Im November 2011 hat die Deutsche AIDS-Hilfe ein Seminar zum Thema „HIV-positive Frauen und Studien: mit uns und für uns!“ veranstaltet. Eine der Seminarleiterinnen war Dr. Annette Haberl, seit 1996 am Frankfurter HIVCENTER tätig, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG) und Mitglied des Nationalen AIDS-Beirats (NAB).

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Quelle: www.wikimedia.org

Sophie Neuberg sprach mit ihr über die Ergebnisse des Seminars und die Forderungen von Frauen an die Forschung.

Wie sieht es mit frauenspezifischen Aspekten in der HIV- und Aids-Forschung aus?

Auch wenn hier in den letzten Jahren insgesamt eine positive Entwicklung zu beobachten ist, liegt der Frauenanteil bei klinischen Studien nach wie vor bei nur 20 bis 30 Prozent. Je nach Größe der Studie ist dann eine Unter-Analyse zu den Frauen statistisch oft nicht mehr aussagekräftig, weil ihre Gesamtzahl einfach zu klein ist. HIV ist damit in der Medizin aber keine Ausnahme, auch in anderen Bereichen ist der Frauenanteil in klinischen Studien ein Problem. Bei Medikamentenstudien sind Frauen oft schon deshalb unterrepräsentiert, weil sie schwanger werden könnten, was dann ein sogenanntes unerwünschtes Ereignis wäre und zum Studienausschluss führen würde.

Gibt es denn Medikamente, bei denen sich im Nachhinein herausgestellt hat, dass sie bei Frauen eine andere Wirkung oder spezielle Nebenwirkungen haben?

Ein Beispiel ist die Substanz Nevirapin: Erst 2005, neun Jahre nach der Zulassung in den USA, hat die zuständige Food and Drug Administration (FDA) eine Warnung herausgegeben, dass das Medikament bei Frauen mit hohen Helferzellzahlen bei Therapiebeginn eine deutlich höhere Nebenwirkungsrate hat als bei Männern mit vergleichbaren Werten. Mit mehr Frauen in der Zulassungsstudie hätte man das natürlich früher entdeckt. So musste erst der klinische Alltag mühsam die notwendigen Daten liefern. Gerade in Zulassungsstudien für neue Medikamente ist deshalb ein höherer Frauenanteil erforderlich.

Was sind im HIV- und Aids-Bereich Aspekte, die Frauen besonders betreffen und interessieren?

Wir brauchen ein zentrales Schwangerschaftsregister

Ein wichtiges Thema ist die Empfängnisverhütung, denn viele HIV-Medikamente haben Wechselwirkungen mit oralen Verhütungsmitteln, sodass Frauen die Pille nicht nehmen können bzw. durch sie keinen sicheren Schutz vor einer Schwangerschaft haben. Natürlich ist auch die Sicherheit der HIV-Medikamente in der Schwangerschaft ein großes Thema. Da fehlte uns bislang in Deutschland ein Schwangerschaftsregister, wie es beispielsweise in den USA schon lange existiert. Wir sind aber gerade dabei, ein solches Register einzurichten. Es wird im nächsten Jahr bundesweit an den Start gehen. Bei der Datenerfassung geht es im Wesentlichen darum, zu erfahren, wie viele Schwangerschaften HIV-positiver Frauen es in Deutschland überhaupt gibt, wie die Frauen behandelt werden und wie hoch die Fehlbildungsrate bei den Kindern ist. Die Fehlbildungsrate liegt in unserer Bevölkerung zwischen zwei und vier Prozent. Zu zeigen, dass diese Rate bei Kindern, die in der Schwangerschaft HIV-Medikamenten ausgesetzt waren, nicht höher ist, bringt Frauen und ihren Ärztinnen und Ärzten mehr Sicherheit.

Annette Haberl
Annette Haberl (Quelle: bmg.bund.de)

Ein weiteres Thema, das Frauen momentan sehr interessiert, sind die Wechseljahre. Die HIV-Patientinnen werden älter, und da stellt sich die Frage: Wie wird man als Frau gut alt mit HIV? Das wissen wir ja noch gar nicht. Wie sieht es mit der Knochendichte nach den Wechseljahren aus? Die HIV-Infektion selbst scheint sich negativauf den Knochenstoffwechsel auszuwirken, und unter HIV-Medikamenten kann es zu einer – weiteren – Verringerung der Knochendichte bis zur Osteoporose kommen. Um aber Fragen rund um die Wechseljahre beantworten zu können, brauchen wir zum einen klinische Studien und zum anderen Ergebnisse aus Langzeitstudien mit einer festen Gruppe von Frauen, eine sogenannte Kohorte.

Außerdem stellt sich die Frage, was mit dem Risiko für einen Herzinfarkt ist. Frauen ohne HIV haben nach der Menopause ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – bei Frauen mit HIV scheint es drastisch erhöht zu sein. Das sind Themen, die auch die Seminarteilnehmerinnen sehr interessiert haben.

Viele Frauen mit HIV stehen wirtschaftlich nicht gut da

Sind Frauen eigentlich besonders an ergänzender oder alternativer Medizin interessiert?

Dazu stehen uns bislang keine Studienergebnisse zur Verfügung. Vom Gefühl her würde ich sagen, ja, Frauen informieren sich darüber, was sie zusätzlich zur Medikamenteneinnahme noch für sich tun können, aber ich habe keine konkreten Zahlen. Dieser Bereich liegt völlig brach. Man müsste die Frauen hier erst einmal nach ihren Bedürfnissen fragen. Ein Problem ist allerdings, dass die meisten Frauen mit HIV bei uns wirtschaftlich nicht gut dastehen, sodass sie sich kaum etwas extra leisten können. Manchmal ist schon die sogenannte gesunde Ernährung finanziell ein Riesenproblem. Vor allem alleinerziehende Mütter mit HIV sind hier betroffen. Da ist Alternativmedizin aus wirtschaftlichen Gründen einfach kein Thema.

Gibt es aktuelle Forschungsergebnisse, die für Frauen besonders wichtig sind?

In der berühmt gewordenen Studie mit dem Namen HPTN 052 war der Anteil der Männer und Frauen ausgewogen. Sie hat wissenschaftlich bewiesen: Eine gut funktionierende HIV-Therapie reduziert das Risiko der Übertragung um mindestens 96 Prozent und ist damit genauso effektiv wie Kondome. Das ist für Frauen mit HIV eine wichtige Nachricht, und das nicht nur beim Thema Kinderwunsch.

In einer anderen Arbeit wurden kürzlich die Ergebnisse mehrerer Studien nach möglichen geschlechtsspezifischen Unterschieden in der HIV-Therapie ausgewertet. Erfreulicherweise zeigte sich dabei, dass der Therapieerfolg bei Männern und Frauen gleich war. Wir sehen allerdings bei Frauen immer noch häufiger Therapiewechsel aufgrund von Verträglichkeitsproblemen. Das Nebenwirkungsprofil bei Frauen und Männern ist einfach unterschiedlich.

Im Seminar ging es auch um die geringe Teilnahme von Frauen an Studien. Was meinen Sie, woran das liegt?

Die Teilnahme an Studien bringt oft Belastungen mit sich

Im Seminar habe ich erlebt, dass Frauen sehr daran interessiert sind, mehr über Studien zu erfahren. Sie wollen wissen, wie diese konzipiert werden, ob sie daran mitwirken können, wo welche Studien laufen usw. Die Frauen waren hoch motiviert, sich einzubringen. Dabei muss man wissen, dass die Teilnahme an einer Studie für die einzelne Teilnehmerin meist keinen Vorteil hat, sondern oft sogar mit Belastungen wie häufigeren Visiten und Blutabnahmen verbunden ist – das alles für das hehre Ziel, zum Fortschritt der Wissenschaft beizutragen. Wenn Frauen Kinder haben, ist eine Studienteilnahme für sie oft auch mit organisatorischen Schwierigkeiten verbunden. Dazu kommt vielleicht noch eine finanzielle Belastung durch Babysitter, Fahrkarten usw. – da bräuchte man eine entsprechende Aufwandsentschädigung, Kinderbetreuung oder auch einfach eine Fahrtkostenerstattung. Wenn Frauen eine bestimmte Empfängnisverhütung brauchen, um an einer Studie teilnehmen zu können, muss auch dafür die Kostenübernahme gesichert sein. Es geht doch nicht an, dass eine Frau sich in eine Studie einbringt, die Belastung auf sich nimmt und noch dazu die Kosten für eine Spirale selbst tragen muss!

Was müsste sich bei der Pharma-Industrie ändern, damit sich das verbessert?

Die genannten organisatorischen und finanziellen Barrieren müssen abgebaut werden. Außerdem ist es wichtig, die Frauen besser zu informieren: Warum ist eine Studie notwendig? Wie wird sie durchgeführt? Was sind die einzelnen Schritte? Man muss sich mehr Zeit nehmen – und da nehme ich mich nicht aus –, um den Frauen zu erklären, welche Konzepte und Studientypen es gibt. Frauen möchten hier ernst genommen werden. Sie sind kritisch, und das zu Recht. Im Seminar beklagten die Frauen, dass sie über Ergebnisse gar nicht informiert werden, wenn sie an einer Studie teilgenommen haben. Es ist aber sehr wichtig, dass man als Studienteilnehmer ein Feedback bekommt und erfährt, was bei einem Forschungsprojekt herausgekommen ist.

Frauen mit HIV wollen außerdem mehr Mitbestimmung: Sie müssen deshalb bereits in einer frühen Phase der Planung einbezogen werden, damit sich eben nicht plötzlich herausstellt, dass eine Empfängnisverhütung zwar nötig ist, die Kosten aber nicht übernommen werden, weil keiner daran gedacht hat.

Frauen müssen sich aber auch besser positionieren und gemeinsam ihre Forderungen stellen, zum Beispiel, dass Langzeitdaten von Frauen gezielt erfasst werden müssen. Wir brauchen Verlaufsdaten zu Wirkungen und Nebenwirkungen, und dazu brauchen wir eben eine HIV-Kohorte von Frauen, die natürlich Geld kostet. Die gemeinsame Forderung von Betroffenen und Medizinern nach mehr frauenspezifischer Forschung im HIV-Bereich kann sicher dazu beitragen, die Finanzierung voranzutreiben und Firmen hier in die Verantwortung zu nehmen. Die Frauen jedenfalls sind bereit, sich aktiv an der Forschung zu beteiligen, aber man muss sie mit ihnen zusammen sinnvoll gestalten.

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