Am 8. November 2022 wurde Martin Dannecker 80 Jahre alt. Zum Geburtstag des Sexualwissenschaftlers und Ehrenmitglieds der Deutschen Aidshilfe (DAH) gratulieren Weggefährt*innen und Kolleg*innen.

Es gibt wohl kaum jemanden, der den gesellschaftspolitischen Diskurs über Homosexualität sowie über HIV/Aids über Jahrzehnte hinweg so nachhaltig und wegweisend geprägt hat wie er.

In den Siebzigerjahren wurde der am 8. November 1942 im baden-württembergischen Oberndorf geborene Martin Dannecker zu einer zentralen Figur der schwulen Emanzipationsbewegung. Er nahm 1972 in Münster an der ersten Demo für die Rechte Homosexueller teil, schrieb gemeinsam mit Rosa von Praunheim das Drehbuch zu „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. 1974 veröffentlichte er gemeinsam mit Reimut Reiche unter dem Titel „Der gewöhnliche Homosexuelle“ die erste soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der Bundesrepublik.

Das Institut für Sexualwissenschaft des Klinikums der Goethe-Universität in Frankfurt am Main war für Dannecker ab 1977 und bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er forschte unter anderem zu Homosexualität, zur Theorie der Sexualität und bereits ab den frühen 1980er-Jahren auch zu HIV/Aids.

Entscheidende Impulse für die HIV-Prävention

In Aufsätzen und bei Diskussionen liefert Dannecker immer wieder entscheidende Impulse zur HIV-Prävention und hat unter anderem maßgeblich an der Entwicklung der DAH-Kampagne „ICH WEISS, WAS ICH TU“ mitgewirkt.

Neben seiner Lehrtätigkeit und der Forschung war Dannecker über die Jahrzehnte in vielen Institutionen engagiert und eingebunden, etwa als Kuratoriumsmitglied der Initiative Queer Nations e. V., als Mitglied des Beirats der Magnus-Hirschfeld-Stiftung und der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung und als Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). Er betätige sich zudem als Mitherausgeber der Buchreihe Beiträge zur Sexualforschung und der Zeitschrift für Sexualforschung.

Im Nachfolgenden versammeln wir Gratulationen von Freund*innen, Mitstreiter*innen und Kolleg*innen aus einigen seiner so vielfältigen Arbeitsfelder.

Martin Dannecker ist purer Sex!

Selbst als die kleine, graue Figur auf meinem Schreibtisch – mit langem Mantel, der markanten Sonnenbrille und dem berühmten Demo-Schild – ist die selbstsichere Überzeugungskraft spürbar, die Martin Dannecker umgibt. Wenn man dem „Theoriepapst“ gegenübersteht, hat er diesen pointierten Humor und das Funkeln in den Augen, das den bewussten, analytischen Genießer erkennen lässt. Denn die Theorie allein wäre doch irgendwann trocken. Um das Wesen einer Sache in Gänze zu erfassen, muss man sich ihr mit Leidenschaft, mit Leib und Seele widmen. Ein befreundeter Journalist brachte es nach einem Interview auf den Punkt: „Martin Dannecker ist purer Sex!“ Vielen Dank für diese tiefgründigen und differenzierten Perspektiven auf das große Faszinosum Sexualität – und dein Funkeln in den Augen. Alles Gute zum Geburtstag! Björn Beck, Vorstand Deutsche Aidshilfe

Martin Dannecker auf der Konferenz „Positive Begegnungen“ in Hamburg, 2016

Lieber Martin Dannecker, mit Deinem mutigen Aktivismus und Deinem klaren Intellekt hast Du die Selbst- und Fremdbilder schwuler Männer verändert. Du hast die schwule Emanzipation in Deutschland maßgeblich angetrieben und geprägt. Ich bin tief beeindruckt von Deinem lebenslangen Kampf für ein offenes, sexpositives, lustvolles, bejahendes und selbstbewusstes schwules Leben. Dafür einfach nur Danke! Sven Lehmann, Queer-Beauftragter des Bundes

Neugierig, offen und herzlich

Martin Dannecker hat mich zu Beginn meiner Zeit im Vorstand der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung sehr beeindruckt. Er war neugierig, offen und herzlich. Ich erinnere mich gern an seine klugen, zuweilen auch bissigen Diskussionsbeiträge bei den gemeinsamen Sitzungen von Vorstand und Beirat, die stets nachgewirkt haben. Herzlichen Glückwunsch zu deinem 80. Geburtstag, lieber Martin! Prof. Dr. Karen Nolte, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin Heidelberg

Lieber Martin Dannecker, ich schätze an Ihnen die tiefsinnigen und klugen Gedanken und Formulierungen, die u. a. mein Wissen und Verständnis zum Thema sexuelle Vielfalt geprägt haben. Ich wünsche weiterhin einen scharfen Verstand und beste Gesundheit.
Ines Perea, Bundesministerium für Gesundheit

Lieber Martin! Meine herzlichsten Glückwünsche zu deinem 80. Geburtstag. Ich möchte dir alles erdenklich Gute für dein weiteres, hoffentlich langes Leben wünschen, vor allem Gesundheit. Ich möchte darüber hinaus, als ehemaliger DAH-Referent für schwule Männer, die Gelegenheit nutzen, dir zu danken. Dir danken für deine Schriften und Anmerkungen zur Homosexualität, zum mann-männlichen Begehren vor und während der Aids-Krise. Ohne diese Grundlegung ist das DAH-Konzept der Strukturellen Prävention nicht denkbar, wäre die präventive Arbeit der deutschen Aids-Hilfen nicht so erfolgreich gewesen. Ohne sie wäre die Forderung nach Akzeptanz der Lebensstile oder die Distanz zum Risikofaktoren-Konzept nicht so zu formulieren gewesen. Ohne deine Interventionen wäre das sogenannte Verhütungsdilemma einseitig zugunsten einer rigiden Gesundheitsförderung „gelöst“ worden, mit der weltweit zu beobachtenden mangelhaften Compliance. Meine Tätigkeit im Schwulen-Referat ging von Anfang an über Informationen und Aufklärung hinaus. Wenn ich dabei, um z. B. das Selbstwertgefühl schwuler Männer über Verbalisierung und Visualisierung zu stärken, der Kritik ausgesetzt war, konnte ich immer guten Gewissens auf dich verweisen. Dafür nochmals Danke. Durch eine hohe Frequenz von medialen Erinnerungsimpulsen, gepaart mit personaler Kommunikation, wurde der Gebrauch von Kondomen erfolgreich und im weltweiten Maßstab ansehnlich erhöht, wurden die Infektionszahlen niedrig gehalten. Dieses Konzept gründet auf deinem kritischen Hinweis, dass sich der Kondomgebrauch (zumindest bei schwulen Männern) nicht habitualisieren lasse. Auch hierfür schulde ich dir Dank. Nun, HIV ist eine chronische Krankheit geworden. Die frühen präventiven Kämpfe sind Geschichte. Doch eines sollte daraus gelernt werden: die Notwendigkeit der Zielgruppen-Spezifität für eine erfolgreiche Prävention jedweder Krankheit. Zur Spezifität im Rahmen von Aids/HIV hast du, lieber Martin, entscheidend beigetragen. Rainer Schilling, ehemaliger Schwulenreferent der DAH

Jung gebliebenes Urgestein der kritischen Sexualforschung

Martin Dannecker ist ein jung gebliebenes Urgestein der kritischen Sexualforschung. Mehrfach war er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung aktiv, zuletzt als Erster Vorsitzender bis 2019. Er ist Mitherausgeber* der „Beiträge zur Sexualforschung“. Seine Pionierarbeit zur „gewöhnlichen Homosexualität“ ist über das Fach hinaus von immenser Bedeutung. Einzigartig verkörpert er die Verbindung geistes- und sozialwissenschaftlicher Zugänge zur Erforschung des Sexuellen und Geschlechtlichen. Ganz im Sinne Hirschfelds lebt er die Prinzipien „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“. Lieber Martin, wir sind dankbar für Deine wachsame und zugewandte Präsenz, Deinen Humor und besonnenen Rat, Deine Klugheit und Dein großes Engagement für unser Fach und unsere Fachgesellschaft. Du bist und bleibst uns ein wichtiger Brückenbauer und Übersetzer zwischen den Disziplinen und Generationen. Danke, lieber Martin – lass Dich feiern! Katinka Schweizer, Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung

Als Verfasser einer Geschichte der Sexualwissenschaft und jahrelanger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung kann ich nur sagen: Prof. Dr. Martin Dannecker ist weltweit einer der extrem seltenen Sexualforscher, die Wesen und Unwesen des Sexuellen in unserer Unkultur durchschaut und wissenschaftlich kritisch eingeordnet haben. Ich hoffe sehr, er wird Nachfolger und Nachfolgerinnen haben. Volkmar Sigusch, Sexualwissenschaftler

Martin Dannecker auf dem Auftaktsymposium der Kampagne „Kein AIDS für alle!“ im Jahr 2017

Lieber Martin, da es Dir unangenehm ist, pathetische Worte zu Deinem Geburtstag zu hören oder zu lesen, ist es eine kleine Herausforderung, wenn man die Anfrage bekommt, ob man als langjähriger Weggefährte etwas zu einem Strauß von Geburtstagstexten hinzufügen möchte. Ich versuche, das Pathos so gering wie möglich zu halten, denn ich weiß, dass die Ansammlung von Jahren, darüber haben wir uns oft unterhalten, auch eine Ansammlung von Auseinandersetzungen und Mühen sind, den Prozess des Altwerdens und der allmählichen Entropie mit einer gehörigen Portion von grimmigem Humor und Stoizismus besser ertragen zu können. Kritisch der Realität ins Auge zu sehen und sie nicht ornamental zu verbrämen ist schließlich eines Deiner Markenzeichen. Deine offiziellen Meriten werden von offizieller Stelle sicherlich und hoffentlich ausführlich gewürdigt. Denn das hast du verdient.Dennoch möchte ich, angesichts der Großen 80, die wir uns jetzt gemeinsam anschauen, Dir gerne eines mitteilen: unsere Begegnungen, ganz gleich zu welchem Thema oder zu welchem Zweck sie stattfanden, habe ich stets als geistig bereichernd und anregend empfunden. Immer wenn ich von ihnen weggegangen bin, hatte ich das Gefühl, etwas hat meinen Geist erweitert. Das ist eine Erfahrung, für die ich Dir sehr dankbar bin. Soviel Pathos muss dann doch sein. Clemens Sindelar

Martin Dannecker ist ein Glücksfall für die Aufklärung und Emanzipation, für Respekt im Zusammenleben von Menschen aller sexuellen und geschlechtlichen Identitäten. Er steht vorbildlich für den Auftrag Magnus Hirschfelds „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) gratuliert Martin Dannecker von Herzen zum 80. Geburtstag. Wir sind glücklich und dankbar, dass unsere Arbeit von seinem Einsatz im Fachbeirat der BMH, seiner Expertise im Rahmen unserer Hirschfeld Lectures sowie von seinem wissenschaftlichen Wirken insgesamt profitieren durfte. Helmut Metzner, Geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

So oft sprach Martin mir aus dem Herzen

Das erste Mal sah ich Martin 1973 in der Diskussion nach der TV-Aufführung des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – als gerade einmal 19-Jähriger. Ich sah diesen Mann, der beeindruckend gestikulierend Dinge aussprach, die ich damals nur zum Teil verstand, mich aber verwirrten und aufrüttelten, hatte ich doch mein Coming-out noch weit vor mir. Damals hätte ich nicht geglaubt, dass sich unsere Lebenswege beruflich wie privat einmal kreuzen würden, was dank meines Wirkens im Waldschlösschen und im Aids-Kontext geschah. So oft sprach Martin mir aus dem Herzen, wenn es um den kritischen Blick auf das Aidsgeschehen, Aids-Hilfe und -Selbsthilfe ging. Unsere späteren gemeinsamen Seminare im Waldschlösschen und deren Vorbereitungen waren für mich immer verknüpft mit einem großen persönlichen Erkenntnisgewinn, unsere Diskussionen gelegentlich auch durchaus konträr. Wir machten dabei u. a. die Dinge zum Thema, die uns auch in unserer langjährigen guten Freundschaft bewegten. Diese zutiefst freundschaftlichen und von großem Vertrauen geprägten Gespräche will ich nicht missen. Es ist ein großes Glück, lieber Martin, dich als lebensbegleitenden Freund immer wieder an meine Seite zu wissen. Wolfgang Vorhagen

Als roter Faden durch Martins Karriere als einer der führenden deutschen Sexualwissenschaftler und durch seine vielen politischen und wissenschaftlichen Stellungnahmen als „öffentlicher“ schwuler Mann, muss sein Beharren auf Differenz angesehen werden. Eine Differenz im doppelten Sinne: die zwischen schwulen und heterosexuellen Männern und mehrere zwischen den unterschiedlichen Gruppen der gleichgeschlechtlich sexuell aktiven Männer. Die Ablehnung einer harmonistischen Homogenitätsannahme bleibt eine Konstante im Denken von Martin. Genau dies begründet die Schärfe seiner Analysen. So hat es Martin Dannecker auch in den Debatten um die Prävention für homo- und bisexuelle Männer gehalten. Es muss den spezifischen Differenzen der Lebensstile, der sexuellen Präferenzen und der unterschiedlichen Dynamiken sexueller Begegnungen, Rechnung getragen werden. Eine seiner bleibenden Verdienste ist zweifellos, auch in den zugespitzten Phasen der Aids-Krise dem Kondom einen Status als Wundermittel zu verwehren.  Es sei nützlich aber keineswegs „hot and sexy“, wie Präventionisten jenseits des Atlantiks uns glauben machen wollten. Michael Bochow

Weiterführende Lektüre:

Eine Sammlung mit Aufsätzen, Vorträgen und Reden von Martin Dannecker aus Jahrzehnten mit einem Nachwort von Clemens Sindelar und Karl Lemmen ist 2019 unter dem Titel „Fortwährende Eingriffe“ erschienen. Es ist als PDF auf aidshilfe.de abrufbar und in Buchform im Verlag Männerschwarm erhältlich (232 Seiten, 20 Euro).

Interview mit Martin Dannecker anlässlich des Erscheinens seins Buches „Fortwährende Eingriffe“ (magazin.hiv. 10. April 2019)

Biografisch-narratives Interview mit Martin Dannecker, geführt von Patsy l’Amour laLove (2018, YouTube-Kanal der Deutschen Aidshilfe)

Martin Dannecker wird Ehrenmitglied der Deutschen Aidshilfe (aidshilfe.de, 2. November 2016)

Ein außergewöhnlicher Homosexueller (Beitrag von Michael Bochow zu Martin Danneckers 70. Geburtstag, aidshilfe.de, 08.11.2012)

Martin Dannecker: „Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit“, Rede zur Eröffnung der 6. Münchner AIDS- und Hepatitis-Werkstatt am 13. März 2015)

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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