Aus der Not heraus geht Montréal pragmatische Wege bei der Risikominimierung. Der Drogenkonsumraum von CACTUS gibt Einblicke in die Zukunft von Drogenhilfeangeboten. Ein Ortstermin am Rande der Welt-Aids-Konferenz.

Von Dirk Schäffer und Anja Liebig

Zehn Minuten zu Fuß vom Konferenzcenter in Montréal befindet sich ein Drogenhilfeprojekt, in dem sich mehr lernen lässt, als in so mancher Konferenzsession. Denn Kanada beschreitet seit einigen Jahren bei der Schadensminimierung innovative Wege (siehe Kasten ganz unten). Das Projekt CACTUS vereint dabei einen Drogenkonsumraum mit Drugchecking-Angeboten. Beim Ortstermin gewannen wir viele wertvolle Anregungen für die weitere Arbeit in Deutschland – und wurden mehrfach überrascht. Montréal ist uns einige große Schritte voraus.

Fentanyl in Reinform hat Heroin fast abgelöst

Der Hintergrund des Fortschritts ist eine bedrohliche Situation, die uns auch in Deutschland erwarten könnte: Das äußerst starke Fentanyl in Pulverform hat Heroin in Montréal fast ganz abgelöst. Dieses synthetische Opioid wurde früher zum Strecken von Heroin eingesetzt, heute wird es in Reinform verkauft. Auch in Europa ist die gefährliche Substanz angekommen und hat Heroin in den baltischen Staaten bereits weitgehend vom Markt verdrängt, wie gerade das Projekt SO PREP („Synthetic Opioid Preparedness in Europe“) gezeigt hat. Deutschland verzeichnete 2021 erstmals etwa 100 drogenbedingte Todesfälle unter Beteiligung von Fentanyl und verwandten Substanzen.

Ganz einfach und nach Bedarf

Da Naloxon auch gegen Fentanyl wirkt, werden alle Nutzer*innen der Einrichtung CACTUS routinemäßig mit einem Naloxonkit ausgestattet, das neben einem 4-mg-Nasenspray (Deutschland: 1,8 mg) auch vier weitere Anwendungen per Injektion (0,5 mg) ermöglicht. Die Kits werden nach kurzer Einweisung ohne medizinisches Fachpersonal vergeben. Uns hat dieser pragmatische Umgang mit dem Lebensretter begeistert, zeigt doch das Modellprojekt NALtrain in Deutschland jetzt schon: Der Weg zum Erhalt des Naloxons ist zu aufwendig. Mit den jetzigen Regeln und Strukturen wird es nicht gelingen, die Zahl opioidbedingter Todesfällen signifikant zu reduzieren.

Fentanyl-Schnelltests würden helfen

Zudem bietet CACTUS detailliertes Drugchecking an – in Deutschland mit Ausnahme eines einzigen Projekts in Thüringen (Erfurt) noch Utopie. Die in Montréal angebotenen Fentanyl-Schnelltests würden hierzulande helfen, mehr über den Anteil der Substanz im Straßenheroin zu erfahren. Sie können mit Anhaftungen der Verpackung durchgeführt werden oder mit der zubereiteten Heroinlösung selbst – vor dem Konsum.

Nicht schlecht staunten wir auch, als wir sahen, dass Mitarbeiter*innen Unmengen von Konsumutensilien in Sets verpacken. Sogar teure Utensilien wie Pfeifen zum Crack- oder Methamphetaminkonsum werden nach Bedarf abgegeben. Die Begründung der Kolleg*innen war so simpel wie wahr: „Nur wenn Konsumierende in der Lage sind, immer ihre eigenen Utensilien zu nutzen und eine gemeinsame Nutzung oder gar einen Tausch grundsätzlich vermeiden, können wir Erfolge in der Vermeidung von HIV und Hepatitis verzeichnen.“

Das Angebot von CACTUS wird von der kanadischen Provinz Quebec und der Stadt Montréal gemeinsam finanziert. In Deutschland hingegen gaben im Rahmen der ersten Konsumutensilienbefragung viele Einrichtungen an, dass eine bedarfsgerechte Abgabe von Konsumutensilien aufgrund finanzieller Zwänge nicht möglich ist.

Wo konsumieren Frauen?

Innovativ und pragmatisch zeigt sich Kanada auch bei den Regeln, die in der Einrichtung gelten. Ähnlich wie in Deutschland war die gegenseitige Unterstützung beim Konsum verboten. Dies führte dazu, dass der bereits geringe Anteil von Frauen noch weiter sank. Paare wollen ihre Droge oft gemeinsam zubereiten und unterstützen sich beim Injizieren. Dementsprechend konsumierten viele Frauen nicht in der Einrichtung, sondern mit ihren Partner*innen im Umfeld. Spezielle Angebote für Drogen konsumierende Frauen, etwa zu Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch, blieben weitgehend ungenutzt. Ein verstärktes Streetworkangebot konnte dieses Defizit nur punktuell ausgleichen. Nach einigen Diskussionen wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen verändert, gegenseitige Hilfe beim Konsum ist nun legal.

Ärzt*innen stehen per Screen für ein erstes Infogespräch bereit

Telemedizin im Drogenkonsumraum

Und dann auch noch Telemedizin! Wie in Deutschland verfügt Kanada über die Möglichkeit der Diamorphinbehandlung, also der Substitution mit pharmazeutisch erzeugten und damit nicht verunreinigtem Heroin. Außerdem wird unter anderem Hydromorphon, ein stark wirkendes halbsynthetisches Opioid, eingesetzt. Gerade Nutzer*innen von Drogenkonsumräumen, die noch nicht in einer Substitutionsbehandlung sind, zeigen sich häufig offen für eine Behandlung mit Diamorphin oder Hydromorphon. Um den Kontakt zu Mediziner*innen zu erleichtern, stehen an bestimmten Tagen Ärzt*innen per Screen bereit, um ein erstes Infogespräch zu führen und Fragen zu beantworten. Dieses Modell wäre auch für niedrigschwellige Drogenhilfe-Angebote bei uns einsetzbar, um den Zugang zur Behandlung zu erleichtern.

Deutschland kann das auch

Mit stationären und mobilen Drogenkonsumräumen in mittlerweile neun Bundesländern befinden wir uns auch in Deutschland auf einem guten Weg. Kanada liefert uns aber ein Beispiel dafür, dass man sich nicht mit dem Status Quo zufriedengeben darf. Wir brauchen ein flächendeckendes Angebot und eine bessere Finanzierung. Drugchecking steht im Koalitionsvertrag und muss nun in ganz Deutschland rasch Realität werden. Die Betreiber*innen von Drogenkonsumräumen sind über die Deutsche Aidshilfe gut vernetzt. Eine hervorragende Basis für Fortschritte – wenn Bund und Länder sie ermöglichen.

Best-Practice-Projekte gegen „Opioidkrise“
Kanada hat, wie kaum ein anderes Land, in kurzer Zeit die Angebote zum sicheren und hygienischen Konsum illegaler Substanzen massiv ausgebaut. 2018 gab es zehn Drogenkonsumräume, heute mehr als hundert. Hintergrund ist die „Opioidkrise“ mit mehreren 10.000 Todesfällen, die auch in den USA zu beobachten ist. Freizügig als Schmerzmittel verschriebene Opioide, etwa nach Unfällen oder bei Schmerzzuständen, machten Menschen ab Mitte der Neunzigerjahre abhängig. Seit sie diese Substanzen nicht mehr oder nur in geringeren Dosen erhalten, beschaffen viele sie sich auf dem illegalen Drogenmarkt. Hier gerieten sie in Kontakt mit Heroin und Fentanyl aus Asien, das zumeist in Pulverform verkauft wird.

Dirk Schäffer ist Referent für Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen Aidshilfe, Anja Liebig ist Referentin für Frauen und weibliche Sexarbeit bei der Deutschen Aidshilfe

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