nachgegangen. Als Angestellter im Öffentlichen Gesundheitsdienst sieht er seinen Dienst in der Krise darin, denjenigen, denen es schlecht geht, mit Einfühlungsvermögen und Verständnis zu begegnen und ihnen Unterstützung und Orientierung anzubieten.

Wir danken David herzlich für die Erlaubnis, seinen Text, den er am 27. März 2020 auf Facebook veröffentlicht hat, zu übersetzen und auf magazin.hiv zu veröffentlichen.

Ich bin ein stolzer Staatsdiener.
Das Dienen in dem Wort nehme ich besonders ernst.
Für mich bedeutet das nämlich, dass ich (sehr feierlich) die Verletzlichkeit und Komplexität der menschlichen Natur anerkenne.

Man sagt den Menschen, sie sollen einfach aufhören

Man sagt den Menschen, sie sollen zu Hause bleiben.
Man sagt ihnen, sie sollen mit dem Sex aufhören.
Man sagt ihnen, sie sollen „Nein“ zu Drogen sagen.
Sie sollen einfach aufhören.

Das hat man mir in den 1980er-Jahren auch gesagt.
Aber ich war jung, das Leben war kompliziert, und ich habe mit all diesen Dingen nicht aufgehört.

Heute bin ich ein gesunder, glücklicher, HIV-positiver Staatsdiener.

Ich hatte Glück. Mein Leben ist heute weniger kompliziert. Ich weiß, wie ich für mich selbst sorge, und bin von freundlichen, guten Menschen umgeben, die mir geholfen haben, an diesen Punkt zu gelangen.

Ich danke all den guten und freundlichen Menschen in meinem Leben

Heute kann ich mich dafür entscheiden, zu Hause zu bleiben. Ich kann dieses Opfer für das Allgemeinwohl bringen. Ich kann für mich selbst sorgen und mir meine höhere Verantwortung bewusst machen.

(Ich danke all euch guten und freundlichen, geduldigen Menschen, die ihr mir geholfen habt, an diesen Punkt zu gelangen. <3)

Heute gilt mein Dienst jenen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich in den 1980er-Jahren.

Einige Menschen, die ich sehr verehre – für solche Menschen arbeite ich – haben komplizierte oder schwankende Selbstwert-Konzepte.

Einige Menschen haben schmerzhafte Erinnerungen an homophobe Regierungen, die ihnen sagten, sie sollten aufhören, Männer zu lieben.

Einige Menschen sind stark von Religionen und einer Kultur der toxischen Männlichkeit beeinflusst, die ihnen sagen, sie sollten mit dem Sex aufhören.
Aufhören, sich erregt zu fühlen.
Mit dem Masturbieren aufhören.

Einigen Menschen wurde wieder und wieder gesagt, sie sollten doch einfach aufhören, Drogen zu nehmen.
Einfach Kondome benutzen.
Einfach abnehmen.
Einfach mit selbstverletzendem Handeln aufhören.
Einfach mit dem Sex aufhören.
Einfach nicht so viel essen.
Einfach mit den Drogen aufhören.

Eilmeldung: Das funktioniert nicht immer…

Als Staatsdiener besteht mein Dienst darin, liebevoll und verständnisvoll zu sein

Viele komplizierte Faktoren und Geschichten beeinflussen die Entscheidungsprozesse in unserem Gehirn.

Und als Staatsdiener besteht mein Dienst darin, liebevoll und verständnisvoll damit umzugehen.

Gütige, geduldige Menschen, die das verstanden haben … sie sind diejenigen, die mir geholfen haben, mich zu verändern und zu lernen, für mich selbst und für meine Communitys zu sorgen.

(Die anderen – diejenigen, die mir voller Ungeduld sagten, ich solle aufhören – haben meine Fortschritte gebremst. Ich empfand nur Unfreundlichkeit, Nutzlosigkeit, Scham, und sie haben nur erreicht, dass ich mich umso stärker widersetzte und auf stur schaltete.)

Es sind die freundlichen, großzügigen Menschen, die mir geholfen haben, mich zu ändern. <3

Das ist der Dienst, den ich jetzt ehre und selber leiste.

Ich VERSTEHE

Ich VERSTEHE.

Ich VERSTEHE, dass das Leben hart ist, dass es nicht leicht ist, für sich selbst zu sorgen, wenn es einem nicht gut geht, wenn man nicht klar denken kann oder wenn schlimme Erlebnisse in der Biografie das Verhalten beeinflussen.

Ich VERSTEHE, dass der Suchtdruck, das Verlangen, Drogen zu konsumieren, andere leichter überwältigt als mich.

Ich verstehe den starken Wunsch nach menschlicher Berührung, denn die Isolation ist so … unmenschlich.

Ich verstehe das.

Ich habe Mitgefühl und Einfühlungsvermögen, und ich diene jenen, die in diesen Zeiten Unterstützung und Orientierung brauchen.

Das ist meine Pflicht, mein Dienst an der Gesellschaft.

David Stuart; Übertragung: Holger Sweers

David Stuart ist seit vielen Jahren als HIV-, LGBT- und Chemsex-Aktivist engagiert. Heute arbeitet er in London für die Klinik 56 Dean Street, ein vom öffentlichen Gesundheitsdienst NHS finanziertes Angebot rund um sexuelle Gesundheit. Schwerpunkte der Klinik sind HIV, Geschlechtskrankheiten und Chemsex.


I’m a very proud civil servant.

It’s the ‘service’ part of that which I take very solemnly.
For me, that means recognising (very solemnly) the vulnerability and complexity of human nature.

People are being told to stay in.
They are being told to stop having sex.
They are being told to say no to drugs.
To just stop.

They told me that in the 1980s as well.
I was young, life was complicated, and I didn’t stop any of those things.

Today I’m a healthy happy HIV positive civil servant.
I’m fortunate; my life is now less complicated; I know self-care, and I’ve been surrounded by kind, good people who helped me get to a better place.
I can now choose to stay in. I can sacrifice for the greater good. I can self-care, and be mindful of greater responsibilities.
(Thank you to all you good and kind patient people who helped me get there. <3 )

My service, these days, is to those who were in a similar place to ‘1980s me’.

There are people I adore, the public I serve, who have complicated or fluctuating concepts of self worth.
There are people who have strong memories of homophobic governments telling them to stop loving men.
There are people who have been powerfully affected by religions & toxic masculinity culture who told them to stop having sex.
To stop feeling aroused.
To stop masturbating.
There are people who have been told again and again to just stop doing drugs.
To just wear a condom.
To just lose weight.
To just stop self-harming.
To just stop having sex.
To just stop over-eating.
To just stop doing drugs.

Newsflash; it doesn’t always work.

Lots of complicated factors and histories inform the decision-making processes in our brain.
And as a civil servant, my service is to lovingly understand that.
Kind, patient people who understood that… they are the ones who helped me to change; to learn to care for me, care for my communities.
(The others, them who just told me impatiently to Stop; they slowed my progress. All I felt was unkindness, useless, ashamed, and in fact… they made me more obstinate. More likely to dig my heels in, to double down.)

It’s the kind, generous people who helped me change. <3

That is the service I now honour and practice.
I GET it; I GET that life is hard, that caring for oneself doesn’t come easily during seasons of poor wellbeing, poor cognition, or when unkind histories haunt my behaviour.
I GET that drug use compulsions overpower others more than me.
I get the compulsion to seek human touch, when isolation is so… in-human.
I get it.

I have compassion and empathy, and I do service to those who need support and guidance during these times.
That is my duty; my civil service.

David Stuart

Source: https://www.facebook.com/1david.stuart/posts/10157151623408946

Weitere Beiträge von David Stuart:

Was ist Chemsex?

Die kulturelle Kompetenz im Umgang mit Chemsex verbessern

David Stuart hat zusammen mit Ignacio Labayen De Inza eine Handreichung zu Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Chemsex-Notfällen geschrieben. Sie liegt auf Englisch, Deutsch, Spanisch, Russisch, Französisch und Chinesisch unter https://www.davidstuart.org/chemsex-first-aid vor.

Die deutsche Fassung kann auf aidshilfe.de als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Weitere Beiträge zu Corona:

Coronavirus und Sex: Fragen und Antworten

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